JuS: Farmen, Höhlen und schlechte Strassen (31.01. – 14.02.)

Indischer Busverkehr.

(J) Indien ist fuer uns im Laufe des vergangenen Monats zu einem Land voller kultureller Leckerbissen geworden. So stand bereits in Nashik fest, wohin uns unsere Fahrraeder als naechstes tragen sollten: Naemlich zu den zum Weltkulturerbe zaehlenden Ellora- und Ajanta- Hoehlen. Voller Vorfreude erwarteten wir von ihnen einen Einblick in die Anfaenge des Buddhismus, sowie in eine uralte und beeindruckende Mal- und „Bau“- Kunst. In Mandu schliesslich wollten wir unsere erste Palastruine und Moschee in Indien bestaunen. Doch zuvor hatten wir noch einer anderen Einladung zu folgen.

31.01. – 02.02.: Kothure

(J) Wir freuten uns auf einen Besuch bei einem pensionierten Bergbauprofessor, der zusammen mit seinen zwei Bruedern und einer Schwaegerin in einem 4000-Seelen-Dorf etwa 30 Kilometer flussaufwaerts der heiligen Stadt Nashik am Godavari lebt. Wir hatten ihn ueber die Hospitalityclub-Seite im Internet kennen gelernt, als wir nach einer Unterkunft in Nashik gesucht hatten. Er hatte uns sofort zu sich auf das „ruhige“ Land eingeladen.

Madhav, Farmer
aus Leidenschaft

Am spaeten Nachmittag bogen wir von der maessig befahrenen Asphaltstrasse auf einen staubigen Feldweg ab. Vorbei an Weizen- und Zuckerrohrfeldern fragten wir uns zu unserem Zielort Kothure durch. Freundlich gruessten uns die Menschen, die jedoch kein Englisch sprachen. Unsere Einwortfrage war aber nicht schwer zu verstehen, so dass man uns mit Handzeichen weiterhelfen konnte: „Kothure?“ Es wurde in die Richtung gedeutet, der wir zu folgen hatten. Darueber waren wir sogar recht froh, denn schon oft hatten wir die Erfahrung gemacht, dass „Left“- und „Right“- Angaben nicht unbedingt dem „Links“ und dem „Rechts“ entsprachen, welches uns gelaeufig ist. Vielmehr vertauschen die Inder in fast der Haelfte aller Faelle die Richtungsangaben und auch beim genaueren Nachfragen verstehen sie nicht, warum uns dieser Unterschied sooo wichtig ist. So fanden wir ohne Probleme das Haus des Professors. Doch welcher der vielen Menschen, die uns gruessten war nun unser Gastgeber? Letztendlich war er selbst noch gar nicht anwesend, sondern ging seinem Hobby, der Arbeit auf seiner eigenen BIO-Farm, nach. Stattdessen nahm uns sein Bruder, Madhav, in Empfang und bald sassen wir mit ihm und seiner Schwaegerin, Sushama, gemuetlich in der ebenerdigen Wohnkueche zusammen und schluerften Tee.

Das Haus unser
Gastgeber.

So unkompliziert die Begruessung war, so unkompliziert und herzlich blieb auch unser weiterer Besuch. Am ersten Abend noch besichtigten wir das Farmland der drei Brueder, von denen nur Madhav hauptberuflich leidenschaftlicher Bauer ist. Voller Stolz zeigte er uns bis zum Sonnenuntergang Pflanzen, von denen ich die Haelfte der Namen schon wieder vergessen habe. Es gab ausserdem nichts, was wir nicht probieren durften, ob nun Beeren, Huelsenfruechte, Schoten, Blaetter, Koerner oder Staengel. Ausser Weizen und Bohnen waechst davon wahrscheinlich nichts in Deutschland. So sahen und assen wir etwa Zuckerrohrstangen, Kichererbsen, Mango- und ominoese Drumsticktreefruechte, suesse Tamarindenschoten und Blaetter von irgendwelchen Ficcusarten, sowie Nelkenblaetter, die mir kurzfristig den ganzen Gaumen betaeubten. Unser Weg fuehrte uns auch vorbei an den Huetten der Feldarbeiter. Deren taeglicher Mindestlohn liegt bei 30 Rupies fuer Frauen und 50 Rupies fuer Maenner (das entspricht etwa 52 Cent, beziehungsweise einem Euro). Davon muss meist eine vielkoepfige Familie versorgt werden. Auch fuer indische Verhaeltnisse ist das sehr wenig.

Abends und waerend der naechsten zwei Tage bekamen wir einen grossartigen Einblick in die vielfaeltige Kueche Maharashtras. Sushama brachte uns bei, dass man Bananen in Stuecke geschnitten mit der Schale kochen und als Gemuese zum Reis essen kann, dass man das flache, pfannkuchenaehnliche Brot (Chapati, Roti oder Nan) in einer Pfanne namens Tawa vorbaeckt und dann noch einmal ueber die offene Flamme legt, damit es Blasen schlaegt und dass fast alles mit Senfsamen und gelbem Tamarindenpulver gewuerzt wird.

Erfordert auch Uebung:
Essen mit Fingern.

Madhav bereitete es spaeter riesige Freude, uns zu zeigen, wie man mit allen fuenf Fingern der rechten Hand isst. Zugegeben, kostete uns dies anfangs einiges an Ueberwindung, doch zum Schluss machte es mir sogar Spass. Auch unsere vier Gastgeber mussten beim Zusehen und Kommentieren viel lachen und bestanden zum Schluss einer Mahlzeit immer wieder darauf, dass der Teller mit der Handkannte richtig sauber gewischt wurde. Jedes Essen an sich blieb ein kleiner Hoehepunkt. Nichts gab es zwei Mal und alles war selbst produziert und zubereitet, ob das Gemuese, das Brot, die Suppe oder die suesse Nachspeise. Selbst die zerlassene Butter (Ghee) stammte von der eigenen Milchkuh im Stall hinterm Haus.
Das Haus an sich war eines der groessten im Dorf, was sich nicht nur durch die grosszuegigen zwei Stockwerke und vielen Zimmer auszeichnete, sondern auch durch die Moebel und die eigene Internetstandleitung (die vor allem Sven faszinierte). Daneben gab es so etwas wie einen mit Holz betriebenen Durchlauferhitzer, der wiederum mich besonders begeisterte, weil er so urig aussah und ich das Gefuehl einer warmen Dusche schon fast vergessen haette. (Wir „duschen“ in Indien zwar recht haeufig, jedoch gibt es in 98% der Faelle nur kaltes Wasser.) Eine Trinkwasserfiltrationsanlage nahm uns die Furcht vor dem Durchfall und eine elektrische Waschmaschine wartete darauf befuellt zu werden.

Durchlauferhitzer.

Waehrend wir schliefen, luden wir einige der Sued-Iran-Fotos hoch, die es bislang noch nicht ins Internet geschafft hatten. Irgendwann fiel der Strom aus, doch das gehoert zu den alltaeglichen Dingen in Indien und kurbelt schliesslich auch die Kerzenproduktion an.

Der folgende Tag brachte einige Ueberraschungen mit sich. Hatte sich gestern Madhav, der Farmer, um uns gekuemmert, fuehrte uns heute Shreekant, Sushamas Ehemann und ehemaliger Pilot, herum. So wurden wir nach dem Fruehstueck dem Buergermeister und anderen wichtigen Persoenlichkeiten des Dorfes vorgestellt. Wir sprachen ueber unsere Tour und stellten auch unser Fahrrad vor. Man gab uns einen Tee aus und bestaunte unser Vorhaben. Schliesslich am Nachmittag, kuendigte man uns einen Besuch in der weiterfuehrenden Dorfschule an. Sushama begleitete uns nun ebenfalls.
Zu dem Zeitpunkt hatten wir noch keine Ahnung, was uns erwartete und vielleicht war das gut so. Als wir schliesslich um das Schulgebaeude herumgefuert wurden, stockte uns der Atem. Schueler aller Klassenstuffen sassen auf dem Boden vor einem Podest und begannen lautstark zu klatschen, als seien wir Prominente. Der Direktor begruesste uns und hielt eine kurze Ansprache. Ein Klatschrhythmus folgte, der mich ob der voellig unerwartewten Situation fast zum Lachen brachte. Dann waren wir an der Reihe. Sven beschrieb unsere Route und unser weiteres Vorhaben und schliesslich zeigten wir eines unserer Fahrraeder herum. Das Licht wurde am ausgiebigsten gelobt, dann kamen die Bremsen und die Gangschaltung an die Reihe, auch die Luftumpe beeindruckte.

Unser Fanclub.

Das Ladegeraet, das GPS und die Flaschenhalterungen, ganz abgesehen von den guten Gepaecktraegern und einzelnen teureren Komonenten erhielten weniger Beachtung. Das war interessant zu beobachten. Zum Abschied belohnte man uns, wie hier ueblich, mit einer Kokosnuss, die auf einem Handtuch dargereit wurde. Wahrscheinlich ahnte man gar nicht, wie praktisch diese Geschenke fuer uns sein wuerden, denn schon vor einigen Wochen hatten wir unser Handtuch verloren. Doch damit nicht genug: Die Verabschiedung war fuer die Schueler nur ein Signal, sich zu verselbstaendigen. Hunderte Hefte fanfen nun ihren Weg auf unseren Schoss: „Signature, please.“ So oft hintereinander hatte ich noch nie meinen Namen geschreiben und dabei hatten wir bereits vorher in Indien (und in Iran) die Erfahrung gemacht, dass das Unterschriftensammeln ein nicht unueblicher Zeitvertreib ist. Saetestens jetzt kam ich mir vor wie Michael Jackson oder Madonna.

Spaeter am Abend fuehrten wir mit unseren Gastgebern, auch mit dem Pofessor, mit dem wir bislang noch nicht so viel zu tun hatten, ausfuehrliche und interessante Gespraeche. So erfuhren wir, dass seine Vorfahren bereits vor 500 Jahren dieses Dorf gegruendet hatten. Sie siedelte sich als Brahmanenfamilie hier an und liess eine dicke Stadtmauer errichten, die wir am naechsten Morgen vor unserem Aufbruch besichtigen wuerden. Auf einem Abschiedsspaziergang zeigte der Professor, Sadanand, uns das alte, massive Stadttor und schlug schliesslich die Richtung zum Fluss Godavari ein. Ausgediehnte Goetter zierten den Wegesrand. Sie stammten aus verlassenen und abgerissenen Tempeln und sollten am heiligen Fluss eine wuerdige Zuflucht finden. Am alten Familientempel endete unser Ausflug. Er ist Shiva zu Ehren erbaut, dem hinduistischen Gott, der sowohl schafft als auch zerstoert und der immer eine Schlange um seinen blauen Hals traegt.

Ausgediehnte Gottheit.

Seine urspruengliche Darstellung ist der Lingam, ein Fallus, der Fruchtbarkeit symbolisiert. Den (Haupt)Lingam :) hat man in einem versteckten Kellerloch aufgestellt, welches einfach mit einem Stein verschlossen werden kann. Man schuetzte so den Gott vor Uebergriffen der Muslime, wie sie vor 500 Jahren haeufiger vorkamen.

Es war bereits frueher Nachmittag, als wir unsere Fahrraeder bestiegen und nach Aurangabad aufbrachen. Man liess uns nicht gerne ziehen. „Ich kann euch noch die Zuckerfabrik zeigen“, hatte uns Shreekant versrochen. Doch als wir darauf bestanden, unseren Weg nach China fortzusetzen, verabschiedete man uns mit grosser Herzlichkeit. Sushama schenkte mir sogar einen ihrer Saris, den sie mit roter Farbe segnete, bevor sie ihn weggab. Noch habe ich keine Ahnung, wie man ihn traegt, doch sobald ich es in Erfahrung gebracht habe, bekommt sie ein Erinnerungsfoto zugeschickt. Winkend entfernten wir uns schliesslich. Shreekant haelt den Telefonkontakt aufrecht und wir hoffen, dass wir noch einmal die Moeglichkeit erhalten, diese Familie zu besuchen.

Philosophieren am Mittag.

02. – 05.02.: Ellora

(S) Nachdem wir der Familie Barve Lebewohl gesagt hatten, steuerten wir Aurangabad an. Ein kurzer Uebernachtungsstopp in Yeola und wir erreichten unser Ziel am Nachmittag des folgenden Tages. Wir fuhren mal wieder auf einer Strasse, die in unser Karte nicht verzeichnet war. Wohl recht neu, fuehrte sie uns an vielen Zuckerrohrfeldern vorbei. Wir ergriffen die Chance und tranken einen frischen Zuckerrohrsaft. Dieser wurde rustikal mittels Ochsenkraft ausgepresst und nicht etwa mit einer benzinbetriebenen Presse, wie wir sie schon des oefteren gesehen hatten.

In Aurangabad, unserem Ausgangspunkt, um die Ellora-Hoehlen zu erkunden, checkten wir in einer Jugendherberge ein. Ja, dieser Verband ist international und es gibt ihn auch in Indien. Ein wenig seltsam war fuer uns die Nachtruhe um 22:00 h. Dann wurden die Tueren verschlossen und wir auf unser Zimmer geschickt. Es erinnerte irgendwie an die Klassenfahrten in frueheren Zeiten …

Doch am naechsten Tag bestiegen wir wieder (ohne Gruppenleiter oder Klassenlehrer) unsere, diesmal unbepackten Raeder und machten uns auf zu den im Weltkulturerbe der UNESCO verzeichneten Hoehlen. Diese wurden zwischen dem 4. und 10. Jahrhundert von Buddhisten, Hindi und Jain aus bzw. in den Fels gehauen. Der Eintritt kostete uns 500 Rs (2 x 250 Rs = 8.60 EUR). Das mag nicht viel erscheinen, ist fuer indische Verhaeltnisse allerdings ein Vermoegen.

Zuckerrohrsaftprersse.

Als Vergleich, was man mit 500 Rs noch so anfangen kann (das ist weniger als Kritik an den Eintritten gemeint, auch moegen die Werte nicht representativ sein, vielmehr sollen sie wiederspiegeln, wieviel wir so wofuer ausgeben):

  • 600 bis 900 frische Bananen essen.
  • 25 bis 50 kg Papaya essen.
  • 100 bis 250 Tassen viel zu suessen Tee trinken.
  • 100 bis 125 Fastfood-Snacks am Strassenrand essen.
  • 12 bis 20 mal All-you-can-eat-Reisplatte essen.
  • 30 bis 50 Liter gereinigtes Wasser trinken.
  • 50 Rollen Schokokekse essen.
  • 3 bis 5 Naechte in billigsten Doppelzimmern (2P) schlafen.
  • 50 Faehrfarten an der Konkankueste.
  • 72 Minuten mit unserem Handy nach Deutschland telefonieren.
  • 25 bis 60 Stunden im Internetcafe Blog schreiben.
Sightseeing macht
muede.

Die Hoehlen selbst beeindruckten uns zu tiefst. Anfangs hatten wir den Plan uns auch noch das benachbarte Fort in Daulatabad anzuschauen, doch daraus wurde nichts. Die Anlage war riesig, neben Wohnraeumen, waren Gebetshallen und ganze Tempel in den Felsen gehauen. Am Eingang bekamen wir durch glueckliche Umstaende eine Broschuere geschenkt, welche uns die folgenden Stunden durch die Hoehlen geleitete. Uns beeindruckten, die mit soviel Sorgfalt in den Stein gehauenen Statuen: Ob es nun riesige Buddhas oder hinduistische Goetter waren. Die Hoehlen erstreckten sich teilweise auf drei Etagen, die ueber verwinkelte Treppen zugaenglich waren. Manchmal pausierten wir in einer ruhigen, vergessenen Ecke und stellten uns vor, wie die Moenche Zentimeter fuer Zentimeter des harten Gesteins abgetragen hatten. Das Prunkstueck der Anlage war der aus dem 8. Jahrhundert stammende hinduistische Kailasha Tempel. Im Gegensatz zu den Hoehlen, war dieser als komplettes, rundherum begehbares Bauwerk aus dem Fels gehauen. Dafuer mussten ca. 150.000 – 200.000 Tonnen Fels abgetragen werden. Neben dem zentralen Shivatempel, der den ueblichen, stilisierten lingam enthaelt, werden auch die umrundeten Galerien von einer Vielzahl Gottesabbildungen geschmueckt. Wir liessen die Szenerie auf uns wirken und wurden dabei immer wieder selbst von indischen Touristen fotografiert.

Kailasha Tempel.

Bei beginnender Daemmerung kehrten wir tief beeindruckt nach Aurangabad zurueck. Wir goennten uns noch einen viel zu suessen Guten-Abend-Tee, bevor wir puenktlich zur Schliesszeit unsere Herberge aufsuchten.

05. – 07.02.: Ajanta

(J) Wir hatten an den Strassenstaenden Fruehstueck gegessen und in einem besseren Restaurant ein gutes Mittagessen bestellt. Als wir in Ajanta Village eintrafen, war es noch gar nicht so spaet und nach kurzem Suchen fanden wir schliesslich auch eine ganz brauchbare Unterkunft. Einen abschliessenden Tee spaeter, wollten wir uns schlafen legen, da klopfte es noch einmal an unsere Tuer. Drei junge Maenner standen draussen: „Wir wuerden euch gerne zum Abendessen zu uns einladen.“ Sven hatte geoeffnet und war ueberrumpelt: „Danke, aber wir moechten jetzt gerne schlafen.“ Die jungen Maenner liessen nicht locker: „Vielleicht zum Fruehstueck?“ Sie schienen ihre Einladung sehr ernst zu meinen und schliesslich hatten wir vor der Besichtigung der Ajanta-Hoehlen noch ein wenig Zeit fuer ein Fruehstueck uebrig, also: „Warum nicht?“. Wir versprachen uns einen netten kleinen Einblick in das Leben einer weiteren indischen Dorffamilie und ein kurzweiliges Gespraech mit der juengeren Dorfbevoelkerung. Es kam alles ganz anders, doch im Nachhinein muss ich sagen, dass der Tag trotz allem lohnenswert geblieben ist.

So wurden wir am Morgen von zwei der Jungs puenktlich um 9 Uhr abgeholt. Sie fuehrten uns durch die kleinen, etwas schmuddeligen Dorfstraesschen in einen Sackgassenweg, der von niedriegen Haeusern umbaut war. Hier wohne ihre Familie, so sagten sie. Doch nun begannen die Unstimmigkeiten.

Am Burggraben mit
zwei unser Gastgeber.

Erst wusste man nichts mit uns anzufangen, denn lange Pausen unterbrachen das Gespraech. Oft warteten die beiden die Antworten auf ihre Fragen auch nicht ab und immer noch machte niemand Anstalten sich zum Fruehstuecken zu setzen. Schliesslich erzaehlten sie uns aber von einer Hochzeitsfeier am Abend, das schien ihnen schon lange unter den Naegeln zu brennen und sie draengten uns: „Kommt doch dazu. Wir werden trommeln und tanzen und es gibt ein Essen. Ihr koennt euch die Haende mit Henna bemalen lassen, wenn ihr wollt. Das ist alles kein Problem.“ Sie fuegten hinzu: „Ausserdem muesst ihr unbedingt unseren Stadtgraben besichtigen und einen Wasserfall in der Umgebung. Wir werden euch herumfuehren.“ Nun wurden wir unruhig. Auf Deutsch ueberlegten wir, ob wir ihnen diesen Gefallen tun koennten, denn sie schienen Spass daran zu haben. Bestimmt waere es auch fuer uns eine schoene Erfahrung, doch es bedeutete auch, die Ajanta-Hoehlen auf den folgenden Tag verschieben zu muessen und darueber waren wir nicht gerade gluecklich. Ausserdem begannen wir nach und nach herauszufinden, dass es sich um eine Verlobung und nicht um eine Hochzeit handelte, dass die Jungs nicht miteinander verwandt waren und vor allem: Warum hatten sie uns zum Fruehstueck eingeladen, wenn wir nun erst nach knapp zwei vergangenen Stunde alleine (!) ein Essen serviert bekamen und sich alles eher nach einem Restaurant anfuehlte.

In den Ajanta-Hoehlen.

Wir wurden naemlich zuvor gefragt, was wir essen moegen und bekamen genau das gebracht. Alles Missverstaendnisse? Oder war es die Unbeholfenheit der jungen Gastgeber (Sie waren um die 20 Jahre)? Schliesslich einigten wir uns darauf, dass wir abends puenktlich zur Verlobung kommen, nachdem wir tagsueber aber die Ajanta-Hoehlen besichtigen werden. So verliessen wir die drei fast traurig wirkenden Jungs und aegerten uns nur ein wenig ueber die verlorene Zeit am Vormittag.

Eine halbe Stunde fuhren wir mit den Raedern zu den Hoehlen. Ganz anders als die in Ellora, ist die Groesse der Anlage ueberschaubar. Hier ist alles ausschliesslich buddhistischen Ursprungs und in einem Halbkreis entlang eines ausgetrockneten Flussbettes in den Fels geschlagen. Im Gegensatz zu Ellora beeindrucken sie nicht durch ihre Groesse, vielmehr stehen hier die jahrtausende alten, gut erhaltenen Gemaelde im Vordergrund. Wahrscheinlich waehren wir an vielen Details vorbeigelaufen, haetten vielleicht nicht einmal die Bedeutung der Bilder durchschaut, wenn wir nicht durch Zufall gleich in der ersten Hoehle auf eine Studiosus-Reisegruppe gestossen waeren. „Die sprechen Deutsch“, meinte Sven. Nach 7 Monaten Radtour durch Osteuropa und Asien ist es merkwuerdig so viele fremde Menschen auf einmal unsere Sprache sprechen zu hoeren. Das war in Dubai so, in Goa ebenfalls, das nahmen wir auch jetzt so war. Gebannt lauschten wir den Erzaehlungen des Reseleiters und fragten ihn schliesslich, ob wir uns auch in den anderen Hoehlen anschliessen duerften.

Szene am Hof.

So erfuhren wir eine Menge ueber Siddharthas Leben, der ein Prinz gewesen, doch ausgezogen ist und zur Erleuchtung (Bodhi) gefunden hat. Er wurde zum Begruender des Buddhismus.

In einer der Hoehlen sieht man, wie ein weisser Elefant die bereits existierende „Seele“ dem Kind Siddhartha ueberbringt. Der Mutter kuendigt er an: „Du wirst einen Sohn gebaehren, der nicht immer dein Sohn sein wird.“ Andere Bilder stellen in plastischster Ausarbeitung weitere Erleuchtete dar. Zwischen dem 2. Jh. vor und dem 5. Jh. nach Christus ist dies alles auf den Stein gebannt worden. In Deutschland dachte man zu der Zeit noch gar nicht ans Malen: Erst etwa 1000 Jahre spaeter, zu Rembrandts Zeiten, schaffte man es, Menschen mit ebensolcher Genauigkeit abzubilden.
Zu Entstehungszeiten der Hoehlen lebten Moenche waehrend der Regenzeit hier in den dunklen Steinhoehlungen und suchten ihren eigenen Weg zur Erleuchtung. Sie hofften, irgendwann dem ewigem Kreislauf des Lebens aus Geburt und Wiedergeburt (Samsara) zu entfliehen. Denn fuer sie bedeutete Leben auch immer Leiden. Der endgueltige Tod, das Nirvana, war ihr Ziel. Es ist merkwuerdig, wenn man bedenkt, dass es in unserer christlich gepraegten Kultur ueblich ist, auf ein Leben nach dem Tod zu hoffen. Nach dem 5. Jh. nach Christus wurden diese Hoehlen, wie auch die Ellora-Hoehlen vergessen (der Buddhismus hat sich in Indien schliesslich nie gegen den Hinduismus durchetzen koennen) und erst Anfang des 19. Jh.s wiederentdeckt.

Nach dieser faszinierenden Fuehrung fuhren wir mit dem Gefuehl zu unserem Hotel zurueck, dass sich dieser Tag bereits gelohnt hatte, ganz egal, wie uns die Verlobungsfeier am Abend gefallen wuerde. Doch wir mussten uns beeilen, denn schon bald waren wir verabredet. Und wieder holte man uns puenktlich ab. Dann jedoch geschah etwas Seltsames. Einer der Jungs begann ein Bier zu wollen, damit hatten wir nun ueberhaupt nicht gerechnet.

Gestorbener Buddha
mit Reiseleiter :) .

Erstens hatten sie uns erklaert Moslems zu sein, zweitens draengte doch die Zeit. Oder etwa doch nicht? Schliesslich gab es nach einer kurzen Diskussion doch kein Bier und wir kehrten ins Dorf zurueck. Erneut begann das Warten und wir wurden noch misstrauischer als am Morgen. Was erwarteten unsere Gastgeber von uns? Wieder die Frage: „Was wollt ihr essen?“ „Essen wir denn nicht mit der Verlobungsgesellschaft?“, fragten wir erstaunt. Erst kam der Kommentar: „Mir ist schon aufgefallen, aehnlich wie viele Deutsche sprecht ihr ein sehr schlechtes Englisch.“ Wir schluckten ueberrascht. Unser Englisch ist sicher bei weitem nicht perfekt, mit dem Sprachniveau unser Gastgeber (die im uebrigen auch behaupteten Deutsch, Japanisch, Italienisch und Franzoesisch zu sprechen) konnten wir es aber schon aufnehmen. Als sie uns wiederholt einer Antwort schuldig blieben, was nun eigentlich bevorstehen wuerde, entschieden wir uns nicht trennen zu lassen und niemals beide gleichzeitig ein Getraenk auszutrinken. Reisefuehrer warnten ja oft genug vor Betruegern, die einem Schlafmittel untermischten, damit sie einen ausrauben konnten. Einer der Jungs begann auch immer oefter von Geld zu sprechen. Die Verlobte sahen wir den ganzen Abend ueber nur ein einziges Mal und das Essen bekamen wir auch wieder alleine serviert. Mir wurde ein Arm mit Henna bemalt und ich fand es auch ganz huebsch, doch es war bei weitem keine „Hennaparty“ (was auch immer das sein moege), wie angekuendigt. Waehrend der Abenddaemmerung, wurde das Geheimnis dieses ganzen Spektakels schliesslich gelueftet. Gleich nach dem Essen praesentierte uns ein Onkel der Jungs seine Stein- und Statuensammlung und forderte uns nachdruecklich dazu auf, etwas zu kaufen:

Judith „schoen“ gemacht.

Zum Freundschaftspreis natuerlich. Fuer nur 3000 Rupies (ueber 50 EUR), nicht etwa 3000 Dollar, wie er scherzhaft hinzufuegte, eine winzige Buddhastatue. Nun war alles klar. Wir hinterliessen der Familie ein paar Rupies fuer das Essen, den Zwiebelsaft und das Henna (solchen Gastgebern, wollten wir nicht in der moralischen Schuld stehen), dann verabschiedeten wir uns ein wenig veraergert. Bei einem Tee in dem Restaurant in unserer Naehe werteten wir diesen Tag aus. „Interessant“, blieb das Votum. Aergerlich nur, wenn wir wegen des ungluecklichen Burggraben-Wasserfall-Verlobungs Rahmenprogramms die Hoehlen verpasst haetten. „Haben wir aber nicht.“ :)

07. – 11.02.: Offroad nach MP

(S) Wir verliessen Ajanta frueh morgens. Judith’s Stimme klang ein wenig rauh … da war eine Erkaeltung im Anmarsch. Wir machten uns auf nach Norden, unser naechstes Ziel hiess Mandu und davon trennten uns noch knapp 350 km. Wir waren froh nun endlich mal wieder eine laengere Radeletappe vor uns zu haben, schliesslich lagen unsere letzten Stationen immer nur 1 bis hoechstens 1.5 Tagesreisen voneinander entfernt.

Wir erreichten am fruehen Nachmittag Jalgaon. Diese fuer unseren Geschmack recht grosse Stadt (sie rangiert auf Platz 89. der groessten Staedte Indiens mit einer geschaetzten Einwohnerzahl von 463.000) empfing uns, wie alle groesseren Staedte mit Laerm. Ueberhaupt haben wir in Indien festgestellt, was fuer Oasen der Stille unsere deutschen Metropolen sind. Hier ist der Verkehr lauter: Staendig knattert ein Moped oder eines dieser mit Diesel betriebenen lustigen Dreiraeder vorbei.

Allgegenwaertig:
Kuh am Strassenrand

Es hupt, weil mal wieder ein voellig ueberladenes Fahrrad den Rechtsverkehr erproben will. Hinzukommt Huehnergeschnatter und Hundegeheul am Strassenrand, hier und da meckert eine Ziege oder muht eine heilige Kuh. Die Inder selbst unterhalten sich trotzdem bruellend ueber die Strassenzuege hinweg. Dann fahren staendig mit Lautsprecher bepackte Vehikel vorbei und machen entweder Wahlkampf oder werben fuer diverse Gottheiten. Immer wieder bedeuten auch lautstarke Trommeln das eine Ehe geschlossen werden soll … alles wirkt wie ein riesiger Jahrmarkt. Dazwischen rangieren wir mit unseren bepackten Raedern und beantworten Fragen vorbeifahrender Jugendlicher nach unser Herkunft (woraufhin der hinter uns angestaute Verkehr natuerlich wieder hupt). Manchmal ist das ganz lustig, meist sind wir aber froh, dann wieder auf kleinen Strassen ins Gruene zurueckzukehren. Hier in Jalgaon mussten wir uns allerdings kreuz und quer durch die Stadt quaelen. Wir waren auf der Suche nach einer neuen Karte. Schliesslich ging es nun nach MP (sprich: „em pi“). Damit ist weder eine Maschienenpistole, noch die Militaerpolizei gemeint, sondern Madhya Pradesh, der noerdlich an Maharashtra angrenzende Bundesstaat. Das Kartenmaterial, was man hier vor Ort bekommt ist ziemlich mies, die beste Wahl sind so kleine Heftchen im DIN-A5-Format. Diese decken aber leider nur jeweils einen Bundesstaat ab und grenzueberschreitende Strassen sind nur angedeutet. Nach einigem Suchen erstanden wir eines dieser Heftchen, orakelten wo es wohl eine Strasse ueber die Grenze geben wuerde und verliessen diese grausig laermende Stadt.

Eines dieser
lauten Gefaehrte.

Auch die Ausfahrt aus grossen Staedten ist fuer europaeische Augen ein eher ungewohntes Bild. Hier wohnen die aermeren Schichten, die Haeuser werden einfacher und ganz am Rande weichen sie Zeltsiedlungen. Sind die Strassen in den Staedten schon nicht sonderlich sauber, weil zum einen Muelleimer nicht existieren, zum anderen Abwasser haeufiger direkt neben die Strasse geleitet werden, wird es hier noch dreckiger. Man kann gross und klein beobachten, wie sie ihr grosses und kleines Geschaeft am Strassenrand erledigen, waehrend sie neugierig den vorbeifliessenden Verkehr beobachten. Wird in der Innenstadt der Muell manchmal noch abgesammelt, macht man sich hier diesen Aufwand nichtmehr. Irgendwann wich die Besiedlung dann wieder den Feldern, es wurde ruhiger und wir fuhren entspannt nebeneinander unserem naechsten Ziel entgegen.

Wir waren schon auf der Suche nach einem Schlafplatz, einem ruhigen Oertchen, wo wir unser Zelt aufstellen koennten, da wurde uns mal wieder von einem Mopedfahrer bedeutet zu halten. Meist sollen wir fuer ein Foto Modell stehen und kurz einfache Fragen ueber unsere Reise beantworten. Besonderes Highlight ist es dann unsere Hand zu schuetteln und in ganz seltenen Faellen signieren wir am Ende noch ein Stueck Papier. Wir halten fast immer an, es sei denn wir quaelen uns gerade einen Anstieg nach oben oder sind aus irgendwelchen Gruenden mies gelaunt :) . Diesmal jedoch war gar kein Foto gewuenscht, sondern wir wurden von Arwind in sein 13 km entferntes Haus eingeladen. Die Jungs in Ajanta hatten es nicht geschafft unser Vertrauen in die Gastfreundschaft und das Gute im Menschen zu zerstoeren. Wir hatten beide noch genug Energie fuer diesen Abend (ja – solche Einladungen sind meist sehr kraftraubend) also willigten wir ein. Knappe 40 Minuten spaeter wurden wir dann von Arwinds Familie, inklusive diverser Onkel und Angestellter, sowie tausenden Kindern empfangen.

„Nanu, Weisse ?!“

Es folgte eine nicht enden wollende Vorstellungsrunde, eine Fuehrung durchs Haus. Wie ueblich wurden wichtige Personen heranzitiert, schliesslich waren wir fuer unseren Gastgeber ein Prestigeobjekt und dieses kommt natuerlich nur zur Geltung, wenn auch hinreichend viele Menschen davon erfahren. Gerade hier im Hinterland sind Weisse eine Seltenheit, von europaeischer Lebensweise weiss man wenig und unsere Raeder waren, wie ueblich, eine Sensation.

Werden wir zu unser Familiensituation befragt, werde ich meist bedauert keine Geschwister zu haben. Man blickt dann betreten zu Boden. Wenn Judith und ich aber erzaehlen, dass wir verlobt sind und in nicht allzu weit entfernter Zukunft eine Hochzeit ins Haus steht, hebt man den Blick wieder und gratuliert uns freudig. Man laesst dabei unter den Tisch fallen, dass wir ja nur eine „low – marriage“, eine nicht verkuppelte Hochzeit, haben werden. Hier werden Ehen in der Regel arrangiert, schliesslich wissen die Alten mit ihrer Lebenserfahrung viel besser, welche Personen zusammen ein glueckliches Leben fuehren koennen. Wir bekamen auch die Neugier ueber unsere Lebensweise zu spueren: Wir wurden befragt, wie man es bei uns mit vor- bzw. ausserehelichen Sex haelt. Besonders obskur fand ich die Frage nach „Zeitehen“ in Deutschland: Unsere Gastgeber glaubten, dass Ehen manchmal fuer 6 oder 10 Jahre geschlossen werden, bevor dann planmaessig eine neue Ehe eingegangen wird. Als wir versicherten, dass dies in Europa zumindest so ungewoehnlich ist, dass wir beide davon noch nicht gehoehrt haben, war man beruhigt. Dann kommt soetwas eben nur in Amerika vor, dort ist schliesslich alles moeglich :)

Immer wieder:
Haendeschuetteln.

Vor dem Abendessen wollten wir uns noch kurz waschen. Aehnlich wie Hannes, bekamen wir auch mal wieder die indische Version von Privatsphaere zu spueren. Mir wurden zwei Eimer, einer mit warmem und einer mit kaltem Wasser in den Innenhof gestellt. Dazu ein Stueck Seife, eine Schoepfkelle und ein Handtuch. Soweit in Ordnung, waeren da nicht 30 Personen um mich rum, die mich beim Waschen beobachten. Ich brachte das hinter mich, aber fuer mich als verklemmten Mitteleuropaeer hatte die Situation etwas Groteskes. Wir staerkten uns beim Abendessen, wo mal wieder alle anwesenden Familienmitglieder versuchten uns gleichzeitig zu bedienen. Zusaetzlich bekamen wir noch einen der Hausangestellten zur Seite, der uns unsere Wuensche erfuellen sollte. Da dieser kein Englisch verstand, probten wir tatsaechlich das sprichwoertliche „Wuensche-von-den-Lippen-Ablesen“ ….

Am naechsten Morgen brachen wir nach dem Fruehstueck und dem Pflichtbesuch im Haus des freundlichen Nachbarn auf. Arvind gab uns noch diverse Warnungen mit auf den Weg: Wir sollten auf jeden Fall den Highway benutzen. Alles andere sei zu gefaehrlich, vor allem die Menschen in der noerdlich angrenzenden Bergregion seien alles Verbrecher. Mord und Totschlag ueberall. Bei solchen Hinweisen bohren wir immer ein bisschen nach, um dann festzustellen, dass es irgendwelche platten Vorurteile sind, die hier zum Besten gegeben werden. So warnte man uns im Westen der Tuerkei vor dem Osten, im Osten vor den boesen Iranern, im Nordiran vor den Menschen im Sueden.

Einer dieser „Verbrecher“.

Meist sind es die gleichen Worte: „Die Menschen dort sind anders, nicht wie hier. Sie sind arm und gefaehrlich …“. Fast immer ist es ein Genralverdacht gegen aermere Bevoelkerungsgruppen, der zu diesen Einschaetzungen fuehrt.

In einem hatte Arvind allerdings recht. Nachdem wir Maharashtra verliessen, sank das Niveau der Strasse auf Null. Faustgrosse Steine auf sonst sandigen Untergrund. Manchmal kreuzten kleine Flusslaeufe unseren Weg, an fruehere Bruecken erinnerten nur noch Ruinen. Wir nahmen es gelassen hin und genossen die Ruhe und die Einsamkeit. Manchmal konnte man noch fahren, aber den Grossteil der Zeit, immer dann wenn sich der schlechte Zustand der Strasse mit einer Steigung koppelte, schoben wir unser Rad. Langsam, aber stetig ging es vorwaerts. Natuerlich existierte die Strasse auf der wir uns befanden in keiner Karte und so hatten wir keine Ahnung, wie lange es dauern wuerde, bis wir wieder Asphalt unter den Raedern spueren wuerden. Auch die Angaben der „Lokals“ waren diesbezueglich sehr wiederspruechlich. In den kleinen Doerfern, die sich in diese Berglandschaft schmiegten, tranken wir von Zeit zu Zeit einen dieser hier ueberall praesenten viel zu suessen Tees mit viel, viel Milch. Nach kurzer Eingewoehnung am Beginn unseres Indienaufenthalts haben wir uns an dieses Getraenk gewoehnt. Auch fuer Judiths Hals und ihre Stimmbaender, zwischenzeitlich hatte sie sogar die Stimme verloren, war dies fast wie Medizin.

Hier, wo klapprige Busse, die sich ueber die staubigen Strassen quaelen, die einzige Anbindung zur Aussenwelt waren, hatte man sowas wie uns noch nie gesehen. Setzten wir uns zur Teepause, dauerte es keine fuenf Minuten und eine stumme Menge von 20, 30 auch mal 100 Menschen stand um uns herum. Sowas nimmt man inzwischen schon fast gar nicht mehr wahr.

Morgenstimmung in MP.

Am Anfang unser Reise hatten wir jedes Kind, was an unseren Raedern rumspielte zur Rechenschaft gesogen, nun schauen wir noch nicht einmal mehr auf, wenn wir unsere Hupe ertoenen hoehren. Irgendwann, nach 60 km war der Spuk vorbei und wir waren zurueck in der Zivilisation :) . Zumindest waren die Strassen nun ueberwiegend geteert, wenn auch sehr „schlagloechrig“ (dieses Wort liefert zum Zeitpunkt der Recherche im uebrigen 52 Google-Treffer, aber das nur am Rande). Ohne weitere Zwischenfaelle, wohl aber mit starkem, leider vor uns auftuermendem Gefaelle, erreichten wir schliesslich Mandu.

11. – 13.02.: Mandu

Diese Bergfestung, deren Urspruenge bis ins 5. nachchristliche Jahrhundert zurueck reichen, wird von einer 40 km langen Festungsmauer eingeschlossen. 1401 erklaerte Dilawar Khan sich unabhaengig von den Sultanen von Delhi und regierte eigenstaendig das Koenigreich von Malwa. War vorerst das 35 km noerdliche Dhar noch die Hauptstadt, wurde diese kurze Zeit spaeter nach Mandu verlegt. Bis 1562 als Mandu dem Herrschaftsbereich des Moghulherrschers Akbar einverleibt wurde, errichtete man viele Bauwerke, deren Ruinen heute noch zu besichtigen sind. Wir schlenderten durch alte Palaeste, wo einst Haremsdamen in den vielen Badebecken geschwommen sind oder Gerichtsverhandlungen abgehalten wurden.

Jahaz Mahal: Hier
wandelten einst Haremsdamen.

Neben alten Moscheen, gibt es auch ziemlich gross angelegte Mausoleen der ehemaligen Herrscher von Mandu. Das Grab des 2.ten Regenten, Hoshang Shah, soll sogar Shah Jahan inspiriert haben, der spaeter am Bau des beruehmten Taj Mahal mitwirkte. Die ganze Festungsanlage ist touristisch sehr gut erschlossen. Das erste Mal in Indien hatten wir das Gefuehl, dass unsere Eintrittsgelder auch tatsaechlich den Sehenswuerdigkeiten zu Gute kamen. Ueberall war man mit Instandsetzung der Anlage beschaeftigt. Nun wuerde man hier auch viele Besucher erwarten, jedoch fehlte von denen (fast) jede Spur. Mandu wirkte idyllisch, ja fast ein wenig verlassen, keineswegs ueberlaufen. Wenn man durch das Doerfchen schlenderte hoehrte man von den winkenden Einwohnern „Bye-Bye“-Rufe. Mehr als einmal steuerten wir den „Sunset-Point“ an, der sich ueber das weite Tal an einer steil abfallenden Wand erhebt und schlachteten dort eine Kokusnuss. In letzter Zeit habe auch ich Geschmack an den aelteren, gut gereiften, Versionen dieser Frucht gefunden. Ausser uns hatte es noch 3 Franzosen, einen Deutschen, eine Slowenin und einen Schweden in diese Idylle verschlagen. Wir genossen es, die Abende im oertlichen (etwas teureren) Restaurant zu sitzen, Tee zu trinken und Reiseerfahrungen auszutauschen. Dabei stellten wir immer wieder fest, dass sich unsere Reise schon sehr stark von denen eines Rucksacktouristen, der auf oeffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist, unterscheidet. Diese unwegsamen Bergregionen oder einsamen Straende, wo man wie das 8.te Weltwunder betrachtet wird, bleibt fuer jene unerreichbar. Dafuer sind wir verhaeltnismaessig langsam: So ist z.B. Bombay und Delhi nicht nur einfach eine Nachtzugreise voneinander entfernt. In diesen Momenten, wenn man ueber die letzten Monate berichtet, laesst man auch immer wieder die Reise vor seinem inneren Auge ablaufen und uns wird klar, wieviel verschiedene Momente, Orte und Situationen wir schon erlebt bzw. gesehen haben.

Mausoleum von
Hoshang Schah.

Das auftstrebende Osteuropa, die gastfreundliche Tuerkei, den Gottestaat Iran, ueber den wir immer noch sehr zwiespaeltige Gefuehle haben. Die Geschaeftsmetropole Dubai und nun Indien mit den europaeisch wirkenden Straenden Goas und dem wundervollen Maharashtra.

Was hier in Mandu ein wenig verwirrend war, ist das Verhalten der Hunde. Indische Hunde sind sowieso eine Geschichte fuer sich. Waehrend ich die klaeffenden Vierbeiner bis jetzt immer als Hoellenbestien angesehen habe, geht das hier nicht mehr. Auf dem Subkontinent gibt es fast ausnahmlos wilde rumstreunernde Hunde. Diese haben entweder ziemlich grosse Angst vor uns oder wir sind ihnen ziemlich egal. Das aeussert sich dann z.B. dadurch dass die Viecher sich mittags mitten auf die Strasse zur Ruhe betten, das kann auch mal ein Highway sein. Fahren wir vorbei, oeffnet sich kurz ein Auge oder man kratzt sich hinter dem verlausten Ohr, dann wird wieder geschlafen. Ich vermute, dass das ewige Gehupe die Tiere verrueckt gemacht hat. Hier in Mandu aber bettelten die Hunde ziemlich wehleidig um Essen, nachts klaefften sie uns immer wieder an, wenn wir durch die Strassen gingen. Dies waren wir schon gar nicht mehr gewoehnt, noch verdutzter waren wir, als wir bemerkten, dass sie dieses Verhalten nur bei „Weissen“ an den Tag legten. Tja irgendwie ist hier in Indien eben alle moeglich :) .

Vorbei an Baumwollfeldern.

13. – 14.02.: Auf nach Ujjain

Nach 2 Tagen in dieser entspannten Bergatmosphaere brachen wir auf, Ujjain zu erreichen. Neben Judith die immer noch ein wenig erkaeltet ist, kamen bei mir nun auch Hals-Kopf-und-Glieder-Schmerzen. Wir quaelten uns trotzdem die 150 km in diese heilige Stadt. Hier findet, wie auch in Nashik (und ausserdem in Allahabad und Haridwar), alle 12 Jahre das sog. Kumbh Mela statt. Der Sage nach waren am Anfang der Zeiten Goetter und Daemonen auf der Suche nach dem Nektar der Unsterblichkeit, dem Amrita. Gut und Boese taten sich zusammen und quirlten mit der Hilfe des Berges Meru und der Schlange Vesuki den Milchozean, einen Urozean im Hinduismus, um. Neben einer Schale Gift welches nun Shiva in seinem Hals traegt und weswegen dieser staendig gekuehlt werden muss (deshalb die blaue Farbe) enstiegen dem Meer, u.a. auch der Mond, diverse Juwelen, ein weisses Pferd und sogar die schoene Lakshmi. Als es am Ende das Elixier zum Vorschein kam, gab es einen Streit zwischen Goettern und Daemonen. Manche Geschichten berichten, dass ein Adler das Elixier im Auftrag der Goetter entfuehrte und dabei fielen an besagten Orten 4 Tropfen auf die Erde. Nun alle 12 Jahre, so der Glaube ist das Wasser an diesen Staetten ganz besonders suendentilgend. (Ein paar Worte zum hinduistischen Urmeer, dem Milchozean, und dem Schoepfungsmythos findet man z.b. bei Wikipedia).

Shiva im Wasser,
ein kleiner lingam.

Wir werden hier auch ein paar Tage verweilen. Zwar werden wir nicht unsere Suenden in dem viel zu dreckigen Wasser abwaschen, jedoch hoffen wir darauf, unsere Erkaeltung auskurieren zu koennen, bevor wir dem „Flug des Adlers“ folgen und ueber Bhopal (Sanchi) und Khajuraho nach Allahbad touren. Nach langem Hin-und-Her haben wir beschlossen Rajasthan mit seinen Palaesten und auch Agra mit dem Taj Mahal nicht zu bereisen. Die Strecke ist einfach zu weit und ausserdem raten eigentlich alle Radelberichte von 2-Rad-Touren in diesen Teil Indiens ab. Auch unsere Strecke hat viel zu bieten und wir haben bis jetzt die Zeit abseits von den Haupt-Touristenstrecken ja auch sehr genossen. Wir freuen uns jedenfalls den naechsten Teil Indiens zu erleben.

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