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| Saris am Strassenrand |
(H) Nachdem ich am fruehen Morgen (4:00 Ortszeit) in Ahmedabad angekommen war, galt es als erstes, mein Fahrrad wieder zusammen zu setzen. Ich baute mich direkt vorm Flughafengebaeude auf und machte mich ans Werk. Dabei stand ueberraschenderweise eine Menschentraube um mich herum und kommentierte fleissig, was ich so tat. Allerdings liess ich mich davon nicht ablenken, am Ende wollte ich schliesslich ein brauchbares Resultat erzielen. Das ganze nahm einige Stunden in Anspruch, bis gegen halb acht, der neue Tag war mittlerweile angebrochen, Ravi auftauchte, mein Gastgeber hier in der Stadt. Ganz fertig war ich zwar noch nicht, doch es reichte, um mich von ihm zu sich nach Hause ziehen zu lassen. Er ist Seemann, weswegen er vier Monate am Stueck unterwegs ist und die folgenden drei in Indien verbringt. Dabei reist er hier aber sehr oft mit seinem heiss geliebten Motorrad herum.
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| Der alltaegliche Wahnsinn |
Gleich am ersten Tag wurde ich von so vielen Eindruecken bombardiert, dass ich kaum weiss wo ich beginnen soll. Schon das Strassenbild unterscheidet sich sehr stark von allen anderen Gegenden, durch wir bisher gereist waren. Die teilweise sehr improvisierten Bauwerke am Strassenrand, Wanderarbeiter die einfach neben einem Zaun leben, Hunde und Kuehe ueberall, die den Verkehr ueberhaupt nicht wahrzunehmen scheinen und natuerlich jede Menge Inder. Die teilweise schreiend bunten Gewaender der Frauen sind eine wahre Augenweide. Auch werden hier zur Zeit viele Drachenschnuere am Strassenrad gefaerbt, da hier in einer Woche ein grosses internationales Drachenfestival statt findet. So viel Pink hab ich noch niemals zuvor gesehen. Ich bin auch sehr froh die ersten Tage auf Indiens Strassen auf dem Ruecksitz on Ravis Motorrad erkundet zu haben. Allein waere ich des oefteren in den fliessenden Verkehr gerasselt. Linksverkehr eben.
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| Gandhis Ashram |
In Reisefuehren wird oft vor dem moerderischen indischen Verkehrschaos gewarnt und tatsaechlich scheint es auf den ersten Blick sehr ungewohnt, sich in diesem selbstorganisierenden Chaos zurecht zu finden. Es funktioniert aber tatsaechlich, nur eben nach anderen Regeln als bei uns. Was in Ahmedabad sehr, sehr angenehm ist, ist die relativ saubere Luft. Seit zwei Jahren ist der gesamte oeffentliche Nahverkehr, was im wesentlichen die dreiraedrigen Motorrikshas und einige Busse sind, auf CNG (=“Compressed Natural Gas“) umgestellt worden.
Als erstes fuhr Ravi mich zu Gandhis Ashram. Der Ort, an dem der grosse Pazifist die laengste Zeit gelebt und gelehrt hat. Eine Mischung aus Park, originalen Wohnhausern und einem Museum. Trotz der lebhaftigen Hektik auf den Strassen herrscht an diesem Ort eine heilige Ruhe. Niemand wuerde es wagen, hier laut zu werden oder anderswie die besinnliche Atmosphaere zu stoeren. Ravi erzaehlte mir auch sehr viel ueber die indische Kultur, zum Beispiel, was neu fuer mich war, dass der Hinduismus eigentlich eine monotheistische Religion ist.
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| allgegenwaertig: Streifenhoernchen (Video). |
Die Hauptgottheit wird in drei Teile geteilt (Brahma=Erschaffer, Vishnu=haelt die Dinge am Laufen, Shiva=Zerstoerung). Von diesen koennen Avatare auf Erden wandeln, die wiederum einen Teilaspekt der jeweiligen Muttergottheit darstellen. So ist Jagdish, ein Avatar Vishnus, fuer die Kunst zustaendig. Er erklaerte mir auch, wie Ganesha zu seinem Elefantenkopf kam: Seine Mutter, die Frau Shiva, machte ihn aus dem Dreck, der auf ihrer Haut war. Dann kam Shiva nach Hause, sah einen huebschen Juengling bei seiner Frau, geriet in Rage, jaehzornig wie er war, und koepfte ihn. Die Mutter, darueber weniger amuesiert, trug ihm auf, den Kopf des ersten Lebewesen, dass Shiva treffen wuerde, als Ersatz zu bringen. Es war ein Elefant.
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| Mal ehrlich: Wer haette gewusst was das ist? |
Auch schwaermte Ravi von dem Drachenfestival. Es ist ein regelrechter Krieg. Ein Drache kostet 1.5 Rupie (56 RS = 1EUR) und jeder kauft ein paar Hundert von den Dingern. In den Schnueren befinden sich kleine Glassplitter und Ziel des ganzen Spasses ist es, mit seiner Schnur moeglichst viele andere Schnuere zu kappen, bevor die eigene dran glauben muss. Leider wollte ich keine ganze Woche hier verbringen und gab dem Rad den Vorzug vor den Drachen.
Sehr interessant fand ich auch das Leben in Ravis Familie. Ueber das hervorragende indische Essen muss ich ja sicher kein Wort mehr verlieren. Davon gab es reichlich und jedesmal anders. Hier in der Gegend sind die meisten Leute Vegetarier. Allerdings scheint die Fruehstueckskultur keinen deutschen Anspruechen genuegen zu koennen (was sie ja auch nicht muss;-) ). Es besteht im wesentlichen aus einer Tasse Tee und Keksen, wenn mans ueppig haben will. Die Dusche besteht einfach nur aus einem Eimer und einer Schoepfkelle. Ist aber auch nicht viel anders, als mit einem Duschkopf ohne Halterung zu duschen. Beim Duschen sah ich im Bad einen Gegenstand, dem ich ueberhaupt keine Funktion zu ordnen konnte. Auf Nachfragen erklaerte man mir, dass es sich um einen Zungenreiniger handele.
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| Begegnung am Strassenrand |
An den Abenden fuhren wir meistens mit ein Paar Freunden Ravis auf den Highways entlang und vernichteten eine Flasche Wiskhey. In Gujarat, dem Bundesstaat in dem Ahmedabad liegt, ist Alkohol verboten, weswegen dieser auf dem Schwarzmarkt besorgt werden muss. Filmreif trafen wir uns mit dem Dealer auf einer Bruecke. Wir warteten ausserhalb des Autos, er erschien auf einem Motorrad, stieg allein ins Auto, deponierte die Flasche und verschwand nach ein Paar Worten wieder.
Apropos filmreif: Ravi und ich waren noch gemeinsam im Kino in einem sehr, sehr guten Film ueber einen Jungen mit Dislexie (Schwierigkeiten das Alphabet zu behalten). Er war zwar groestenteils auf Hindi, doch Ravi uebersetzte die wichtigsten Stellen simultan. So konnte ich gut folgen. Ansonsten zeigte er mir noch ein paar ruhige und ausgefallene Ecken der Stadt, die ich ohne Fuehrer sicherlich nicht gefunden haette. Unter anderem erstand ich dort auch eines der haesslichsten Moskitonetzes der Welt. Farbe: blasslila *schuettel*. War aber noch das kleinste Uebel der vorhandenen Auswahl.
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| Befahrener Highway |
Am 11.1. machte ich mich dann nach drei schoenen und lehrreichen Tagen wieder auf den Weg und trat in die Pedale. Das erste Mal allein seit einem halben Jahr. Es war schon ein grosser Unterschied. Keine Gespraeche mehr beim Fahren, auch keine Diskussionen ueber die Strecke, Pausen und Geschwindigkeit. Ich muss gestehen, dass ich diese neue Freiheit genossen habe.
Auf Ravis Empfehlung nahm ich den Highway. Ich wollte mir selbst erst einmal ein Bild machen, ob ich diese lieber meiden sollte oder nicht. Er stellte sich als gut befahrbar heraus. In gutem Zustand, Seitenstreifen und angemessen wenig Verkehr. Immer wenn es durch eine Ortschaft ging, war der Mittelstreifen befestigt und mit unglaublich vielen, unglaublich pinken Blumen bepflanzt. Ein ungewohnter, aber sehr schoener Anblick. Am Abend des ersten Radeltages erhielt ich zwei Einladungen von Mopedfahrern doch bei ihnen einzukehren. Ich landete schliesslich bei Familie Patel (scheint die indische Entsprechung von Mueller zu sein) in Vamoj.
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| Schienenueberfuehrung zwischen Ahmedabad und Udaipur |
Das Heim war schon sehr anders. Dachte ich bisher persische Haeuser seien karg eingerichtet, wurde ich eines besseren belehrt. Teppiche oder Bilder gab es nicht. Dafuer Liegen im Wohnzimmer. In der Kueche stand nur ein Regal, ein Kuehlschrank und ein Zwei-Flammen-Campingkocher auf dem nackten Betonboden. Nichtsdestotrotz war das Essen wieder einmal ein Pracht. Nach dem Essen kam die versammelte Dorfjugend (zeitweise 20 Leute). Wir zogen noch einmal durch den Ort und mir wurde die zentrale Milchsammelstelle und der Tempel gezeigt. Danach sassen wir noch eine ganze Weile im Haus der Familie (immer noch mit der Dorfjugend) und ich wurde mit Fragen bombardiert. Meine Stimme war noch ein wenig vom Abend zuvor angeschlagen und tatsaechlich konnte ich am naechsten Morgen kaum noch einen Ton ueber die Lippen bringen. Heiser!
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| Dorfjugend im Dorftempel |
Naja, nach der Fruehstuecksteetasse ging es wieder weiter. Die Witterung ist am Morgen noch recht kuehl. Erst gegen Mittag zog ich mein langes Radelshirt aus. Ungefaehr zur selben Zeit passierte ich die Grenze zwischen Gujarat und Rajasthan. Von nun an wurde die Vegetation wieder karger und die Landschaft huegeliger. Ein bestaendiges sanftes Auf und Ab mit geringer Steigung. Nach dem Iran fast gar nicht mehr zu bemerken
. Dafuer merkte ich meine Achillessehne um so mehr. Ich war in Ahmedabad mit der falschen Sattelhoehe gestartet und hatte den Fehler, der sich beim Zusammenbauen eingeschlichen hatte, erst nach 40 km bemerkt. Durch die Fehlstellung war die Sehne gereizt worden und tat nun ihren Unmut kund. Deshalb hielt ich, nachdem Udaipur, mein naechstes Ziel, in Tagesreichweite gelangt war, schon etwas frueher nach einem Schlafplatz Ausschau. Allein, die Gegend war durchgehend besiedelt und angeschlagen und stumm wie ich war, wollte und konnte ich nicht erneut einen Abend bei einer Familie Rede und Antwort stehen.
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| Jagdishtempel in Udaipur |
Also blieb mir letzten Endes nichts weiter uebrig, als ein billiges Hotel am Strassenrand zu nehmen. War auch ganz OK, wenn ich auch nicht ganz so gut geschlafen habe. Heute, am 13.1., machte ich dann den letzten Hopser nach Udaipur. Einer der schoensten Staedte Suedrajasthans. Die Stadt liegt an zwei Seen, deren Ufer von Palaesten und Tempeln geaeumt sind. Auch hier wich ich auf ein Hotel aus, da sich nichts anderes finden liess. Da die Kosten dafuer hier aber nicht so hoch sind, ist das kein Problem. Ich landete in einer schoenen Bleibe, die von einer sehr freundlichen Familie betrieben wird. Die verbliebenden Stunden nutzte ich, um noch einiges an benoetigter Reiseliteratur zu besorgen und auf einer der unzaehligen Dachterrassen mit Seeblick zu speisen. Ich werde hier noch 2-3 Tage verbringen, die Stadt geniessen und meine weitere Route mit Hilfe der neu erworbenen Reisefuehrer planen. Dabei wird sich hoffentlich auch bald die Heiserkeit legen. Nun ist sogar eine leichte Erkaeltung dazu gekommen.
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