JuS: Von Fähren, Priestern und Hochzeiten (17.01. – 30.01.)

Irgendwo in Maharashtra.

17. – 21.01.: Die letzten Tage am Meer

(J) Auch unsere letzten Tage am Indischen Ozean blieben entspannt. Wir achteten wenig auf die Tageskilometer und genossen das Meer, den Wald und die kleinen Doerfer mit den freundlichen Menschen. Ab und zu huschte eine Affenbande ueber den Weg und wir blieben immer wieder staunend stehen.
Bestimmt belaechelte manch ein Inder unsere Begeisterung. Affen gehoeren hier ja ebenso zum Alltag wie die Spatzen in unsere Fussgaengerzonen. Spaeter, weiter im Innland, hoerten wir darueber hinaus von Loewen. Ich bin jedoch nicht besonders boese darueber, die wilden Grosskatzen bis jetzt nicht zu Gesicht bekommen zu haben und hoffe, dass das auch weiterhin so bleibt. Davon jedoch gehe ich aus. So vergingen unsere Tage mit einem ruhigen Fruehstueck am Strassenrand, einem kleinen milchigen und zuckersuessen Tee zum Mittag. Wir goennten uns dann und wann ein Eis, eine frische Ananas oder eine durststillende Wassermelone. Die Faehrfarten ueber die Buchten und Fluesse am Meer blieben abenteuerlich.

„Ich beobachte dich.“

Einbaeume, Fischerkutter oder Passagierschiffe, es gab bis zum Verlassen der Kueste keine Bootsart, welche wir nicht bestiegen haetten. Zumeist fanden wir den jeweils zustaendigen Schiffersmann dank der einheimischen Bevoelkerung recht schnell und sicher, selbst, wenn dazu, wie in Kolshi, das Schieben ueber den Strand unumgaenglich war. Manchmal aber wurde ich unruhig: Sven besitzt seit Dubai keinen Tacho mehr (den hat er wohl bei der Montage vor dem Flug verloren), doch meiner befindet sich staendig vor meiner Nase. Und so fuehrte ich mir unablaessig vor Augen, dass eben nichts passierte: Keine geschafften Kilometer, keine lange Fahrtdauer oder wenigstens hohe Geschwindigkeiten. War ich auf diese Art frustriert, konnte folgendes Erlebnis nicht gerade meine Stimmung heben:

Wada Pav im
Strassenrestaurant.

Am 18.1., es war ein Freitag, gab es ein Problem. Am Vormittag hatten wir die schweizer Reiseradlerin Judith getroffen, dann am Strassenstand ausgiebig gefruehstueckt und wenige Kilometer spaeter bereits wieder fuer eine Tempelbesichtigung in Ganatipule gehalten. Es waren nette Stops, die wir gerne einraeumten, doch die Zeit verstrich und so kamen wir erst am fruehen Nachmittag in Jaigarh an. Ein breiter Flusslauf versperrte die Weiterfahrt, doch nette Polizisten wiesen uns sofort den Weg: „Geradeaus, den Berg hinuter, dort gibt es eine Faehre“. Das machte uns Hoffnungen. Nun aber erst begann die Odyssee. Der Berg hinab war steil und unten erwartete uns ein unruhiger Fischerort. Jemand sprach Englisch. Er fragte fuer uns herum. Lange Zeit aber schien niemand zu wissen, was wir denn wollten. Nichtsdestotrotz kamen immer mehr Menschen heran und beguckten uns neugierig. Ploetzlich stand ein Fischer vor uns und ein anderer rief von der Seite.

Ein etwas in die Jahre
gekommener Altar.

Wir bekamen allerdings nur voellig ueberteuerte Angebote, von regulaeren Faehren wusste niemand. Frustriert weckte Sven schliesslich einen Mann aus seinen Mittagstraeumen. Er schlief auf einem Boot, das so aussah, wie wir uns eine Faehre vorstellten. Er erwachte und blickte Sven mit grossen Augen an. Dann stand er auf, nickte und huschte davon. Wir warteten, doch er kam nicht wieder. Dieses Heckmeck wurde uns allmaehlich zu viel. Es strapazierte unsere Nerven und wir traten grummelnd den Rueckzug an. Der Berg war hinauf nicht weniger steil als hinab, doch oben angekommen suchten wir nochmals die Polizisten auf. Zu unserer Verblueffung versicherte man uns erneut hartnaeckig:“ Ja, es gibt eine regulaere Faehre“, und dazu nannte man uns nach einer kleinen internen Absprache die Abfahrtszeiten: „Sie faehrt um sechs und dann erst morgen frueh wieder.“ Wir blickten uns an und wussten nicht so recht, ob wir dieser Information trauen sollten. Doch schliesslich obsiegte unsere Neugier und der Gedanke an einen Vierzigkilometerumweg liess uns dann doch der Polizei vertrauen.

Strassenbauarbeiten.

Wir blieben und verbrachten die drei Stunden Wartezeit in einer verfallenen Festung ueber der Meeresbrandung. Als wir schliesslich erneut zum Hafen hinabgefahren waren, begann der Zirkus von Neuem. Man verwies uns auf die Fischerboote und nannte horrende Summen. Schliesslich aber riss mir der duenne Gedultsfaden. Wir wussten schliesslich, dass es eine Faehre gibt. Ich sah mich erneut um, nicht bereit noch mit irgendwem zu diskutieren: „I know, there must be a ship“. Nach diesem Satz verstand mich ploetzlich jeder. Der Fischer mit seinem horrenden Angebot verstummte und man wies uns den Weg auf einen anderen Steg. Die Faehre lag abfahrbereit. Wahrscheinlich fuhr sie bereits den ganzen Tag hin und her. Das jedoch bekamen wir nicht mehr heraus.
Nach diesem Erlebnis wurde der Asphalt schlechter, doch die huegelige Landschaft blieb weiterhin reizvoll. Sandstraende und Urwald wechselten sich mit eingerankten Doerfern ab. Oefter schliefen wir in einem Waeldchen versteckt direkt am Strand.

Ein Zeltplatz noch
ohne Zelt.

Es kam vor, dass man uns entdeckte, doch niemanden schien Interesse daran zu haben, uns zu verscheuchen oder uns den Schlaf zu rauben.
Zu unserer Ueberraschung machten wir aber auch hier in Indien die Erfahrung, dass es nicht unueblich ist, Fremden den Reisepass abzuverlangen. „Passport please!“ Zweimal wurden wir dazu aufgefordert und einmal staunte der Beamte nicht schlecht, dass wir ihm seine Rolle als zivilen Zollinspekteur nicht abnahmen und uns anstellten ihn zu ignorieren.
Der 21.1. war schliesslich unser letzter Tag an der Kueste und so goennten wir uns in Srivardhan einen gemuetlichen Abschlussabend. Der Weg aus der Stadt fuehrte uns durch ein gepflegtes Viertel und es war purer Zufall, dass wir in ein nettes, luftiges Restaurant gelangten, welches ein koestliches, hausgemachtes Thali anbot. (Das ist eine Platte mit Reis und verschiedenen Broten und Sossen.) Ausserdem gabs hier alles in der All-you-can-eat-Version, jederzeit konnten wir einen der netten Kellner zum Nachfuellen heranwinken.

Unser vorerst letzter
Strandspaziergang.

Fuer die Nacht mieteten wir uns in ein kleines kuehles Zimmer ein, dessen Tuer direkt auf den rotgepflasterten Innenhof mit Bananenstauden und Kokospalmen fuehrte. Auf einem ausgedehnten Strandspaziergang genossen wir die untergehende Sonne.

22. – 27.01.: Auf ins Innland!

(J) Eine letzte Faehrfahrt bei Murud fuehrte uns von der Kueste ins Inland. Staunend beobachteten wir die Schiffsmanschaft, wie sie Motorrad um Motorrad in den kleinen, offenen, von hoelzernen Sitzbaenken umrahmten Bauch des Schiffes luden. Fuer unsere Fahrraeder jedoch blieb kein Platz. Aber: No Problem, in Indien gibt es immer eine Loesung fuer solche Belanglosigkeiten.

„No problem?!“
Faehrfahrt auf dem Dach.

Dann mussten Yasmine und Kruemel eben auf das flache Schiffsdach und wir dazu. Wir genossen die Aussicht ueber das Wasser und sendeten unsere letzten Gruesse an das Meer.
Die schmalen Wege im Innland blieben bergig, doch das machte uns schon nichts mehr aus. Wir nahmen es gelassen zur Kenntnis. Schliesslich aber lag ein 600-Meter-Anstieg vor uns, denn wir hatten uns vorgenommen die buddhistischen Karla- und Bhaja-Hoehlen in der Naehe Lonavales zu besuchen. Sie stammen aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus und sind von fruehen Anhaengern des Buddhismus in den Stein gehauen worden. Zunaechst verbrachten wir einige Zeit in der Stadt mit der Zimmersuche. Doch obwohl es dort eine Menge Hotels gibt, – eigentlich besteht die gesamte Stadt unverstaenlicher Weise nur aus Hotels – fanden wir nichts, was uns bzw. unserem Budget zusagte. Wir flohen endlich vor dem Laerm, den Resortwerbeplakaten und dem Gestank aufs Land. Schliesslich gelang es uns, eine Resortbesitzerin in der Naehe der Hoehlen dazu zu ueberreden, dass wir unser Zelt auf ihrem begruenten Innenhof aufstellen konnten.

Unser Resort.

So waren unsere Taschen am naechsten Tag sicher verwahrt und wir machten uns sorglos auf. Zunaechst kletterten wir zu den Karla-Hoehlen, doch erlebten dort sofort eine Enttaeuschung. Zwar war die Haupthoehle von beeindruckender Groesse, doch ansonsten war vieles verfallen oder verwahrlost, obwohl diese Staette immer noch eine Attraktion fuer indische Urlauber und Pilger ist.
Die Bhaja-Hoehlen begeisterten uns umso mehr. Sie liegen einsamer in der Natur als die Karla-Hoehlen, sind weniger ueberlaufen und in besserem Zustand. Man fuehlt sich ein bisschen wie Indianer Jones, wenn man in die steinernen, aus der Felswand geschlagenen Schlafzellen blickt oder von einer laengst verlassenen Wohnanlage buddhistischer Moenche ueber steinerne Balkone zur naechsten wandelt. Von aussen schmuecken Fresken den Ort, wenige Waende sind eingestuerzt. Wir verbrachten ausgiebig Zeit auf diesem Gelaende und wollten schon zurueck in unser Resort fahren, da warfen wir noch einmal unsere Plaene um.

Kalt und steinig:
guenstig zu mieten.

Wo wir schon einmal hier waren, konnten wir doch auch zu einem der alten Forts auf die Bergspitze klettern. In unmittelbarer Naehe voneinander thronten naemlich ueber den Hoehlen seit langer Zeit zwei riesige Festungen. Eine hinduistisch, die andere muslimisch und man stritt sich oft. Heute jedoch liegen die Bauwerke verlassen unter dem Himmel. Sie sind touristisch nicht erschlossen, doch auf schmalen Trampelpfaden, ueber Geroellfelder und mit einheimischer Hilfe fanden wir endlich den Weg. Am spaeten Nachmittag standen wir auf einer flachen, vom Gras ueberwachsenen Hochebene. Kaum etwas war erhalten und dennoch waren wir begeistert, denn die gewaltige Burgmauer am Rande des Abgrunds befand sich immer noch im tadellosen Zustand. Zwischen zwei verfallenen Haeusern grasten Kuehe und in der Mitte der Anlage oeffneten sich grosse, gemauerte Wassertanks zu unseren Fuessen. Die Einsamkeit dieser Gegend legte einen Hauch von Entdeckertum ueber die Szenerie.

Alte Festungsmauern.

Ab und zu aber mussten Einheimische diesen Ort aufsuchen, denn ein Affengott leuchtete in der spaetnachmittaeglichen Sonne in einem frischen Orange und Blumen und Kokosnuesse lagen geopfert zu seinen Fuessen. Dieser Ausflug hatte sich gelohnt.

Zwei Tage spaeter, am 27.1., wir befanden uns auf dem Weg nach Nashik, wurden wir mal wieder von einem unerwarteten Ereignis ueberrascht. Der Tag begann ruhig und wir genossen das Fahren. Ab und zu gruessten die Einheimischen. Doch dann wurden wir abrupt aus unserem Tretrhythmus gerissen. Ein aelterer Mann mit einem weissen schiffchenaehnlichen Hut auf dem Kopf, welches er zu Ehren Mahatma Gandhis traegt, wie er sagte, draengte uns auf einmal stehen zu bleiben. Hinter ihm lag ein vollbesetztes Grundstueck. Zahlreiche, geparkte Motorraeder versperrten die Einfahrt. Sein Winken wurde immer ungeduldiger.

Ernstes Brautpaar.

So folgten wir ihm neugierig in die Menschenmasse hinein und urploetzlich standen wir unter einem Baldachin. Vor uns ragte ein Podest auf. Ein Mann sprach unablaessig in ein Mikrofon und neben ihm, still und ernst, standen zwei geschmueckte Menschen, eine junge Frau und ein Mann. Wir waren auf einer indischen Hochzeit gelandet. Schon hatte Sven ein Mikrofon in der Hand und wir beide einen roten Punkt auf der Stirn. Man ueberreichte Sven einen Blumenstrauss und uns beiden zwei Kokusnuesse und wies uns schliesslich einen ruhigeren Platz zum essen an, nicht ohne dass wir vorher mit dem Brautpaar fotografiert wurden.

Hungrige Gaeste.

Hier kamen wir endlich ein wenig zur Ruhe – obwohl viele neugieriege Gaeste einen kleinen Kreis um uns bildeten und manchem die Fragen unter den Naegeln brannten. Das Thali schmeckte koestlich. Satt und froh ueber die Einladung verliessen wir bald wieder das Fest. Guter Dinge setzten wir unseren Weg fort. Doch keine fuenf Minuten spaeter ueberholte uns derselbe aeltere Mann auf seinem Motorrad, der uns gerade erst unter die Hochzeitsgaeste gemischt hatte. Nun lud er uns zu sich nach Hause ein und liess nicht locker, bis wir schliesslich auch bei ihm auf dem Sofa sassen. Wir unterhielten uns mit seinem Neffen und assen gesuesste Karotten mit Nuessen, die uns seine Frau serviert hatte. Unseren Plan, heute noch viel weiter zu kommen, gaben wir langsam auf. Doch es wurde ein Nachmittag, den wir auf unserer Reise nicht missen wollen.

Noch ein Inder.

28. – 30.01. Nasik: Baeder, Hochzeiten und Prozessionen

(S) Nach unser ersten indischen Hochzeit traeumten wir von Festessen, bunten Saris, exotischen Kostuemen und heiligen Gesaengen. Als wir die Augen oeffneten verschwanden die Bilder … nur die Gesaenge blieben. Wir steckten neugierig unsere Nase aus dem Zelt: Uns umwehte ein kuehler morgendlicher Wind und auf der nahen Strasse sahen unsere mueden Augen tatsaechlich eine Prozession. Allen voran wurden orangene Fahnen getragen, danach folgten erst die Maenner, dann die Frauen.

Flaggentraeger.

Es wurde gesungen, getanzt und getrommelt. Hinterher fuhr eines dieser typisch indischen „Dreiraeder“ mit vier auf dem Dach montierten Lautsprechern aus denen ebenfalls Gesang schallte:

Hare Krishna, Hare Krishna,
Krishna, Krishna, Hare, Hare,
Hare Rama, Hare Rama,
Rama, Rama, Hare, Hare.

Wir assen unser Fruehstueck, Blaetterteiggebaeck und Bananen, waehrend sich der Umzug langsam von uns entfernte. Gestaerkt schwangen wir uns auf die Raeder, heute wollten wir Nasik, von dem uns noch ueber 120 km trennten erreichen. Erfreulicherweise ging es bergab – wir rollten ein wenig froestelnd die Berge hinunter durch Bananen- & Zuckerrohrfelder und sogen die frische Morgenluft in uns ein. Dann ploetzlich hoehrten wir wieder Trommeln, wieder Gesang. Nicht weit vor uns eine andere Prozession, aehnlich der fruehmorgendlichen. Diesmal konnten sie uns nicht so leicht entkommen :) .

Ein Priester ??

Die Glaeubigen auf ihrem Weg zum Tempel waren genauso neugierig auf uns, wie anders herum. Sie sangen fuer uns noch einmal und liessen ihre Instrumente erklingen (Video). Ein mit orangenem Kopftuch geschmueckter Mann kam auf uns zu. Er trug ein vierseitiges Instrument in der Hand und seine Stirn war von rot-weiss-schwarzen Tilaka geschmueckt. Als einziger sprach er Englisch und erklaerte uns, dass die Prozession nun auf dem Weg zum nahen Tempel sei. Sie sangen und beteten um Offenbarung zu erhalten, vor allem durch den Gesang wollen sie hoechste Vollkommenheit erreichen. Wir erzaehlten von unser Reise durch Osteuropa, die Tuerkei, Iran und nun Indien. Mir fiel auf das dies von aussen betrachtet fast einer Pilgerreise gleichen musste, ich musste darueber ein wenig schmunzeln.

Keine Zirkuswagen,
typisch indische LKWs.

Wir verabschiedeten uns freundlich und gaben uns beste Wuensche mit auf den Weg. Eine Einladung in den Tempel mussten wir leider ausschlagen, schliesslich lagen noch immer ueber 100 km vor uns.
Wir erreichten erst eine groessere Strasse, dann noch eine grossere und schwenkten 40 km vor Nashik letztlich auf den Highway. Auf diesem war nun wieder die Hoelle los. Staendig schoben sich Autos, Motorraeder, Lastkraftwagen oder diese dreiraedrigen Autorikshas an uns vorbei. Das waere ja nicht so schlimm, wenn diese nicht staendig hupen wuerden. Zum Gruss ertoent ein durchdringendes ‘Tuut-tuut’ oder ‘Bieep-Bieeeeep’, manchmal auch ‘Baaaabbb-baab’. Wenn man sich dann fluchend vom Shock erholt und freudig feststellt, dass Ohren, Trommelfell und hoehere Denkfunktionen noch ihren gewohnten Dienst tun, liest man diese witzigen „Please Horn„- oder „Blow Horn„- Auffschriften („Bitte hupen„).

Das beruehmte „Om“.

Hier merkt man erst, wie leise der Strassenverkehr in Deutschland ist, aber das ist eine andere Gechichte.

Es waren ja nur noch 40 km und schliesslich erreichten wir, nachdem wir 7:15 Stunden im Sattel gessesen hatten (reine Fahrzeit!!), mit schmerzendem Hintern Nashik.
Nasik, mit ca. einer Million Einwohner, liegt direkt an dem heiligen Fluss Godavari. Dies zieht viele Pilger an, die in dem brauenlichen Wasser baden und hoffen sich so von ihren Suenden rein zu waschen. Wir begaben uns erstmal auf die Suche nach etwas mehr weltlicheren Angelegenheiten, naemlich einer Unterkunft fuer die Nacht. Ein Schild am Strassenrand verkuendete: „Basic rooms: 100Rs“ („Einfache Zimmer: 1.70 EUR“) und wir folgten. Die Enttaeuschung: Alles ausgebucht. Diese Auskunft hoerten wir noch zweimal, bevor wir dann noch vor Sonnenuntergang ein Zimmer beziehen konnten.

Belebter Innenhof.

Diesmal war es eine richtige Absteige: In dem kargen Zimmer standen 3 Betten, von denen wir eines als Ablage fuer unsere Taschen umfunktionierten. Neben einem Deckenventilator war das auch schon die komplette Einrichtung. Dafuer war es mit 150 Rs (ca. 2.60 EUR) recht guenstig. Ueberhaupt war es ein tolles Erlebnis hier unterzukommen. Wir waren die einzigen „Weissen“, das zog erst ein wenig Aufmerksamkeit auf uns. Nachdem wir aber die wichtigsten Infos ueber uns zum Besten gegeben und knapp tausend Haende geschuettelt hatten, fanden wir doch Ruhe. Wir beobachteten das Treiben im Innenhof. Hier wurde gekocht und Tee getrunken, in den schaebigen Duschen (Dusche bedeudet hier ein Rohr aus dem Wasser spritzt) wusch jemand seine Kleider, Kinder spielten Fangen und in den oberen Stockwerken hingen bunte Tuecher zum Trocknen. Nichts war steril, alles war laut und voller Leben.

Kopfrasur.

Wir genossen diese Atmosphaere, zogen uns aber schon recht frueh in unser Kaemmerchen unter unser blaues Moskitonetz zurueck, welches neben Muecken auch die kleinen weichen Krabbeldinger, die wir nicht identifizieren koennen, fernhalten soll. Wir hoehrten einen Frenseher ueber den Innenhof schallen (nach 18:00 gibt es hier schliesslich auch Strom): Es lief Wrestling, ein englischsprachiger Moderator kommentierte die Kampfszenen, wir aber verloren den Kampf gegen die Muedigkeit und daemmerten ein.

Am naechsten Morgen brachen wir auf, die Stadt zu entdecken. Erstmal ging es zu den Bade-Ghats: Dort liessen sich Maenner die Koepfe rassieren, nur eine Locke am Hinterkopf blieb stehen. Dann stiegen sie in Unterhosen ins Wasser. Einige murmelten etwas dabei und streckten die Haende zum Himmel, andere liessen sich einfach in die Fluten fallen. Aeltere und nicht ganz so mutige wuschen sich vorsichtig Arme und Beine und benetzten das Gesicht. Frauen betraten auch das heilige Wasser, allerdings zogen diese sich nicht aus, sondern badeten in voller farbenpraechtiger Montur.

Reinigende Waschung.

Meist ueberschuetteten sie sich gegenseitig mit heiliger Fluessigkeit, wofuer sie einen metallischen Becher nutzten. Alle wuschen sich auch mit Seife; Kinder, die davon teilweise nicht so begeistert waren, wurden von ihren Muettern dazu „gezwungen“. Zum Abschluss zogen die Frauen sich dann doch noch um und wieder trockene Kleider an. Die benutzten wurden im Flusswasser gewaschen, bevor die Pilger weiter zogen. Wir betrachteten das Treiben eine ganz Weile und schlenderten am Fluss entlang. Immer wieder wurden wir hier von Bettlern gestoppt. Wir haben seit den letzten Wochen meist Kekse oder Bananen bei uns, die wir dann anbieten. Die meisten nehmen dies gerne und ziehen weiter … die Idee Geld zu verteilen, behagt uns irgendwie nicht so recht.
Nasik wurde in unserem Reisefuehrer als Stadt bezeichnet, wo man kaum ein paar Schritte tun kann, ohne ueber einen exotischen Tempel zu stolpern.

Da kommen die kleinen
roten Punkte her.

Hier, glaubt man dem Ramayana, gelang es Ravana, dem Fuersten der Daemonen, Sita, die Koenigstochter und Frau des „Haupthelden“ Rama, zu entfuehren. Auserdem hat Lakshmana, der Bruder Ramas, die Nase von Suepanakha, Ravana’s Schwester, abgeschlagen. Wir erkundeten einige der aeltesten Tempel, liessen uns immer wieder die zugehoerigen Geschichten erzaehlen. Mal sollen grosse Schlangen nachts den Tempel in Beschlag nehmen, manchmal ist es die grosse Glocke am Eingang, die von riesigen Elefanten zu ihrem Platz geschleppt wurde, welche das Heiligtum zu etwas Besonderem machen. Am Platz, wo es zu dem besagten Nasen-Verlust-Vorfall kam, errichtete man das Kala Rama. Eine weitlaeufige Tempelanlage, mit einem starken Durchfluss an Glaeubigen. Wir postierten uns an der Stirnseite des Innenhofes. Die meisten Hindus betraten den Haupttempel, passierten spaeter einige der Gottesbilder im Innenhof und zogen weiter. Andere fassten sich an den Haenden und tanzten schnell im Kreis und lachten dabei viel.

Eine Gottheit.

Ein aelterer Mann, sang und zog seine Kreise. Das ist woertlich zu nehmen, immer wenn er etwas Anbetungswuerdiges in Form eines Gottesabbildes gefunden hatte, warf er sich erst auf den Boden und umrundete es verschiedene Male. Auch uns beaeugte er neugierig, vielleicht dachte er kurz darueber nach auch uns zu umrunden, drehte aber vorher ab und gruesste nur freundlich.
Auch hier erregten wir mal wieder die Aufmerksamkeit der Inder. Wir wurden wiederholt nach unser Herkunft und Ziel gefragt; auch viele Fotos wurden von uns geschossen. In letzter Zeit finde ich das auch gar nicht mehr seltsam; zum einen ist da ein gewisser Gewoehnungseffekt dabei, zum anderen fiel mir auf, dass ich auch immerzu Inder fotografiere.

Damit hatten wir unser Touristenprogramm eigentlich absolviert … so gingen wir noch einmal auf die andere Seite des Flusses um ein Internetcafe zu suchen.

Die Braut (Nr. 2).

Dabei stolperten wir ein zweites Mal mitten in eine Hochzeit … wird jetzt langsam Tradition :) . Schon am Vormittag sind uns ein paar Leute mit albernen orangenen Kopfbedeckungen aufgefallen. Daneben gab es Trommler in Rot und einer trug anstatt, des orangenen einen violetten Kopfschmuck. Wir kamen ins Gespraech und man erzaehlte uns: Dies sei eine Hochzeit, der Braeutigam erbittet gerade Segnung von „seiner Gottheit“, die Braut kleidet sich an und in 30 Minuten gehts los. Wir wurden noch angehalten zu tanzen, was wir kurz taten, schuettelten ein paar Haende und zogen weiter um unser oben beschriebenes Programm zu absolvieren. Nun, unweit der „Stelle der lustigen Kopfgewaender„, wurden wir wieder von aufgeregten Kindern umringt. Alle waren sich einig: Wir muessen auch zur Hochzeit. Wir folgten also auch diesmal. Wieder gab es Fotos mit dem Braeutigam und der Braut, auch wurde uns Essen vorgesetzt. Im Unterschied zum letzten Mal waren wir nicht so erfolgreich damit, den Nachschlag abzulehnen: Vielmehr ueberschlugen sich aufgeregte Kinder und der Bruder des Braeutigams, der sich diesmal unser angenommen hatte, uns mit Speisen zu ueberhaeufen.

Lustiger Kopfschmuck.

Es war wirklich harte Arbeit die Teller leer zu bekommen. Bei den Wasserbechern fiel mir das schon einfacher: In einer unachtsamen Minute, kaute ich, waehrend ich den Erzaehlungen der Kinder lauschte, auf einer Chillischote herum. Sehr zur Freude der Kinder, die meinen Becher danach wiederholt auffuellen konnten :) . Nach dem Essen gabs dann die Geschenke. Waehrend in der Tuerkei Judith immer mit einem Kopftuch ausgestattet wurde, bin in Indien wohl ich am Zuge. Mir wurde auch so ein oranger Schal um den Kopf gewickelt … irgendwie fand ich das nett, auch wenn mich das schon ein wenig an Karnevall erinnerte. Danach ging wieder alles ganz schnell: Wir wurden nach draussen geleitet, der Bruder des Braeutigams bedankte sich noch diverse Male bei uns und lud uns zu sich nach Hause ein. Leider ist dies 200 km entfernt und wir lehnten ab. Nach der 4.ten Ablehnung akzeptierte er es und liess uns ziehen. Kugelrund goennten wir uns noch zwei Tee und kehrten in unsere Unterkunft zurueck.

Die sind schon laenger
unterwegs.

Es war halb sechs, draussen schon daemmerig und drinnen, mangels Strom, noch dunkel. Wir liessen den Abend ruhig mit ein paar Suessigkeiten ausklingen und beschlossen den naechsten Tag im Internet zu verbringen um diesen Beitrag, den ihr gerade lest, fertigzustellen.
Morgen, am 31.01., gehts mit vielen neuen Erfahrungen im Gepaeck wieder auf die Raeder und nach Aurangabad. Zwischen 1682 und 1707 war hier der Herrschersitz des indischen Großmoguls Aurangzeb, ausserdem gibt es in der nahen Umgebung buddhistische Felsenhoehlen, die zum Weltkulturerbe gezaehlt werden.

Viele Gruesse von uns beiden und bis bald …

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