JuS: Ums Dach der Welt (21.03. – 17.04.)

Wir gehen wandern.

(S) Es war also beschlossen, wir Flachlandindianer wollten ganz hoch hinaus. Auf dem Plan stand die Annapurna Runde. Sie ist touristisch ziemlich gut erschlossen, das heisst Zelt und Kocher konnten in Pokhara bleiben und wir bewaffneten uns deshalb mit nur wenig Gepaeck. Der Weg sollte uns zum 5416 Meter hohen Thorang La Pass fuehren, vorher statteten wir aber noch dem (oder einen der) welthoechsten See(n) einen Besuch ab.

21.3. Farbenfroher Start ins Himalaya

(J) Am Karfeitag, dem 21.3., verliessen wir Pokhara. Nicht, dass wir hier in Nepal irgendetwas von Ostern mitbekamen und doch dachte ich ein wenig sehnsuechtig an all die Schokoladenosterhasen, die in den naechsten Tagen tausende von „Kinder“-Maegen fuellen wuerden.

Auf dem Busdach.

(S) Genauer gesagt, wurde ich in den letzten Wochen morgens immer wieder ueber naechtliche Traeume informiert in die entweder rauhe Mengen Schokoladenosterhasen, oder auch einfach nur Schokolade (plain) involviert waren.

(J) Hier in Nepal aber feierten wir heute ganz unverhofft ein anderes Fest: Das Fruehlingsfest „Holi„.

Wir vier, d.h. das franzoesische Paar Estelle und Christoph, sowie Sven und ich, sassen bereits auf dem Dach des Busses, der uns zum Start unseres Himalayatreks bringen sollte, als wir zu spueren bekamen, was es bedeutete, an diesem Tag unterwegs zu sein. Platsch! Ein grosser Schwall Wasser ergoss sich auf Estelles weisses T-Shirt. Kinderlachen drang vom Strassenrand zu uns hinauf und blieb bald hinter uns zurueck. Doch von vorne naeherte sich bereits die erste riesige, rote Staubwolke. Buntgepuderte Gesichter strahlten von unten zu uns hinauf und schon machten sich eifrige Haende hektisch bereit, die Wasserspritzpistolen mit farbigen Fluessigkeiten zu fuellen und auf uns zu richten. „Ducken!“, rief Sven.

Opfer? Taeter? Beides?

Doch es war zu spaet. Ein grosser lila Klecks landete in seinen Haaren und blieb dort hartnaeckig auch in den naechsten Tagen zu bestaunen. Heute war alles farbenfroh: rot, gelb, lila, gruen, blau. Voller ausgelassener Freude fand man sich in Gruppen jeden Alters auf der Strasse zusammen und trug ein rotbemaltes Gesicht zur Schau. Schranken zwischen Kasten, Geschlechtern und Alter existierten scheinbar nicht mehr.

Als wir am spaeten Nachmittag nass, verschwitzt und bunt gesprenkelt in Besisahar ankamen, waren wir froh um die warme Dusche auf dem Gang unseres Hotels.
Noch vor dem Essen schrubbten wir uns alle die Farben vom Leib und wuschen auch die Klamotten, so gut es eben ging. Zu unserem Glueck legte sich unterdessen auf der Strasse der farbige Enthusiasmus ein wenig und so gelang es uns, mit nur einem roten Klecks auf der Stirn die Suche nach einem Restaurant zu beenden. Bald nachdem wir unseren Hunger gestillt hatten, gingen wir bereits schlafen und traeumten von den aufregenden Tagen in den Bergen, die nun vor uns lagen.

22. – 27.3. Langsam immer hoeher

Jetzt gehts los.

Am naechsten Morgen klingelte der Wecker schrill. Schlaftrunken standen wir auf. Langsam stieg die Sonne hoeher und schon wenig spaeter bestiegen wir noch einmal das Dach eines Busses, denn unser Tr.kingstart lag erst im neun Kilometer entfernten Bhulbhule. Das Abenteuer begann: Ungeteert lag die Strasse vor uns: Unzaehlige tiefe und tiefere Schlagloecher zierten den staubigen Weg. Zu unserer Rechten fiel der Hang steil ab und manchmal waren grosse Teile der Fahrbahn weggebrochen. So kaempfte sich unser vierraedriges Gefaehrt langsam und unermuedlich vorwaerts. Manchmal neigte es sich bedenklich erst zur einen, dann zur anderen Seite. Man musste sich gut festhalten um nicht ungewollt auf dem Schoss des Nachbarn zu landen oder gar vom Dach hinunter zu kugeln. Ab und zu zogen wir die Koepfe vor den tief haengenden Stomleitungen ein. Dennoch war unter uns kaum ein Sitzplatz frei und neben uns tuermten sich die voll beladenen Kiepen mit Haushaltsgeraet und frischem Gemuese auf.

Nanu? Internet? Hier?

Unablaessig kletterte die nepalesische Jugend hinauf und wieder hinab auf die Strasse. Dann mussten auch wir das Busdach verlassen. Vom einen auf den anderen Augenblick standen wir, die Rucksaecke auf den Ruecken geschnallt, vor einem schmalen Pfad, der sich entlang eines Flusslaufes hinauf in die Berge schlaengelte. Von jetzt an lagen drei Wochen Trekking im Himalaya vor uns. Ein mulmiges Gefuehl draengte sich zwischen die Vorfreude, denn noch nie waren wir so lange in Gebieten wandern gewesen, in denen ausschliesslich Esel (und die Einwohner selbst natuerlich) die Lasten von einem Ort zum anderen trugen. Den Doerfern waren Autos und Motorraeder fremd. Gerade dass machte alles aber auch sehr aufregend und versprach Erhohlung.

Gegenverkehr.

Unser Pfad fuehrte uns zunaechst vorbei an zahlreichen kleineren Hotels. Aus rohen Braettern gezimmert, mit einer kleinen, einladenden Terrasse luden sie zum Bleiben ein, doch noch war es zu frueh fuer eine Rast. So liessen wir sie bald hinter uns und entlang des Weges zogen sich zahlreiche Terrassenfelder endlos in die Hoehe. Bald wuerde hier der Reis frisch und gruen aus der ueberfluteten Erde spriessen. Ab und zu kreuzten wir ueber eine Haengebruecke einen kleineren Seitenarm des reissenden Flusses in der Schlucht tief unter uns. Die Szenerie war atemberaubend. Wir hatten das Gefuehl in der Zeit zurueckzuwandern. Kein Motorengeraeusch drang an unsere Ohren. Alles was wir hoerten war Vogelgesang, Grillenzirpen und der Wind, der duch die Blaetter und Graeser strich. Es roch nach feuchter Erde und Blumen.

Einer unser Gastwirte.

Am spaeten Nachmittag begann es in der Ferne zu donnern, doch das Gewitter zog vorueber und wir erreichten unsere erst Unterkunft ohne nass zu werden. Das Hotel war einfach, doch sauber. Am Wegesrand hinter einer Hecke befand sich eine ueberdachte Terrasse auf der wir muede und erschoepft vom Tag in der beginnenden Daemmerung unser Dal Bhat assen. Dal Bhat ist ein Essen, das dem indischen Thali gleicht und in riesgen Mengen serviert wird. Wenn man moechte, bekommt man alles nach: Reis, Dal (eine proteinreiche Suppe aus Linsen oder Aehnlichem), Gemuese, Pickels (in Essig und scharfen Gewuerzen eingelegts Gemuese) und manchmal Brot.

Dal Bhat.

Dazu ist es sehr lecker, billig und bedeutet fuer die Gastgeber nur einen geringen Aufwand, da die Familie es meist auch selbst isst. Satt und sehr muede legten wir uns an diesem Abend schlafen.

Am Ostersonntag liessen wir alle Anzeichen der motoriesierten Welt hinter uns, denn hatten wir gestern auch kein Motorenknattern gehoert, so zog sich auf der anderen Seite der Schlucht in Sichtweite doch kontinuierlich ein breites Strassenband die Berge hinauf.

Trekking- und Schulweg.

In wenigen Jahren wuerde hier ein (vielleicht sogar asfaltierter) Weg existeren. Er wuerde die Versorgung der Bergdoerfer garantieren, aber wahrscheinlich ebenfalls die Qualitaet des Trekkens mindern. Noch war er aber nicht befahrbar, er befand sich gerade im Bau.
Nun mehrten sich die buntgeschmueckten Eselskaravanen. Man hoerte sie, bevor man sie sah, denn grosse Glocken hingen um die Haelse der Tiere, die schwere Lasten auf ihrem Ruecken trugen: Vielleicht war darunter auch unser Abendbrot :) . Doch viel wahrscheinlicher schleppten sie die vielen Bier- und Colaglasflaschen, die Muesliriegel, die Wanderstoecke oder Daunenjacken, die am Wegesrand noch bis kurz vor dem Pass verkauft wurden. Schneller als gedacht waren die Esel neben einem und draengelten gleichgueltig vorbei, ob man ausweichen konnte oder nicht. Es war keine gute Idee sich in diesem Moment auf der Seite des Abhanges zu befinden.

Tragesystem?

Auch die Nepali selbst, die Einwohner der kleinen Doerfer in den Bergen, trugen schwere Lasten auf muehsamen Wegen hinauf. Einen alten Mann trafen wir ueber einen laengeren Zeitraum hinweg immer wieder. Seine aus Blaettern geflochtene Kiepe war gross, groesser als er selbst, und zum Bersten gefuellt. Sie lag ihm schwer auf dem Ruecken. Der Gurt auf seinem Kopf drueckte hart – oft musste er Pausen einlegen. Er kam nicht schnell voran.

Heute begannen uns Radfahrer auch die ersten Wehwehchen zu plagen. So hatten sich Christoph und Estelle in Pokhara neue Schuhe gekauft, deren Sohle aber trotz stabilem Aussehen sehr duenn und biegsam waren. Estelle lief sich daher in den naechsten Tagen Blasen und Christophs Fusssohlen begannen zu schmerzen.

Sonnenaufgang.

Auch ich blieb nicht verschont. Meine linke Ferse vertrug es nicht, auf einmal in festes Schuhwerk eingeschnuert zu sein und begann druckempfindlich zu werden. Nur Sven schien immun gegen jegliche Wanderbeschwerden. Froehlich lief er neben mir her und munterte mich auf.

In den folgenden Tagen wurde die Schlucht enger. Der Fluss suchte sich schaeumend seinen Weg an riesigen Felsen vorbei, die einmal mit unvorstellbarem Laerm hinabgestuerzt sein mussten und dann liegen geblieben waren, nun glattpoliert im Laufe der Zeit.

Wir begegneten bald anderen Trekkern: So zum Beispiel einem schweizer Paeaerchen, dass seine drei Wochen Urlaub damit verbrachte, um die Annapurnaregeon zu wandern.

Allgegenwaertig:
buddhistische „Tempel“.

Ihre Zeit war knapp bemessen und so liefen sie mit Zeittafel und wesentlich schneller als wir durch die Berge. Sie hatten ausserdem eine gewaltige Ausruestung inklusve Steigeisen dabei, was uns ein wenig Furcht einfloesste und uns schliesslich ueberlegen liess: „Unterschaetzen wir die Gefahren dieses Weges?“ Es kostete uns eine unruhige Nacht, doch wir liefen weiter. Die meisten anderen Trekker, die wir spaeter trafen, hatten einen Traeger und Bergfuehrer bei sich. Fuer uns wurde das bald zu einem seltsamen Anblick: „Warum braucht man hier soviel Gepaeck?“, fragten wir uns, „kann es sein, dass wir ohne Hilfe den Weg verlieren werden?“ Darauf fanden wir bis zuletzt keine Antwort, denn der Annapurna Circuit stellte sich im Nachhinein als relativ einfaches Gelaende heras, d.h. wenn man in dieser Jahreszeit wandern geht.

Ein Wegweiser.

Es gibt kaum Moeglichkeiten, den Weg zu verfehlen und auch die „Spezialausruestung“ kann man auf ein Paar gute Schuhe beschraenken – wenn sie denn passen :) .

Meine Fuesse hatten jedoch beschlossen, meine Schuhe nicht passend zu finden. Bereits am dritten Trekkingtag aeusserten sie unmissverstaendlich ihre Kritik. Bald stach meine Ferse so stark, dass ich nur noch barfurss laufen konnte und deshalb beschloss ich, den horrenden Preis von 1100 NRs (ca. 11 Euro) zu bezahlen, den die Verkauferin fuer ihr blenden weisses Paar Schuhe in Maennergroesse 40 verlangte. Einen Tag spaeter schnitt ich die Rueckseite des linken Turnschuhes ein und siehe dar: Er rettete unsere Trekkingtour. Nachdem ich die Sohlen meiner Wanderschuhe in meine neue Fusskleidung umgelegt hatte, konnte ich wieder unbeschwert laufen. Es war ein Wunder. Estelle hatte da weniger Glueck. Bald bildeten sich riesige Wasserblasen, die sie ueber viele Tage hinweg aergerten. (S) Doch sie ertrug ihre Leiden tapfer :) .

Fruehstueck.

(J)Von Tag zu Tag wurde es nun kaelter. Bereits am 24.3. wachten wir bei 5 Grad Celsius in unserem Zimmer auf. Wir hatten uns in einem abgelegeneren Hotel niedergelassen und in dessen kleiner Kueche am Herdfeuer zu Abend gegessen, die Wollmuetzen auf unseren Koepfen. Die ganze Familie hatte sich dort eingefunden. Sie assen mit uns. Es war schummrig und gemuetlich. Nachts aber zogen wir die Schlafsaecke bis zu den Nasenspitzen hinauf. Der Wind pfiff durch die mit Zeitungspapier abgedichteten, fingerbreiten Ritzen und Spalten in den Waenden unseres Zimmers. Sven, der nur meinen duennen Sommerschlafsack mitgenomen hatte, war froh ueber die dicken Baumwolldecken, die jedes Hotel zur Verfuegung stellte. (S) schwitzte deshalb aber in der folgenden Naechten auch immer wieder sein T-Shirt durch …

Bergdorf.

(J) Bald sollten die Temperaturen schliesslich unter Null sinken. (S)Etwas, was wir uns bei unserem Start im sommerlichen Pokhara ueberhaupt nicht vorstellen konnten. Um ein Haar waere ich anstatt mit dem Sommerschlafsack mit dem Baumwoll-Inlay losgelaufen :) .

(J)Am 26.3. kletterten wir zum ersten mal wirklich hoch. Befanden wir uns am Morgen noch auf 2850 Meter in Bhratang so ueberschritten wir am fruehen Nachmittag die 3780 Meter. Leichte Kopfschmerzen machten sich bei meinen drei Reisegefaehrten bemerkbar. Um auf Nummer sicher zu gehen (Hoehenkrankheit!) schliefen Sven und ich in Humde, auf 3330 Metern also nur 500 Meter hoeher als in der letzten Nacht. Estelle und Christoph blieben oben in Ngawad und hatten in der Nacht kaum Probleme. Sven dagegen schlief schlecht, er bruetete einen Schnupfen aus.

Manang im Schnee.

Am naechsten Tag erreichten wir unser erstes groesseres Ziel, Manang. Dies ist ein groesserer Ort auf etwa 3500 Metern Hoehe und wird von den meisten Trekkern zur Akklimatisierung genutzt. Das bedeutete, dass auch auf uns hier eineinhalb Pausentage warteten. In dieser Zeit kurierte Sven seine Erkaeltung aus, wir gingen Kuchen essen und heisse Schokolade schluerfen und besuchten bei der Himalaya Rescue Assocation einen interessanten Vortrag ueber die Risiken der Hoehe.

Auf zum (vielleicht) hoechsten See der Welt (29.3. – 30.3.)

Beten mit Nescafe.

Wir hatten Zeit. Mehr Zeit als andere Trekker in dieser Gegend und wir waren neugierig auf den (vielleicht) hoechsten See der Welt! Der „Tilicho Lake“ liegt 4419 Meter hoch und nur zwei Tagesmaersche und einen anstrengenden Aufstieg entfernt. Der Weg war weniger begangen als der zum Pass. Man trifft auf eine lange Strecke, die als Landslide-Area (Erdrutschgebiet) ausgeschildert ist. So kletterten wir vielleicht eine Stunde lang auf schmalem Pfad durch ein Geroellfeld. Rechts ragte es steil in die Hoehe, links ging es ebenso steil bergab. Manchal brach der Weg unter unseren Fuessen weg. Man musste schnell sein um den Abhang nicht hinunter zu rutschen. Ein gruseliges Gefuehl, doch man bekam mit der Zeit ein wenig Uebung.

Landslide Area.

Die Zeit schritt fort. Am Nachmittag zogen die Wolken ueber unseren Koepfen zusammen. Es roch bereits nach Schnee und dann fielen ganz leicht die ersten Flocken. Sie wurden groesser und dichter und als wir das letzte Hotel vorm See (das BASE CAMP) erreichten, daempfte bereits eine zentimeterhohe Schneedecke jedes Knirschen unter unseren Fuessen. Wir freuten uns auf ein warmes Abendessen in einem gemuetlichen Essensraum, denn die Kaelte hatte sich unbarmhaerzig unter unsere Fleece- und Regenklamotten geschlichen. So standen wir voller Erwartung vor dem zweistoeckigen, hoelzernen Haus und baten um Einlass. Muerrisch oeffnete man uns die Tuer. Es gaebe keine Doppelzimmer, der Schlafsaal sei teuer und die Dusche – aehh welche Dusche? Wir schluckten verbluefft ueber den Unwillen unserer Gastgeber uns zu beherbergen.

Der Weg zum See

Der Essensraum war dunkel und kalt, das Dal Bhat wurde kaum nachgefuellt, durch unser Schlafzimmer pfiff der eisige Wind und als wir uns am Kuechenfeuer aufwaermen wollten ernteten wir boese Blicke.

Am naechsten Morgen, nach einem unruhigen Schlaf, weckte uns die strahlende Morgensonne. Der Neuschnee glitzerte und wir waren aufgeregt. Der Weg fuehrte bereits nach wenigen Minuten steil bergauf. Christoph und Estelle gingen in schnellem Tempo vorweg. Doch was war mit mir los? Es dauerte keine halbe Stunde und jeder Schritt fiel mir zunehmend schwerer. Sven musste oft warten, wir fielen immer weiter zurueck. Ich verstand die Welt nicht mehr und begann innerlich mit mir zu kaepfen. Ein Schritt und noch ein Schritt, mein Mantra.

Oben angekommen.

Die Landschaft um uns herum aber war ueberweltigend. Einsam und still lag sie vor uns. Gletscher bedeckten die Haenge an der anderen Seite der Schlucht. Es schien, als seien wir die einzigen wanderer weit und breit. Doch dann tauchte ein erster Traeger vor uns auf, es folgte ein russisches Paar und nach ihm folgten noch einge andere Menschen, Traeger und Touristen, die nachts am See ihr Lager aufgeschlagen hatten und sich nun auf dem Rueckweg befanden. Dank ihnen fanden wir auch weiter oben im Tiefschnee unseren Weg.

Expedition auf dem Rueckweg.td>

„Noch bis zur naechsten Kuppe“, nahm ich mir vor. „Wenn ich dann den See nicht sehe, drehe ich um“, beschloss ich. Doch dann kam wieder eine Kuppe … Gefuehlte Stunden spaeter sah ich Christoph, der mir aufgeregt entgegen kam. „Siehst du die Steine dort vorne?“, fragte er mich, „Dort liegt der See.“
Die Schwere meiner Gliedmassen war wie weggeblasen. Fast im Laufschritt kam ich an und unter mir lag ruhig und unberuehrt eine riesige, ovale Schneeflaeche: Der See, „vielleicht“ der hoechste See der Welt.
Der Rueckweg war unproblematisch. Nur an einigen Stellen ein wenig rutschig, weil die Sonne damit begonnen hatte, den Schnee in Wasser zu verwandeln. Noch immer fuehlte ich mich wie berauscht.

31.3. – 1.4.: Auf zum naechsten Abenteuer

Den gemuetlichen Abend verbrachten wir im Tilicho Peak-Hotel bei warmem Feuerschein und reichlichem Dal Bhat. Am naechsten Morgen musste ich zum ersten Mal, seit ich meine Wanderschuhe in Turnschuhe eingetauscht hatte, das Schuhwerk zuruecktauschen. Anders war es unmoeglich, den schmalen, aufgeschwemmten Bergpfad auf andere Art und Weise als auf dem Hintern hinabzusteigen. Dann erreichten wir Yakkarka und am naechsten Tag Thorang Phadi auf 4200 Metern. Wir waren wieder auf dem Hauptweg und nun wurde es auch voller.

Kuschelyaks.

Hier oben sind die durchschnittlichen Tagesetappen kuerzer, so staut sich alles vor dem Pass an. Wir wanderten weiterhin durch Schnee und am Wegesrand begleiteten uns nun Yakherden, kreuzten gemuetlich unseren Weg und suchten nach dem spaerlich vorhandenen Futter. Sie waren riesig und hatten ein kuscheliges langes Fell, fast erinnerten sie an Urgetier. Auf jeden Fall bestand kein Zweifel: Hier, in diese Winterlandschaft, gehoeren sie.

02.04.: Der GROSSE Tag

Guten Morgen!

(S) Nun war also DER Tag gekommen. Auf dem Weg zum Tilicho See hatten wir es bis auf knapp 5000 Meter geschafft, allerdings mit weniger Gepaeck und auch da wurde es schon schwer. Nun hatte es in den letztern Tagen immer mehr geschneit, der Pass lag nochmal ueber 500 Meter hoeher … ausserdem hatte mir diese verrueckte, redselige Amerikanerin am letzten Abend ein wenig Angst gemacht: „Es geht hoch und hoeher, und glatt ist es und dann faellt es auch noch steil an den Raendern ab …“.

So schlief ich die Nacht schlecht: Zum Einen dachte ich ueber die anstehenden Strapazen nach, zum Anderen war es saukalt: Im Zimmer zeigte das Thermometer morgens fuenf Grad unter Null. Und dann kam nachts auch noch Besuch ins Zimmer: Mein leichter Schlaf wurde von einem Rascheln der Plastiktueten gestoert … schliesslich stellte sich heraus, dass es selbst hier oben kleine Maeuse gibt, die boshafterweise nachts in Hotelzimmern auf Jagd nach dem Essen gehen, welches Touristen und Traeger muehevoll hochgeschleppt hatten.

Beim Wasserfiltern.

Grummelig pellte ich mich aus dem Schlafsack, stellte mich der Eiseskaelte und haengte unsere Essenstuete an einen Nagel an der Wand. Dabei liess es sich der kleine Besucher nicht nehmen, mich anzuspringen. Leider war ich zu schlaeffrig, um festzustellen, ob hier oben auch die Mauese einen laengeren Pelzmantel tragen, als die im Flachland. Schliesslich sehen hier alle Kuehe, Pferde und Esel viel, viel kuscheliger aus, als wir es gewohnt sind. Meine Gedanken kreisten um Modifikation, Mutation und als ich schliesslich bei der Erinnerung an die Erzurumer Zeit mit unseren „Darwin-und-seine-Eveolutions-Theorie-sind-sowieso-der-groesste-Mist-und-Allah-ist-viel-cooler-als-Darwin-der-Luegener-und-ueberhaupt-ist-Wissenschaft-scheisse“ ankam, schlief ich leicht froestelnd wieder ein.

Die Sonne ist aufgegangen.

Doch nicht lange und unser Wecker holte mich in die Wirklichkeit zurueck. Schliesslich wuerde der Tag lang werden: 1000 Meter nach oben, und dann ein Abstieg, der uns 1600 Meter wieder in Richtung Erdmittelpunkt fuehrte. Es war dunkel draussen, doch bereits als wir um 4:30 Uhr zum Fruehstueck stapften, konnte man viele Lichter am Berg erkennen. Wie auf eine Kette aufgereihte Gluehwuermchen, wanden sich die fruehen Wanderer den Berg hinauf. Als wir uns dann – immer noch vor Sonnenaufgang – auf den Weg machten, war der Weg schon ausgetreten und wie eine Schnellstrasse beleuchtet :) . Langsam ging es zum High Camp: Auf 4700 Meter, befindet sich noch ein weiteres Hotel. Nach einer kurzen Pause, wo wir unsere Kopflampe in unserem Rucksack verstauten, ging es weiter. Wir ueberholten die ersten Touristengruppen, manchmal standen wir aber auch im Stau: Wieviele Leute sich an diesem Tag gemeinsam mit uns ueber den Pass quaelten, vermag ich nicht zu sagen, aber ueber einhundert sind es sicherlich gewesen.

You never walk alone.

Die Schritte wurden zunehmend schwerer, man brauchte mehr Pausen, wurde in diesen aber mit Blicken auf eine wundervolle weisse Landschaft, wo sich kantige Berge scharf gegen den blauen Himmel absetzten, belohnt.
Insgesamt fand ich persoenlich das Vorwaertskommen nicht so ermuedend, wie ich erwartet hatte. Es war anstrengender, aber immer noch ziemlich ertraeglich. Ein wenig uebermuetig stapfte ich deshalb an einer Gruppe Trekker, die sich vor mir angestaut hatten, durch den tieferen Schnee vorbei. Natuerlich beschleunigte ich, was mich ein wenig ausser Atem brachte … jedoch erschreckte ich mich, als ich feststellte, dass es mich derart auspowerte, dass ich Probleme hatte, meinen Magen-Darm-Trakt unter Kontrolle zu bekommen.

Fast am Ziel.

Ich machte mir fast in die Hosen (!) – als ich dann wieder ganz vorsichtig und langsamer einen Fuss vor den anderen setzte, erholte ich mich zwar schnell wieder – der Schrecken liess mich aber nun ein wenig geduldiger vorwaertsstapfen :-) . Ich wartete immer mal wieder auf Judith, die sich die Kraft ein bisschen weiser einteilte. Wir stimmten, aber alle darin ueberein, dass der Weg zum See mehr Kraft gekostet hatte. Trotzdem wurde es zunehmend stiller, keiner sagte mehr viel, man setzte einfach einen Fuss vor den anderen, ich genoss die Ruhe sehr.

Dann nach vier Stunden war es soweit: Wir waren oben angekommen. Ein Schild verkuendete lapidar: „Congratulations for the success!!! Hope you enjoyed the trek in Manang. See you again !!!“ (Herzlichen Glueckwunsch zum Erfolg!!! Wir hoffen Sie genossen die Wanderung in Manang. Bis bald!!!) Ich freute mich, war aber vorsichtig damit, die Arme zu schnell zu hoch zu reissen, weil im Hinterkopf immer noch die Errinerung an das waghalsige Ueberholmanoever rumspukte.

Christoph & Estelle beim Zieleinlauf.

Vor uns waren buddhistische Gebetsfahnen gespannt und in einer kleinen Huette konnte man sich einen heissen Tee goennen. Immerzu kamen Trekker, man sah ihnen teilweise den Grad der Erschoepfung an … es wurden staendig Fotos geschossen. Fast jeder Neuankoemmling postierte sich vor dem Schild und machte „Siegerfotos“. Wir feierten auch: Jeder holte sich einen „Snickers“ aus dem Gepaeck, dazu gab es einen heissen Tee mit viel Zucker. Insgesamt verbnrachten wir dort oben etwa 30 Minuten, aber je laenger wir uns dort aufhielten, je mehr setzte uns nun allen die Hoehe zu. Kopfschmerzen begannen, auch fiel das Atmen immer schwerer und sich aufzuraffen weiter zu gehen kostete immer mehr Energie. Schon witzig, wenn der Koerper beginnt so um Hilfe zu schreien. Wir wollten ihn nun auch nicht so lange rufen lassen und nutzten den Rest unseres Adrenalins um den Abstieg zu beginnen.

Geschafft!

Dieser setzte uns mehr zu als der Aufstieg. Alles war verschneit und nun in der Sonne leicht angetaut. Da wir ja auch nicht die Spitzengruppe bildeten, war der Weg ausgetreten und so rutschten wir eher nach unten, als dass wir liefen. Die steilen Abhaenge, die mir die letzte Nacht im Traum erschienen waren, mussten Gott-Sei-Dank zu anderen Gipfeln gehoeren. Immer wenn wir auf dem Hosenboden landeten, rutschten wir im schlimsten Falle 2-3 Meter den normalen Weg hinunter, haeufig blieb es aber auch bei einem einfachen „Plums“ ohne anschliessende Rutschpartie. Klingt alles recht spassig, war aber nach ein paar Stunden schon ermuedent und wir schielten immer wieder ins Tal, in der Hoffnung, Muktinath, den naechsten Ort, ausmachen zu koennen. Auch die Kopfschmerzen klangen nicht etwa ab, wie es uns in den medizinischen Broschueren und Beratungen immer wieder versprochen wurde.

Belohnungastee.

Nein – diese entwickelten sich zu einem staendigen Begleiter. Zu allem Ueberfluss begann Judiths Koerper noch in einer ganz anderen Sprache zu meckern: Ein Durchfall war im Anmarsch. Abgesehen davon, dass es keine versteckten Plaetze gibt, raubte dies natuerlich auch Kraft. Auch mit dem Hinweis, dass es hier oben keine „kotverwertenden Bakterien“ oder aehnliches gibt, war Judiths Magen nicht zur Vernunft zu bringen.
So waren wir dann froh, als wir auf einmal wieder in einem Tal standen und sich der schneebedeckte Anstieg hinter in unserem Ruecken auftuermte. Nun schnelleren Fusses auf erdigem Grund erreichten wir am fruehen Abend Muktinath. Zur Ueberraschung aller gab es eine warme Dusche, auch im Essensraum stellte man uns einen gluehenden Holzkohleimer unter den Tisch. So feierten wir den Abend, wie jeden Abend :) , mit „Dal Bhat“ um unsere Akkus aufzuladen und dazu gab es ein kuehles Channg. Das wird als lokales Bier angepreist und da man eigentlich immer etwas anderes bekommt, ist es ziemlich schwer zu beschreiben, was dies eigentlich ist. Mal schmeckt es nach Getreide, mal ist viel Joghurt drin, mal prickelt es auf dem Gaumen, manchmal ist es einfach nur fad.

Zurueck nach unten.

Der Tag war anstrengend, so krochen wir bereits kurz nach dem Abendessen in unsere Betten. Natuerlich haette sich ein Ruhetag angeboten, allerdings stimmten wir alle darin ueberein, dass wir diesen doch auch ein paar hundert Meter tiefer einschieben koennten … wir begannen uns naemlich nach Waerme zu sehnen :) .

03. – 07.04.: Der Jomson Trek

Bereits ab Muktinath begleiteten uns Autos: Ja, auf dieser Seite des Passes gab es eine, wenn auch nicht gute, Strasse. Man konnte nun, wenn man wollte, in einen Jeep umsteigen und in Jomson dann sogar in ein Flugzeug: Fuer 54 Us-Dollar wuerde dies einen nach Pokhara zurueck bringen.

Immer oefter Regen.

War die andere Seite zwar schon sehr erschlossen, wurde es hier noch touristischer. Viele Wanderer kamen uns nun entgegen, die nach Muktinath wanderten und dann den Rueckweg per Flieger waehlten. Auf mich wirkte die Landschaft ein wenig langweiliger, man hatte zwar mitunter schoene Blicke auf schneebedeckte Gipfel, aber ein wenig irritierend war es schon, nun fast staendig auf einer Strasse zu laufen und (wenn auch sehr selten) das „Tuut-Tuut“ von herannahenden Mopeds oder Jeeps zu hoeren. Trotzdem genossen wir die Zeit. Wir ueberschlugen uns nicht gerade. In Jomson legten wir einen Ruhetag ein, weil die Fuesse diesen nun lautstark forderten. Die folgenden Tage wurden zumeist „halbe Tage“, weil es am Nachmittag meist anfing zu regnen.
Was uns aber vorwaerts trieb, war die Aussicht auf einen baldigen Fruehling. Am Wegesrand wurde es nun gruen, es tauchten bluehende Apfelbaeume auf.

Apfelbluete.

In der Tat durchquerten wir das „Haupt-Apfel-Anbaugebiet“ Nepals, Marpha. Wir genossen es wieder frisches Obst zu bekommen, wenn auch der Apfelbrandy nicht ganz so frisch schmeckte und – zumindest in meinen Augen – seinem guten Ruf nicht gerecht wurde. Am 07.04. erreichten wir bereits mittags Tatopani, die letzte groessere Station, zumindest wenn man den kurzen Rueckweg in die Zivilisation waehlte. Dies waere auch unser Plan gewesen, allerdings standen die Wahlen vor der Tuer:
Am 10.04. stimmte man in Nepal ueber die Zukunft des Landes ab. Im wesentlichen drei Parteien, die Maoisten, die Kommunisten, und der Kongress (sowas wie die Demokraten) konkurrierten um die Herrschaft. Und diesmal geht es um alles: Nach der Wahl beschaeftigt sich die neue Regierung naemlich mit der Reorganisation des Staates. Die Zeiten der Monarchie sind dann wohl endgueltig vorbei und muessen einem demokratischen System oder vielleicht auch einem kommunistischen weichen.

Pilger auf dem Weg nach Muktinath.

Auf jeden Fall war man im Vorfeld ziemlich nervoes, schliesslich haben in der Vergangenheit vor allem die Maoisten nicht immer mit der groessten Friedfertigkeit geglaenzt. Die nepalesische Antwort auf die nervoese Stimmung war rigoros: Man verbannte einfach saemtlichen Verkehr von den Strassen: Am 09. und 10.04. durften weder private noch offentliche Verkehrsmittel ihren Dienst verrichten. Die einzige Ausnahme bildeten Krankenwagen und die allgegenwaertigen Fahrzeuge der Vereinten Nationen. Auf jeden Fall, auch da wir nicht genau wussten, was nun nach dem Wahltag geschehen wuerde, beschlossen wir deshalb auf Nummer sicher zu gehen und einfach nach Pokhara zurueck zu laufen.

Wahlkampf.

Ausserdem wuerden wir auf diesem Weg noch einmal ueber einen Huegel von ca. 3000 Meter kraxeln und mit einem Abstieg durch einen Rothodendron-Wald belohnt werden. Doch vorerst war es gerade mal Mittag, die Sonne stand hoch und heizte uns ein (wir waren schliesslich auf 1200 Meter abgestiegen). Am Fuss des Dorfes gab es eine heisse Quelle, aus der 80 Grad heisses Wasser sprudelte. In Badebecken konnte man sich entspannen und dann im Bergfluss wieder abkuehlen. Alles schrie also foermlich wieder nach einem „halben Wandertag“ und auch hier gaben wir nach: Schliesslich stand ein anstrengender Aufstieg bevor und so tankten wir vorsichtshalber nocheinmal Kraft.

08. – 11.04.: Alles ist rot

Feldarbeit.

Die letzten Tage wanderten wir zu zweit. Christoph und Estelle zogen es vor noch einen Tag in Tatopani zu entspannen, den geschudenen Fuessen und sich selbst Ruhe zu goennen. Wir machten uns also alleine auf den Weg – und prompt bogen wir falsch ab :) . Wir schlengelten uns an einem Berg entlang. Das erste Mal trafen wir auf nicht enden wollende Treppenstufen. Wir waren alleine, kreuzten kleine Doerfer und der befuerchtete Wiederabstieg blieb uns ersparrt: Man wies uns zurueck zum Hauptweg und kaum auf diesem angekommen ging es weiter nach oben.
Wir bewegten uns jetzt wieder ohne eine Strasse, die Autos waren quasi erneut den Eseln gewichen. Um uns herum war endgueltig Fruehling, obwohl die Temperaturen auch schon sommerlich genannt werden konnten. Vergessen war Schnee und Eis, nur in der Ferne sah man noch weisse Gipfel leuchten. Stattdessen wanderten wir durch gruene Waelder, vorbei an Getreidefeldern auf denen fleissig gearbeitet wurde.

Der Wald blueht.

Unmengen Marienkaefer umgaben uns, es waren soviele das man schon sehr vorsichtig den Boden vor sich untersuchen musste, um nicht einige tierische Leben vorzeitig zu beenden. Waren dies am ersten Tag die einzigen roten Farbtupfer in der Umgebung, erwartete uns schon bald darauf ein ganz neues Naturschauspiel. Wir betraten einen ganz besonderen Wald, den Rothodendron Wald. Umgeben von riesigen Pflanzen, die alle in roten Farbtoenen bluehten und sich gegen den weiss-bergiegen Hintergrund abzeichneten kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Kaum bog man um die naechste Ecke, wirkte alles noch idyllischer. Wir genossen die Anblicke, ruhten uns im weichen Moos aus und beobachteten die Ziegen, Kuehe und Bueffel, die nun wieder anstatt der Yaks die (tierische) Landschaft bevoelkerten. Es war wirklich unbeschreiblich schoen und schon waren alle Anstrengungen des Anstieges wieder vergessen.

Entspannen im Rotodendronwald.

Schliesslich ging es dann wieder nach unten. Und auch hier Treppenstufen: Sie kamen auch gleich in Tausenden. Schicksalsergeben trotteten wir nach unten. Neben uns lief ein Zwoelfjaehriger, der alle 100 Stufen seinem 80-jaehrigen Grossvater zurief: „Another hundred!“ („Und nochmal Hundert“). Entgegen kamen uns nun immer mehr Wanderer mit rotem Kopf, teils vom Treppensteigen, teils vom Sonnenschein. Die meisten blickten flehentlich nach oben und hofften die Treppen bald hinter sich zu lassen … wir versuchten sie dann immer damit aufzumuntern, dass die Belohnung durch die Schoenheit des hochgelegenen Waldes die Strapazen wert sei :-) . Am Tag der Wahl verliessen wir dann endgueltig das Annapurna Reservat und betraten die Asphaltstrasse. Wie versprochen, alles leergefegt. Sehr zur Freude der Kinder: Die ganze Fahrbahn gehoehrte nun ihnen und ihren Seifenkisten …

Kleine Wanderer :)

Am 11.04. begannen die Busse zwar wieder zu verkehren, wir beschlossen aber nun auch die letzten Kilometer nach Pokhara per Fuss zurueck zu legen. Nicht, weil wir jetzt noch ein besonderes Naturschauspiel erwarteten, vielmehr einfach, weil es moeglich war. Und so war es dann auch: Eine Sandpiste fuehrte uns zurueck. Es kamen auch immer mehr Kinder und fragten mitunter sehr hartnaeckig nach „Give me Sweet“, „… School-Pen“ oder „… Five Rupees“ („Gib mir Suessigkeit“, „… Stifte“ oder „… Fuenf Rupies“). Irgendwie hatte diese Situation etwas Groteskes – wir fragten uns immer, wer diesen „Stifte“ – Wahnsinn gestartet hatte? Hier in den Touristengebieten, im Gegensatz zu vielen der abgelegeren Gebiete, wirkte das Betteln auf uns, wie ein Zeitvertreib. Es kostet ja nix und manchmal sind die Bemuehungen wahrscheinlich von Erfolg gekuert. Was im Zweifelsfall mit den verschenkten Stiften passiert, ist mir allerdings immer noch unklar …

Ein letzter Blick auf die Berge.

Als wir dann wieder in Pokhara eintrudelten, zeigte sich, dass die rote Farbe uns mit ins Tal begleitet hatte. Ueberraschenderweise deuteten die ersten Auszaehlungen auf einen Sieg der Maoisten hin …

12. – 14.04.: Ein frohes Neues

Auch die folgenden Tage waren die Wahlergebnisse, zumindest fuer die Einheimischen, das Thema Nummer eins. Die Auszaehlungen zogen sich in die Laenge. Mehrere Wahlkreise mussten aus unterschiedlichsten Gruenden, die Wahlen wiederholen. Auch war hier das Auszaehlungssystem weniger effektiv, als man das bei uns zu Hause gewohnt ist. Das Strassenbild wurde von Nepalesen gepraegt, die eigentlich ununterbrochen mit einem Ohr am Radio oder Fernseher hingen.

Frohes Neues Jahr!

Diese Wahl war sogar dermassen interessant, das das Neujahrsfest ein wenig unterging. Das Jahr 2065 (nach nepalesischem Kalender) wurde naemlich gerade eingelaeutet. Doch die Bars blieben leerer als die Jahre davor und auch sonst bekam man recht wenig mit … in der Zeitung lass ich, dass dies tatsaechlich an den Wahlen lag. Inzwischen steht es fest, dass die Maoisten mit 50 % der Sitze die grossen Gewinner sind. Fuer den Koenig bedeutet das nun erstmal abdanken, jedoch soll alles geordnet und nicht ueberstuerzt in den naechsten Wochen passieren. Die Maoisten signalisieren eine grosse Bereitschaft mit den anderen Parteien zusammenzuarbeiten und wollen gmeinsam einen demokratischen Sozialismus etablieren … (das ist, was ich in der lokalen Zeitung gelesen habe bzw. was mir auf der Strasse erzaehlt wurde … also ohne Gewaehr :) ).

Wieder unterwegs.

15. – 17.04.: Wieder im Sattel

Nachdem wir uns erholt und erste Erkundigungen ueber Tibet eingeholt hatten, schwangen wir uns wieder auf die Raeder. Die Situation in Tibet war immer noch angespannt. Hinzu kamen die weltweiten „Free-Tibet“ Proteste und immer haeufiger liest man jetzt vom „Olympia Boykott“. Die letzte offizielle Mitteilung versprach zwar noch eine Grenzoeffnung zum 01. Mai, allerdings war diese Meldung nun auch schon 2 Wochen alt. Nichts deudete darauf hin, dass eine baldige Grenzoeffnung bevorstand. Wir brachen nach Kathmandu auf, um bei der chinesischen Botschaft Informationen einzuholen, aber bereits bei der Abfahrt aus Pokhara rechneten wir fest damit, per Flugzeug nach China reisen zu muessen.

Reisfelder.

Dafuer fuehlte es sich nach dem „Wanderurlaub“ gut an, erneut im Sattel zu sitzen. Wenn es uns auch sehr schwer fiel, unsere Raeder wieder in Bewegung zu setzen, war es doch ein wenig wie „nach Hause kommen“. Erst rollten wir von Pokhara entlang eines seichten Flusslaufes nach unten, wie vorher hoehrten wir „Hello“, „Good Bye“ oder „Tata Tata“ … ja, wir waren zurueck. Bereits am zweiten Fahrtag kam die Ernuechterung: Es ging wieder bergauf und wir schwitzten, als wir uns langsam die Anstiege hochquaelten. Vor Kathmandu gab es einen Pass, der zwar nicht auf 5400 Metern lag, aber nun untrainiert und mit viel Gepaeck von uns bewaeltigt werden musste :) . Im Endeffekt war es aber gar nicht so schlimm und nach 2.5 Fahrtagen rollten wir ins laute, chaotische Kathmandu ein. Es wurde bereits daemmrig als wir uns durch die Strassen der Hauptstadt nach Thamel, in das Touristenviertel, fuehren liessen. Wir verbrachten zwei Stunden mit der Suche nach einem geeigneten Hotel – aus irgendeinem Grund waren alle Hotels entweder ausgebucht, zu teuer oder dermassen runtergekommen, das sie aus der engeren Wahl fielen. Am Ende fanden wir was Nettes mit Dachterasse, Wasserkocher im Foyer und sogar einer Kueche auf dem Dach. Das sollte also unsere Basis fuer die naechsten Tage werden, von der wir unseren Weg nach China finden sollten … oder nicht ?!

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