JuS: Goa und Maharashtra (06.01. – 16.01.)

heilige Kuehe.

06. – 10.01.: Gruenes Goa

(J) Wir hatten unsere Visa fuer Indien seit Tagen in der Tasche, unser Flug war lange gebucht, auch unsere Fahrraeder steckten bereits in ihren Kartons. Es war nichts mehr zu tun, als wir am 6.1.2008 zusammem mit Hannes auf dem grossen Platz vor Rezas kleiner Wohnung sassen. Wir warteten, dass die Zeit verstich. Der Abschied nahte und die Aufregung wuchs sekuendlich. Nach einem halben Jahr gemeisamer Reise wuerden Sven und ich uns nun fuer unbestimmte Zeit von Hannes verabschieden und das stimmte uns trotz der Vorfreude auf ein neues Land traurig.

Wir hatten so vieles gemeinsam erlebt. So weiss ich noch ganz genau, wie ich die Jungs dazu gebracht hatte, ihre Fahrraeder ueber eine schmale aber hohe Fussgaengerbruecke zu tragen, weil Hannes aus maennlichen Starallueren heraus sich nicht dafuer entscheiden konnte, eine Gegenstimme abzugeben (Es lebe die Zweidrittelmehrheit ;) ).

Unser Hannes.

Ich kann mich auch noch an den Tag erinnern, an dem wir beide gemeinsam am Schwarzen Meer den Raki hinutergekippt haben, weil wir muede wurden und zum Schlafen zu Sven ins Zelt kriechen wollten, oder, wie wir in Wien durch die Wohnkueche meiner Tante getanzt sind. Und dann das leckere Eis am Strassenrand vor Budapest, und und und … Nun wuerde alles ganz anders werden. Jeder hing seinen Gedanken nach. Manchmal sprachen wir ein Wort, ansonsten schien das normalerweise so hektische Dubai sich in die Abenddaemmerung zurueckzuziehen und uns in Ruhe lassen zu wollen. Ich hatte Svens schweissnasse Hand in die meine genommen. Er dachte voller Unwohlsein an das Fliegen.

Ueberfuellter Flughafen.

Dann aber kam unser „Taxi“ zum Flughafen Sharjah und alles passierte mit einem Mal ganz ploetzlich. Kaum hatten wir das Gepaeck auf die Ladeflaeche des Trucks gehieft, da heulte der Motor auf. Es blieb wenig Zeit fuer den Abschied von Hannes und Reza. Eine kurze Umarmung, ein schnelles Winken und wir bogen um die naechste Ecke. Die Zeit begann erneut zu existieren und schien ihren Stillstand durch Geschwindigkeit ausgleichen zu wollen. Unser Fahrer schlaengelte sich wagemutig durch den Verkehr. Jede noch so kleine Luecke wurde ausgenutzt. Auf sechsspurieger Fahrbahn verliessen wir die Stadt und im Nu enterten wir das naechste Emirat, Sharjah. Quietschende Reifen, ein kurzer Ruck und wir standen vor dem Haupteingang des Flughafens. Dann waren wir alleine.

Beladene Trollies.

Das Gepaeck war schnell auf die Trollies geladen. Begierig stuerzten wir uns in das Gedraenge, schliesslich waren wir nicht die einzigen, die in den naechsten Stunden nach Indien fliegen wollten. Schon vor den Toren des Flughafens wurde gedraengelt und geschubst. Wer besonders dreist war kam zwar nicht unbedingt schneller voran, hatte aber das befriedigende Gefuehl an seiner Langsamkeit nicht selbst Schuld zu sein. Nur die weiss- und schwarzgewandeten Emiratis wurden an den Menschenmassen vorbeigeleitet. Irgendwann hatten wir es aber auch geschafft. Die Radtaschen und -kartons bekamen ihren Flughafenaufkleber und verschwanden auf dem Fliessband in der Gepaeckabteilung.

Zusammengesetzte Raeder.

Die drei Kilogramm Uebergewicht wurden uns nicht berechnet. Wir atmeten auf und tranken einen Kaffee bis wir das Flugzeug bestiegen. Jetzt begannen unsere Herzen schneller zu schlagen. Svens Flugangst und meine Vorfreude hielten uns die ganze Nacht die Augen offen. Als wir landeten war es immer nocht dunkel. Vor dem Flughafengebaeude machten wir uns sofort daran, die gut verpackten Einzelteile erneut zu zwei funktionstuechtigen Fahrraedern zusammenzusetzen. Das war leichter gesagt als getan. Bis Kruemel und Yasmine vollbepackt und abfahrbereit vor uns standen, hatte die Sonne den Tag wiedererobert. Doch bestaendig warteten wir auf die uns versprochenen neugierigen Menschenmassen. Wo blieben sie bloss? Einzelne Inder und Pauschaltouristen kamen naeher und schauten. Sie sprachen uns nicht an, fassten nichts an, standen nicht im Weg.

Luftwurzeln.

Konnte das das Indien sein, von dem wir in den vielen Reiseberichten gelesen hatten, neugierig, aufdringlich, unfreundlich, voller Menschen, die einen nie in Ruhe liessen? Schliesslich aber kamen wir auf die Loesung: Dies war nicht Indien, dies war GOA, eine kleine Oase in dem sonst so ueberbevoelkerten Land. Es war im Prinzip der perfekte Einstieg fuer unseren neuen Reiseabschnitt. Doch momentan konnten wir ihn kaum geniessen. Wir hatten seit mindestens 24 Stunden nicht geschlafen und noch eine Strecke von etwa dreissig Kilometern in die Hauptstadt Goas, Panaji, vor uns. Kaum bekamen wir etwas von der gewaltigen Pflanzenwelt um uns herum mit. Immer oefter fielen uns beim Fahren die Augen zu. Ploetzlich aber war ich hellwach. Fast waere ich von von der Strasse abgekommen. Doch so schnell wie die Muedigkeit von mir gewichen war, so schnell hatte sie mich wieder erobert. Keine fuenf Meter spaeter kaempfte ich erneut mit meiner Augenmuskulatur.

Blick auf Panaji

Unter grossen Muehen kamen wir in Panaji an und liessen uns im erstbesten einheimischen Restaurant nieder. Wir hatten keinen Schimmer, was in der Karte stand und daher nicht die Spur einer Ahnung, was wir bestellten. Aber als uns das Essen auf kleinen Blechtabletts serviert wurde, fiel die Anstrengung der letzten Stunden von uns ab. Es schmeckte koestlich. Wir genossen den Vorgeschmack auf das, was uns noch erwarten wuerde mit Heisshunger. Erstaunlicherweise machte uns nicht einmal die Schaerfe zu schaffen.

Spaeter bezogen wir ein kleines Guesthouse nahe der Innenstadt. Eine geschaeftige Inderin hatte uns auf der Strasse aufgegriffen und wir nahmen dankend ihren Unterkunftsvorschlag an. In einer kleinen bunten Gasse, hinter einem schmalen begruenten Vorgarten, in dem sich nachts die Ratten tummelten, lag im ersten Stockwerk unser helles Zimmer mit Balkon, Dusche und Toilette.

Unser 1. Guesthouse

An der Decke rotierte unermuedlich ein Ventilator. Den Balkon ueberliessen wir zunaechst unseren Fahrraedern. Wir selbst nahmen ohne Umschweife das Doppelbett in Beschlag, denn es war an der Zeit, sich zu entspannen. Dabei war es nicht einmal Mittag. Erst Stunden spaeter kamen wir wieder zu Bewusstsein und entschlossen uns dazu, die verbliebene Zeit fuer eine Stadbesichtigung und einige Einkaefe zu nutzen, denn schon am naechsten Tag wollten wir weiter an die beruehmtberuechtigten Hippiestraende.

Am 8.1. erwachten wir ausgeschlafen. Um 9:00 Uhr hatten wir bereits ausgecheckt. Letzte Einkaeufe wurden erledigt, dann bestiegen wir unsere Fahrraeder. Der Weg fuehrte uns durch eine Vegetation, die so gruen war, wie wir sie schon lange nicht mehr gesehen hatten. Von riesigen Baeumen baumelten zahlreiche Luftwurzeln, Bluetenpflanzen in mannigfaltigen Rot-Blau-Toenen saeumten den Weg.

Beladene Inderinnen.

Ueberall sah man schlanke Kokospalmen. Auch das Strassenbild hatte sich mit dem Flug nach Indien schlagartig geaendert. Das Leben war bunt, zumindest das allgegenwaertig weibliche. Frauen und Maedchen trugen Saris in allen Farben und Mustern. Stickereien und bunte Steine zierten ab und zu den Stoff. Die beneidenswert dicken, schwarzen Haare lagen zum langen Zopf geflochten auf ihren Ruecken. Angefangen von kleineren Stoffballen ueber Kartoffelsaecke und Wasserbottiche, hin zu mit Steinen beladenen Koerben und sperrigen Feuerholzbuendeln fand jede Last ihren Platz auf den Koepfen der zierlichen Gestalten. So etwas hatten wir bis jetzt noch nicht gesehen. Es machte Spass, einfach nur zu fahren, zu gucken und zu staunen. Der Verkehr blieb dabei erstaunlich ruhig. Die Einheimischen kamen uns in den kleinen, dreiraedrigen Taxis entgegen, viele fuhren auch Moped oder ein einfaches Fahrrad ohne jegliche Gangschaltung. Die leichten Stoffe wehten im Fahrtwind. Autos ueberholten uns seltener, als wir es uns vorgestellt hatten. Unterdessen stieg die Sonne immer hoeher. Es wuerde ein heisser Tag werden.

German Bakery.

An der Kueste angekommen besichtigten wir neugierig den ersten Touristenstrand, den wir finden konnten. Erwartungsgemaess enttaeuschte er uns. Auf dem Sand verstraeut lagen Plastikabfaelle und die weissen Touristenmassen draengten sich auf den fein saeuberlich in Reih und Glied aufgestellte Liegen. Es war nicht der idyllische Anblick, den wir uns gegen alle Warnungen hinweg erhofft hatten. Nach einem Kaffee in einer „German Bakery“ fuhren wir deshalb weiter und hielten nicht eher inne, bis wir das noerdlichste Ende Goas erreicht hatten. Unser Reisefuehrer schwaermte von Arambol und wir hatten beschlossen ihm zu vertrauen. Das stellte sich zu unserer Freude als glueckliche Wendung des Schicksals heraus. Zwar war es nicht etwa so, dass der Strand weiss und verlassen auf uns wartete. Nein, auch hier gab es Touristen, auch hier gab es „German Bakerys“ und europaeisches Essen.

Am Strand.

Auch hier boten Inder bunte Souveniers in Huelle und Fuelle an. Doch die Stimmung an diesem Strand betoerte uns von Anfang an. Sie verstoehmte einen Duft von sorgloser Entspannung und willkommener Vertrautheit, der sich mit einem aufregenden Hauch von Exotik durchmischte. Menschen, die unsere Sprache sprachen und in Badehose und Bikini am Strand spazierengingen – was ihnen darueber hinaus ganz alltaeglich und normal erschien – waren uns eine willkommene Abwechslung. Ich habe hier erst erfahren, wie schoen es ist, sich in seine eigene Kultur fallen lassen zu koennen, auch wenn es mir immer wieder Spass macht, andere zu entdecken. Die naechsten beiden Tage verbrachten wir also damit, dass hiesige Leben in vollen Zuegen zu geniessen. Das Shoppengehen wurde mir zwar verboten, was ich in Anbetracht des Stauraums, den wir mit uns herumfahren, gar nicht recht begreifen mag, aber der Genuss von frischgepresstem Erdbeer-, Bananen-, Melonen-, Mango-, Apfelsinen-, Annanassaft und vielem mehr, machte diese Einschraenkung beinahe wieder wett. – Beinahe, „grummel“! – Dazu ist alles so billig, dass man tatsaechlich selbst mit unserem kleinen Budget leben kann wie im Paradies.

Unser Zelt.

Am ersten Morgen in Arambol erwachten wir verschlafen. Erst als der Treibhauseffekt unser Zelt bereits aufzuheizen begann, steckte ich meinen Kopf aus dem Eingang. Auch Felix, unser „Nachbar“, hatte sich, wie es schien, mit dem Aufstehen Zeit gelassen. Er trat fast im selben Moment aus der Tuer des kleinen Hauses nebenan. Am Abend zuvor hatten wir uns in der eng bebauten, strandnahen Hausersiedlung einen Schlafplatz gesucht. Sven war dabei auf eine Inderin gestossen, die zwar kein Zimmer fuer uns mehr frei hatte, uns aber einen kleinen Innenhof zur Verfuegung stellte. Damit waren wir mehr als zufrieden. Nun beschlossen wir gemeinsam zum Fruehstueck zu schreiten. Felix, ein begeisterter Paraglider aus Berlin, fuehrte uns zielsicher in ein Strandrestaurant in dem es neben frischen Saeften und Milchshakes einen riesigen Obstsalat mit honigsuessem Muesli gab.

Bunte Verkaufsstaende.

So schlaemmten wir in die fruehen Mittagsstunden hinein und genossen eine angeregte Unterhaltung in deutscher Sprache :) . Es folgten Strandspaziergaenge und diverse Ausfluege in den Indischen Ozean. Folgt man der Kueste nordwaerts um eine felsige Biegung herum, gelangt man durch farbige Kleiderstaende hindurch an einen ruhigen Strand, in den sich ein Suesswassersee eingegraben hat. Suedwaerts, vorbei an zahlreichen Strandlokalitaeten, die nachts in bunten Farben beleuchtet ein froehliches Leben anziehen, gelangt man wohl irgendwann zu einem verlassenen portugisischen Fort. Doch als wir vorhatten, es aufzusuchen, haben uns zahlreiche kleine Lebewesen davon abgehalten.

Eingegrabener Seestern.

Fasziniert sahen wir zum ersten Mal in unserem Leben, wie sich Seesterne, Einsiedlerkrebse und sogar Fische bei Ebbe in den Sand einbuddeln. Wir brachten lange Zeit damit zu, sie zu aergern, indem wir sie immer wieder ausbuddelten, damit wir sie beim Wiedereingraben filmen konnten. Auf einem unserer Spaziergaenge erhaschte ich einen Blick auf die ersten Affenschwaenze unserer Tour und bei unserem zweiten Fruehstueck tummelten sich Delfine vor unserer Nase im Wasser. Am Abend des zweiten und letzten Tages in diesem kleinen Paradis verabschiedeten wir uns von Felix bei einem koestlichen bulgarischen Abendessen. Ich bezweifle aber stark, dass es so einfach ist, das Essen, was uns hier serviert wurde, in Bulgarien aufzutreiben. Nun gut. Dann gingen wir frueh schlafen und traeumten von dem Indien, was uns morgen in Maharashtra erwarten wuerde.

11. – 16.01.: Auf und ab in Maharashtra

Kakteenbluete.

(S) So war nun endlich der Tag des Aufbruchs gekommen :) . Wir sind in den letzten 2.5 Wochen ja nicht mehr soviel geradelt. Um so groesser war unsere Freude, wieder auf den Drahteseln zu sitzen. Wir fruehstueckten noch in Arambol in den Duenen und waren gerade abfahrbereit, da kamen zwei Franzosen auf uns zu. Arambol ist ja eine kleine Welt fuer sich und so hatten sie auch schon von uns erfahren. Was aber viel interessanter ist: Die beiden waren auch mit dem Rad hier. Sie sind am 08.07.2007 in Strassbourg gestartet und haben einen aehnlichen Weg, wie wir hinter uns. (Ihre Website ist groesstenteils in franzoesisch, aber auch mit englischen Kurzberichten.) Wir liessen uns den Weg nach Mumbay beschreiben: Auf diesem sollten kleine Strassen, menschenleere Straende und viele Faehren auf uns warten. Sie statteten uns noch mit einer kleinen, wenn auch recht groben, Karte aus und wir sagten Lebewohl. Da man ja nie weiss, wo einen die Wege hinfuehren, verabredeten wir uns locker fuer Kathmandu in ein paar Monaten :) . Schliesslich ist auch ihr Plan, Tibet mit dem Rad zu bereisen.

Strandimbiss.

Nun sollte es aber endlich losgehen. Nach ein paar Kilometern merkten wir, dass die Strassen tatsaechlich ziemlich klein und die Doerfer winzig waren. Wir bekamen Angst, dass uns die hier ueblichen Zahlungsmittel ausgehen und wir an der Nachbeschaffung scheitern wuerden. Als wir ein paar Inder nach Geldautomaten und/oder Wechselstuben fragten, wurden wir immer wieder zuruek nach Goa verwiesen. Schliesslich kehrten wir noch einmal um. Wir trudelten gerade wieder in Arambol ein, da sprang ein Deutscher von einem Moped. Er kam auf uns zu und … ratet mal … auch er war hierher geradelt. Schon ein bisschen laenger als ein Jahr unterwegs, hatte ihn seine Tour bereits ueber die ehemaligen russischen Republiken nach China, Tibet und Nepal gefuehrt. Er machte uns Lust auf das, was uns noch weiter im Norden erwarten wuerde … wir verabschiedeten uns und steuerten nun eine Wechselstube an. Als ich gerade hineingehen wollte um Dollars in Rupies zu verwandeln, kam ein vollbepacktes Rad auf uns zugerollt. Drauf sass Thomas, ein Niederlaender, der genauso ueberrascht war uns zu sehen, wie wir ihn. Fuer uns war es immerhin schon die dritte Begegnung mit Radreisenden an diesem Tag (das ist seit Istanbul nicht mehr vorgekommen), und fuer ihn die erste seit einer halben Ewigkeit. Er kreuzt seit mittlerweile 11 Monaten durch den riesige Subkontinent und hat noch immer nicht genug von Indien gesehen.

Der „Highway“.

Als dann die Franzosen sich auch wieder zu uns gesellten und wir nochmehr staunten, als sie von John, einem englischen Radler, der sich ebenfalls gerade hier rumtreibt, erzaehlten, verabschiedeten wir uns dann endgueltig von Goa und brachen auf nach Maharashtra, den noerdlich angrenzenden Bundesstaat.

Wir folgten erst dem „Highway“ fuer einiger Kilometer. Damit ist hier aber eher eine Strasse gemeint, die man bei uns als Kreisstrasse bezeichnen wuerde. So kamen wir erst gar nicht auf die Idee, dass es noch kleinere, abgelegenere Strecken gebe – aber davon spaeter. Wir genossen den Tag und irgendwie vergassen wir, dass es am Tagesende auch mal dunkel wird. (Hannes, du brauchst unsere Vorraussicht auch nicht weiter kommentieren :) ). Wir standen dann in schwarzer Nacht in einem kleinen Dorf mitten im Urwald.

Kleine Doerfer.

Unser Plan an einem Strand zu naechtigen, wirkte auf einmal doch recht unrealistisch. Wir fragten im Dorf herum, wurden auch tatsaechlich an ein Gasthaus weitergeschickt – dieses war jedoch ausserhalb unseres Etats. Der Besitzer liess sich auch nicht auf Preisverhandlungen ein und betonte immer wieder, dass er bald Gaeste bekommen wuerde. Wir bedankten uns und zogen weiter. Am nahen Tempel, wollten wir gerade eine ebene Flaeche ausmachen, als aus der Dunkelheit ein Inder auf uns zukam. Er war mit dem Auto unterwegs und wollte uns helfen. Wir einigten uns schliesslich darauf, dass er uns in die naechste Stadt, nach Malvan, eskortieren sollte.

Karges Hotelzimmer.

Er hinter uns und wir immer schoen in seinem Scheinwerferlicht. Nach einer Stunde, wo wir nocheinmal richtig in die Pedale traten – wir wollten schliesslich nicht als Weicheier da stehen – erreichten wir unser Ziel. In Malvan gab es eine grosse Auswahl an Unterkuenften … nach einigem Suchen fanden wir auch ein Gasthaus mit zwar nicht so tollen Zimmern, aber einem ertraeglichen Preis. Fuer ein einfachstes Doppelzimmer muss man hier in Indien zwischen 100 und 300 Rupies (ca. 2-6 EUR) einplanen: Dafuer gibts dann ein meist sehr hartes Bett, manchmal eine eigene Toilette, selten eine Dusche. Im Badezimmer findet man oft Wasserhaehne auf Huefthoehe. Wir sind dazu uebergegangen, darunter unsere staubigen und schweissgetraenkten Glieder zu waschen und uns danach mit kaltem Wasser aus Eimern zu ueberschuetten. Funktioniert genauso gut, wie eine Dusche und man trainiert auch noch Teamwork :) .

Aber zurueck auf die Strasse: Am naechsten morgen checkten wir aus und kehrten zurueck auf unseren Highway. Immer wieder sahen, wir kleine Asphaltwege in Richtung Kueste abbiegen. Dummerweise konnten wir meist nicht ausmachen, wohin sie fuehren … die Wegweiser zu den groessten Staedten sind zwar in englisch, alle kleinen Wege aber nur in Devanagari beschriftet. Irgendwie hatte ich gehofft, nachdem wir die arabische Welt hinter uns gelassen hatten, nun auch wieder alles lesen zu koennen. Aber das war ein riesiger Irrtum. Auch konnten hier bei weitem nicht so viele Menschen Englisch sprechen, wie vermutet.

Alles klar?!

Hauptsprache ist Marathi und angeblich wechseln die Dialekte alle 12 km. Die Verstaendigung ist also weiterhin schwierig bis Glueckssache, aber das machen die Menschen mit ihrer Freundlichkeit wieder wett. Wir hatten neugierige, aufdringliche Menschenmassen erwartet. Was wir hier antrafen, waren aber freundliche Menschen, immer zu einem Laecheln aufgelegt. Sie winkten, wenn wir vorbeifuhren oder riefen uns einen Willkommensgruss zu. Auch, wenn wir hielten um nach dem Weg zu fragen oder zu essen, entspann sich manchmal eine kleine nette Unterhaltung – von gaffenden, aufdringlichen Menschenauflaeufen aber fehlte jede Spur.

Beim Schlachten der
Kokosnuesse.

Gegen Mittag landeten wir mit der Hilfe von „Mister Pednekar“ (den Vornamen habe ich leider vergessen) doch auf so einer kleinen fahrradweggrossen Seitenstrasse. Ihm gehoerte sehr viel Land in Strandnaehe, welches wir gemeinsam mit ihm ansteuerten. Er freute sich ziemlich uns zu sehen und telefonierte sofort ein paar seiner Angestellten herbei, die auf die Palmen kletterten und uns junge Kokusnuesse pflueckten. Wir erfrischten uns mit dem Kokusnusswasser (welches aber nicht mein Lieblingsgetraenk werden wird) und probierten das schleimige Fruchtfleisch. Als wir uns umsahen, standen wir in einem lichten Nadelwald, keine 20 Meter vom Strand entfernt. Es war – mal wieder – wie im Paradies :) .

Rumlungern.

Unser Gastgeber war leider gerade auf dem Sprung nach Mumbai, wo er wohnte und arbeitete, bot uns aber an, dass wir auf seinem Grund gerne zelten koennten. Wir verabschiedeten uns und schlugen dann schon frueh unser Lager auf. Wir lungerten am Strand, im Schatten eines Fischerbootes und erholten uns vom gestrigen Nachtfahren.

Bevor wir am 15.1. schliesslich in Ratnagiri, der groessten Stadt an der Kueste mit 70.000 Einwohner, eintrudelten, schliefen wir noch einmal in einem Hotel in Kunkeshwar, direkt gegenueber eines Hindutempels aus dem 11. Jahrhundert. Dieser war Shiva geweiht und wurde von einem Moslem erbaut, welcher am Strand mit knapper Not dem Tod im Meer entkam, nachdem sein Schiff auf Grund gelaufen war.

Katholische Kirche.

Was die Religionen angeht: Hier findet man sehr viele Hindus, viele Moslems und ein paar Christen. Je nachdem, wen wir fragten, bekamen wir unterschiedliche Angaben zur Bedeutung der einzelnen Glaubensrichtungen in der Region. Ein katholischer Pfarrer, den wir in einer kleinen Kapelle nach einem Gottesdienst sprachen, meinte: „Ja, ein paar Hindus, kaum Moslems, vorrangig Christen gibt es hier.“ Diese kleine Kapelle am Wegesrand war dem heiligen Franziskus geweiht, dessen Geburtstag nun ein paar Wochen zuruecklag. Der Innenraum war allerdings immer noch mit lametterartigen Girlanden in bunten Farben geschmueckt. Irgendwie wirkte hier alles lebendiger auf mich, als das Ambiente in deutschen Kirchen. Ein paar hundert Meter weiter stoppten wir vor einer Mosche. Ein glaeubiger Moslem kam herbeigeilt und zeigte uns stolz dieses Bauwerk.

Eine Moschee.

Besonders auf den alten Natursteinbrunnen im Innenhof war er stolz. Die Frage wieviele Mohammedaner es hier eigentlich gaebe, beantwortete er so: „Die meisten sind Moslems, dann gibt es ein paar Christen weiter suedlich, der Hinduismus spielt keine so grosse Rolle.“ Zwei bis drei Kilometer weiter, wurden wir von einem Fischer mit seinem Boot ueber einen Flussarm gesetzt. Dieser Mann war Hindu und versicherte uns: „Eigentlich sind hier alles Hindus, Moslems und Christen sind kaum der Rede wert.“ Wir mussten ein wenig schmunzeln, aber schoen ist doch, dass sich alle in einer Sache einig waren: „Probleme mit den anderen haben sie nicht.“

Hindutempel in
Kunkeshwar.

Aber zurueck nach Kunkeshwar und dem alten Hindutempel. Wir betraten ihn barfuss, vorbei an ein paar Glocken ueber dem Eingang, die von den Glaeubigen beim Betreten und Verlassen des Tempels gelaeutet werden. Im hinteren Raum stand ein Altar, der wie ein zu grosser Taschenspiegel, welcher flach auf dem Boden liegt, aussah. Daneben sass ein Priester, der einen etwas gelangweilten Eindruck machte. Er bat uns herein und wir beobachteten die Hindus, wie sie ihre Opfergaben darreichten. Die meisten brachten eine Kokusnuss und viele Bluetenblaetter auf einem silbernen Tablett. Diese wurden vor den Altar gesetellt und heiliges Wasser aus einem kleinen Kessel ueber dem Altar tropfte auf die Gaben. Der Priester sprach ein Gebet fuer die Bittsteller, wahrenddessen diese die Haende vor Kopf und Brust zusammenlegten. Am Ende verneigten die meisten sich und bestrichen ihre Stirn mit heiligem Wasser. In der letzten Ecke befand sich noch eine kleine Gottesstatue, vor der sich zum Abschied noch einmal verneigt wurde. Gegen eine kleine Gabe nahmen die Pilger dann ein gesegnetes Stueck Kokusnuss und ein paar Bluetenblaetter an sich und verliessen den Altarraum wieder. Wir beobachteten dieses Treiben interessiert eine ganze Weile, bevor auch wir von dannen zogen.

Einbaumfaehre.

Tempel, wenn auch wesentlich kleiner, sahen wir eigentlich in fast jedem Ort unterwegs. Immer waren sie schoen bunt, hatten eine Vorhalle und eine Glocke ueber dem Eingang. Wir vermuten deshalb, dass der hinduistische Schiffer mit seiner Einschaetzung recht gehabt hatte. Wir versuchten jetzt den kleinen Ministrassen am Meer zu folgen. Es ging immer wieder hoch und runter, hoch und runter, hoch … Selten hoeher als 150 m, dafuer aber mit teils zermuerbenden Steigungswinkeln. Um so deprimierender war es, wenn wir dann doch wieder umkehren mussten, weil die Strasse auf einmal im Nichts endete. Wir hatten zwar eine Karte, wo auch recht kleine Siedlungen eingezeichnet waren, leider war die Haelfte dieser Siedlungen laut Karte nicht an das Strassennetz angebunden: Einfach nur ein kleiner Punkt in der Landschaft markierte die Doerfer. Wenn wir auf einen Fluss trafen, konnte man meist einen Schiffer ueberreden uns ueberzusetzen, manchmal gab es auch regulaere Faehren. Wobei Faehre hier zum Teil nur „Einbaum, der ueber den Fluss gestaakt wird“ bedeutet. Wir liessen uns von den Sackgassen, aber nicht entmutigen und genossen den Urwald um uns herum.

Affen.

Dort warteten sogar Affen auf uns. Genaugenommen warteten sie nicht, sondern waren eher scheu und begannen davonzurennen, wenn wir unsere Kamera auf sie richteten. Nichtsdestotrotz ist der Anblick unser nahen Verwandten, wie sie am Wegesrand in den Baeumen sitzen, schon recht exotisch. Exotisch sind auch die farbenfrohen Kleider der Frauen und Maedchen. Besonders im Gegensatz zu den farblich so eintoenig gekleideten Menschen im Iran, war es hier eine rechte Augenweide. Alles ist lila, gruen, rosa, rot – vor knalligen Farben hat hier niemand Angst, dazu noch ein freundliches Laecheln auf den Lippen – kurz um: wir fuehlen uns hier sauwohl.

Eine weitere Nacht zelteten wir auf einem Schulhof. Halb durch Zufall landeten wir auf dem Gelaende: Es war riesig und weitlaeufig, erinnerte fast an eine Farm. So konnten die Schueler in ihrer Freizeit hier spielen, wohl meist Kricket. Nach diesem Sport sind die Inder tatsaechlich verrueckt. Man sieht keine fussballspielende Kinder, dafuer aber viele Horden, die mit Schlaeger und Ball ausgestattet auf die Felder ziehen. Taeglich fahren wir an mehreren Spielfeldern vorbei, wo scheinbar semiprofessionelle Matchs abgehalten werden.

Klassenraum.

Die Klassenraeume sind im Gegensatz dazu winzig. Vor allem, wenn man bedenkt, dass hier 40-50 Schueler gemeinsam unterrichtet werden. Harte Holzsstuehle und kleine Baenke stehen in den recht kargen Raeumen. Wir wurden von den Lehrern freundlich aufgenommen und sind den naechsten Morgen noch vor Schulbeginn (der erstaunlicherweise erst um 10:00 ist) weitergereist.

Acht Lehrer.

Das war an dem Tag nicht unsere letzte Begegnung mit Lehrern. Spaeter, bereits in der Mittagshitze, stoppte ein mittelgrosser Jeep auf einer Bergkuppe. Dieser war zwar nicht sonderlich gross, trotzdem sprangen 8 kleine Lehrer heraus. Viele Autos sind hier so umgebaut, dass es keinen Kofferraum gibt (wozu auch, man hat doch ein Dach), dafuer aber noch 2 weitere Sitzbaenke parallel zur Fahrtrichtung. Ueberhaupt bin ich baff, wieviele Menschen in ein Auto passen – bei entgegenkommenden Fahrzeugen sieht man manchmal 5 freundliche Gesichter in der ersten Reihe, an denen sich weitere 5 neugierige vorbeischieben um das Verkehrsgeschehn zu beobachten. Und das in Autos die keineswegs groesser sind als unsere Mittelklassewagen. Die Lehrer, welche uns ansprachen, kamen alle von derselben Schule und waren auf Sightseeing – Tour durch Maharashtra … wir schwatzten, lachten und versicherten auch ihnen, dass wir uns wohl fuehlen und bis jetzt in Indien keine Probleme hatten. Das freute sie genauso wie uns und wir zogen nach kurzem Fotografieren weiter.

Hauptstrasse in Ratnagiri.

Am 15.01. sind wir dann hier in der Provinzhauptstadt eingetrudelt. Es war laut und stickig, aber wir wollten unsere ersten Eindruecke ueber Indien zu (virtuellem) Papier bringen. Wir naechtigen wieder in einem kleinen Hotel, direkt an der Hauptstrasse. Heute haben wir kurz am Strassenrand gefruehstueckt und sitzen nun wieder in einem Internetcafe. Die Luft ist heiss, das Thermometer zeigt 31 Grad und draussen hoehrt man ein paar Autos hupen. Wenn dieser Eintrag fertig gestellt ist, werden wir noch eine Nacht hier verbringen und uns dann morgen entlang der Kueste auf kleinen Strassen weiterschlaengeln. Wir wuenschen euch allen einen nicht allzu kalten Winter und senden euch sonnige Gruesse ins winterliche Deutschland!

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