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| Hong Kong Island |
(J) Den gut einwoechigen Aufenthalt in Kathmandu fuellte ein wirres Labyrinth aus Wegen und Irrwegen, die von der Visaanfrage bei der chinesischen Botschaft bis zur Beschaffung des Verpackungsmaterials fuer den anstehenden Fahrradtransport im Flugzeug reichte. Vieles aenderte sich fuer uns drei in dieser Zeit und das betraf bei weitem nicht nur Svens und meine unmittelbare Weiterreise nach China, sondern wirkte sich auch auf unsere gesamte zukuenftige Reiseplanung aus. Was die meisten von euch vielleicht am meisten erstaunen wird, ist, dass wir aus praktischen Gruenden nun hoechstwahrscheinlich nicht mehr – wie geplant – zu den Olympischen Spielen radeln werden! Lange Zeit war selbst unklar, ob wir ueberhaupt ins Reich der Mitte einreisen durften. Doch nun haben wir es geschafft und sitzen mit Hannes vereint in Kunming.
19. – 25.4. Wo geht’s hier nach China?
Alles begann bereits vor dreieinhalb Wochen in Pokhara, als wir erfuhren, dass die Grenze zwischen Nepal und Tibet wegen der Unruhen geschlossen wurde. Damals hofften wir noch auf die Wiederoeffnung und machten uns auf den Weg um die Annapurnaregion um abzuwarten. Doch als wir am 11.04. wiederkamen, hatte sich an der Situation in Tibet wenig geaendert: Die Grenze wuerde auf unabsehbare Zeit auch weiterhin dicht bleiben. Soviel berichtete jedenfalls die internationale Presse, auf die wir ueber das Internet Zugriff hatten.
Doch eine winzige Hoffnung blieb: “Was wuerde uns die chinesische Botschaft in Kathmandu wirklich erzaehlen?”, fragten wir uns, bestiegen unsere Fahrraeder und radelten in den Tagen vom 15.04. bis zum 17.04. von Pokhara nach Kathmandu. Am Donnerstagabend kamen wir an und gleich am Freitagmorgen begaben wir uns (mit unseren Raedern) auf die Suche nach der Botschaft. Das war die erste zu ueberwindende Huerde, mit der wir nicht gerechnet hatten: Mit einem Stadtplan in der Hand fuhren wir quer durch die Stadt, doch, weil es in Kathmandu keine oder kaum Strassennamen gibt, die zudem keiner kennt, waren wir manches Mal auf die Hilfe der Einheimischen angewiesen. So schickte man uns von groesseren Plaetzen zu kleineren Plaetzen – selbst die Post orientiert sich bei der Ausstellung von Briefen nach diesem System – und kamen dem im Stadtplan verzeichneten Gebaeude tatsaechlich immer naeher. Unverkennbar an dem hohen Polizeiaufkommen vor der hohen Mauer lag die Botschaft vor uns.
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| Unser erster Visumsantrag. |
Doch dann ueberraschte uns eine Enttaeuschung: Man wollte uns nicht einlassen, denn es handelte sich zwar um das Botschatsgebaeude, aber fuer die Beantragung der Visa sollten wir zu einer Zweigstelle. Hier aber waren wir falsch. Also weiter: “Wo befindet sich denn diese Zweigstelle”, wollten wir von dem Pfoertner wissen, der kaum Englisch sprach. “Es ist nicht schwer”, gab er uns aeusserst hilfreich zu verstehen, “nur geradeaus, die Strasse hinunter. Fragt nach der SBI-Bank”. – “Wie weit?” Er zuckte mit den Achseln und gab keine weiteren Auskuenfte. So begaben wir uns um ein gewisses Mass an Verwirrung reicher erneut auf die Suche.
Einen Anhaltspunkt hatte wir immerhin mit auf den Weg bekommen: “Gegenueber der SBI-Bank” – “Aha!”. Wir fuhren die angegebene Strasse hinauf und hinunter. Niemand konnte uns helfen, bis wir nach geraumer Zeit gluecklicherweise auf einen jungen Mann mit Englischkentnissen trafen. Er wusste zwar auch nicht weiter, doch bat sofort einen anderen jungen Mann am Strassenrand um Hilfe, der wiederum zunaechst verwirrt die Schultern hob. Dann aber verwies er zoegernd auf eine SBI-Bank in einem anderen Stadtviertel und beschrieb uns den Weg. Wie durch ein Wunder standen wir kurz vor der Mittagspause tatsaechlich vor der chinesischen Visumsbeantragungsstelle und natuerlich(!) lag sie im Endeffekt nur einen nicht allzu langen Fussmarsch von unserem Hotel entfernt.
Wie durch Zauberhand oeffnete sich das Sicherheitstor einen Spalt breit und Sven trat mit der Erlaubnis des Pfoertners ein. Drinnen erwartete ihn ein voller Wartesaal. Es hatte kaum noch Sinn zu warten und dennoch gelang es Sven mit einer chinesischen Beamtin zu sprechen, die unsern Traum von der Einreise nach Tibet sofort gnadenlos zerstoerte. Damit hatten wir ja bereits fast schon gerechnet. Nun blieb uns also wirklich nur noch die Weiterreise mit dem Flugzeug. Doch es schien ebenfalls klar, wie uns ein amerikanisches Paar bestaetigte, welches diese Information noch an diesem Morgen von der chinesischen Botschaft erhalten hatte: Ohne Hotelreservierung und Flugticket war auch ein normales Chinavisum nicht mehr zu bekommen.
Nun begann eine muehsame Auseinandersetzung mit verschiedenen Flug- und Cargogesllschaften. Neue Fragen taten sich auf: Wohin ging der guenstigste Flug nach China? Wie teuer wuerde die Mitnahme der Fahrraeder als normales Gepaeckstueck im Vergleich zur Verschickung der Fahrraeder als Fracht ueber ein Cargogesellschaft. Welche von diesen Gesellschaften war am guenstigsten und zugleich am vertrauenswuerdigsten? Wieviel Gepaeck koennten wir nach Hause schicken? Uns so weiter …
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| Unterwegs in Kathmandu. |
Am folgenden Montag suchten wir zusammen mit Christophe und Estelle, die inzwischen ebenfalls in Kathmandu eingetroffen waren, erneut die chinesische Botschaft auf. Wir koennen von Glueck sagen, dass die Fluggesellschaft, mit der wir nach Chengdu in China haetten fliegen koennen (das war der guenstigste Flug), am fruehen Morgen noch geschlossen hatte, so dass es uns nicht gelang, Tickets zu kaufen. Denn nun ereignete sich folgendes: Das Tor zur Visaantragsstelle oeffnete sich erneut und wir draengten zusammen mit einer kleinen Gruppe ungeduldig wartender Menschen hinein.
Ein Russe, mit dem wir uns bereits vor dem Gebaede unterhalten hatten, kam als erster zurueck. Immer habe er Pech mit seiner Nationalitaet, berichtete er uns ungluecklich, er bekaeme kein Visum fuer China ausgestellt. Dann war er auch schon weg. Wir wunderten uns ein wenig, machten uns aber noch nicht all zu viele Gedanken – Russland eben. Dann aber kam Unruhe auf. Einem Belgier wurde sein Visum ebenfalls verweigert. Nun fragten wir am Schalter genauer nach:
Fuer Touristen, die nicht Nepalesen sein, gaebe es hier kein Visum fuer China mehr, erklaerte uns ein freundlicher Beamte geduldig: Diese Anweisung kaeme aus Peking und existiere wegen der Olympischen Spiele. Man wolle den Ueberblick ueber die Besucher im Land behalten. Wegen des zu erwartenden Touristenansturms, sei das aber nur moeglich, wenn sich die jeweilige chinesische Botschaft des Heimatlandes um die Ausstellung der Visa kuemmere.
Ihr koennt euch denken, wie bestuerzt wir waren. Kein Visum fuer China wuerde bedeuten, dass wir unser Ziel, die Olympischen Spiele, nicht erreichen koennten. Es wuerde uns nicht einmal gelingen ins Zielland zu reisen und dazu war Hannes mit seinem Dreimonatsvisum bereits dort. “Wie sollten wir ihn in ueberschaubarer Zeit wiedertreffen?”, fragten wir uns. “Und ueberhaupt … wohin denn nun?” Noch einmal richteten wir uns an den freundlichen Herren hinter dem Schalter: “Wir koennen nicht zurueck”, erklaerten wir ihm, “gibt es eine andere Moeglichkeit, ein Chinavisum zu bekommen? Bei unser Abfahrt haben wir uns darauf verlassen muessen, hier eines zu erhalten. Wir hatten keine andere Wahl.” Er aber hielt sich an unbestimmte Formulierungen: Es koennte vielleicht moeglich sein, dass sie in Hongkong noch Visa ausstellten. Doch mit Bestimmtheit koenne er das natuerlich nicht sagen, die Zeiten sind eben turbulent.
Hongkong also. Oder sollten wir die Paesse nach Deutschland schicken? Vielleicht sollten wir auch darauf hoffen, dass am Mittwoch andere Beamte hinterm Schalter sitzen wuerden, die mit der Anweisung aus Peking anders umgingen. Bis Mittwoch telefonierten wir also mit den chinesischen Botschaften in Deutschland und Hongkong, fanden in einem Forum Nachrichten ueber die Handhabung der Visapolitik in der ehemaligen britischen Kolonie und entschlossen uns nach langem Hin und Her: Wenn der Mittwoch bei der Botschaft nicht von mehr Erfolg gekroent sein wuerde, wuerden wir ein Flugticket nach Hong Kong kaufen. Dann hiess es hoffen, aber eigentlich waren wir zuversichtlich.
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| Ausruhen in den Strassen der Stadt. |
Der Mittwoch brachte keine ermutigenderen Ergebnisse und so stand es fest: Am Abend hatten wir zwei Tickets der Royal Nepali Airline in der Hand und freuten uns darueber, dass wir je Person 30 Kilogramm Gepaeck plus 10 Kilogramm Handgepaeck mitnehmen durften. Das sollte fuer unsere 12 Taschen und zwei Fahrraeder fast ausreichen. Dazu loeste sich das Problem mit dem sperrigen Fahrrad in Luft auf, als wir den Beamten fragten: “Nein, verpacken braucht ihr eigentlich nichts”, teilte er uns mit, “nein. Aber ist das nicht vielleicht etwas sicherer?” – “Und die Groesse ist kein Problem?”, hakten wir unglaeubig nach. “Nein”, erklaerte er uns. – “Nein”, so einfach war das und so gluecklich machte diese Antwort uns, denn es ist keine erbauliche Aussicht, ein Fahrrad Schraube fuer Schraube auseinanderzunehmen und alles in einem Karton zu verstauen, nur um es wenige Stunden spaeter Schraube fuer Schraube wieder zusammensetzen zu muessen. Das letzte Mal bei unserem Flug von den Emiraten nach Indien hat uns dieser Vorgang Stunden gekostet. Was uns nun noch blieb, war das Besorgen des Verpackungsmaterials fuer die Fahrraeder, denn ganz ohne Schutz wollten wir Yasmine und Kruemel nicht in den dunklen Bauch eines Flugzeuges verabschieden. Aber das stellte sich auch wieder als leichter gesagt als getan heraus, weil es in Nepal wie schon in Indien Menschen gibt, die davon leben, Altpapier aufzulesen und wiederzuverkaufen. So dauerte die Suche etwas laenger, doch schliesslich waren wir stolze Besitzer grosser Kartons und alles war bereit: Unsere Reise konnte weitergehen.
19. – 25.4. Unsere Tage und Naechte in Thamel
Waehrend unserer Zeit in Kathmandu hatten wir aber nicht nur mit den Visaformalitaeten zu tun, sondern genossen auch die seltsam unwirkliche Atmosphaere Thamels, des Touristenviertels Kathmandus. Hotels und Souvenierlaeden draengen sich in diesem Stadtteil auf engem Raum nebeneinander. Aus Baeckereien stroemt der verlockende Geruch frisch gebackenen Brotes. Auf den Speiseplaenen der unzaehligen Restaurants stehen Gerichte aus aller Welt und am Abend spielen Livebands in gemuetlichen Cocktailbars. Die Strassen sind eng, es gibt wenige Autos, die die Gassen aber staendig verstopfen. Fahrradrikschafahrer bieten einem unablaessig ihre Dienste an, Ladenbesitzer halten sich hingegen weitgehend zurueck. Deshalb gelingt es einem ab und zu auch, einen ungestoerten Blick auf die kleinen Statuen, die bunten Gebetsfahnen und weiten Kleider, die Wollmuetzen und Klangschalen zu werfen. Mit zunehmender Dunkelheit nimmt das Gewisper auf den Gassen zu. “Sch Sch?”, es ist eine Frage, ein leicht zu durchschauendes Codewort fuer das offiziell verbotene Gras. Die Polizisten schliessen Augen und Ohren, wenn das Geschaefft von Hand zu Hand geht, der Konsum von Marihuana scheint hier in Nepal weitgehend toleriert zu werden. In Thamel gibt es Leuchtreklame und Supermaerkte mit Klopapier und als Abhilfe gegen den taeglich geregelten Stromausfall findet man vor den Tueren nicht weniger Geschaefte und Internetlokalen ein stinkendes und laermendes Ungetuem von einem Notstromaggregator.
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| Kuehe im Strassenverkehr. |
Deshalb unterscheidet sich Thamel so sehr vom Leben im uebrigen Land, sogar vom Leben in den uebrigen Stadtteilen der Hauptstadt, wo die Restaurants kleiner und einfacher gehalten sind, bei Stromausfall Kerzen angezuendet werden und an der Theke eines winzigen Ladens der einheimische Reis verkauft wird. Dort doesen die Kuehe im Strassendreck, es ist eine einfachere als die extra fuer Touristen angelegte Glanzwelt von Thamel.
Wer auf Thamels Stassen spazieren geht, ist nicht selten weiss. Er stammt aus den USA, aus Westeuropa oder Russland und er hat mancherlei abenteuerliche Plaene in seinem Kopf. Wir haben Menschen getroffen, die sich hier auf ihren Trekk im Himalaya vorbereiteten oder von hier aus ihre Reise durch die Nationalparks Nepals begannen. Ebenso gab es viele, die Geld gespart hatten, um als Volunteer in nepalesischen Schulen und Behindertenstaetten arbeiten zu koennen. Meist bezahlen sie ihren gesamten Aufenthalt aus eigener Tasche: den Flug, die Unterkunft, ihr Essen und einen Obulos fuer die Organisation. Und dann gibt es Menschen, wie uns, die mit dem Fahrrad unterwegs sind. So sprach uns bereits waehrend unserer Hotelsuche das koreanische Paar Su und Kim Woung an, die seit drei Jahren mit dem Rad reisen. In einer Kneipe fanden wir einen Radel-Iraner und schliesslich begegnete uns Sebastian aus Frankreich, der nach einer 10taegigen Inhaftierung vor kurzem aus Tibet ausgewiesen wurde, weil er zu neugierig auf die verbotenen Gebiete dieses chinesischen Landesteils war.
Yuri kam aus Russland und berichtete uns von wilden Elefanten in Afrika, die nicht selten ohne jede Ruecksicht selbst ganze Autos zerstoerten, wenn ihnen der Geruch von reifen Bananen in die Nase stieg. Naechtliche Streifzuege hungriger Tieger, die dicht an seinem Zelt vorbeischlichen, bescherrten ihm schlaflose Naechte, wo er sich von langen Tagesetappen durch die verbrannte Erde des schwarzen Kontinents erholen wollte. Wir lauschten gebannt den Geschichten dieser Reiseradler, denen gegenueber wir uns noch gruen hinter den Ohren vorkamen. Mit ihnen und/oder Estelle und Christophe verbrachten wir die meisten unserer Abende, waehrend wir uns am Tag zu zweit bei Kaffee und Kuchen auf der Dachterrasse unseres Hotels ausruhten.
Dann aber nahte der Tag unseres Abflugs.
26.4. Good Bye Nepal!
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| Unsere Raeder. |
(S) Unser letzter Tag in Nepal begann frueh, noch vor dem Fruehstueck packten wir unsere Sachen. Natuerlich hatten wir den letzten Abend darauf keine Lust mehr gehabt und es in die fruehen Morgenstunden verschoben. Dann die riesigen Pappen auf unsere Raeder gebunden und wir stuerzten uns ein letztes Mal in den Strassenverkehr der nepalesischen Hauptstadt. Wegen Ueberbreite fiel das Rangieren im recht chaotischen Verkehrsfluss ein bisschen schwerer als sonst. Aber drei Stunden vor unserem Abflug betraten wir den Kathmandu International Airport. Die Sicherheitskraefte liessen unser Rad problemlos durch die Kontrollen: Obwohl es nicht in den Scanner passte, bekam es einen “Security Checked” Aufkleber verpasst.
Beim Ticketkauf hatte man uns versichert, dass man die Raeder diesmal ver- oder unverpackt transportieren wuerde,ganz nach unseren persoenlichen Vorlieben. Wir entschieden uns deshalb diese als Ganzes in ein Pappkleid zu stecken. Den Lenker fixierten wir einfach mit rauhen Mengen Klebeband und dann bekamen Laufraeder und der Rahmen einen Schutzmantel. Am Ende sahen Yasmine und Kruemel recht futuristisch aus, waren allerdings als Raeder erkennbar und man konnte sie rollen. Zusaetzlich waren die beiden dermassen sperrig, dass wir die Hoffnung hatten, der Weg ueber die langen Foerderbaender wuerde ihnen erspart bleiben. Abwarten!
Wieder wog unser Handgepaeck ueber zehn Kilogramm und unsere Jacken, die ebenfalls mit Buechern und Ersatzteilen bestueckt waren, baumelten schwer um unsere Hueften, als wir unser Gepaeck eincheckten. Diesmal durften wir naemlich “nur” 60 kg (was immerhin schon mehr als die ueblichen 40 waren) mit in den Flieger nehmen (das Handgepaeck durfte formal zusaetzlich 20 kg auf die Wage bringen, wurde aber nicht geprueft).
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| Riesige Berge. |
Mit der Verpackungsgroesse der Raeder hatte tatsaechlich niemand ein Problem und fuer uns erwies es sich als riesiger Vorteil, sie nicht in Kartons gequetscht zu haben. Beim Wiegen stand naemlich bei Judiths Fahrrad nur das vordere Laufrad auf der Waage … das sparte uns ca. 10 kg
. Insgesamt kamen wir auf acht Kilo Uebergewicht, welches wir auf fuenf runterdiskutieren konnten. Wir mussten dafuer 35 US-Dollar nachzahlen und hatten das Gefuehl glimpflich davon gekommen zu sein.
Den Flug verpassten wir fast: Meine (nun nicht mehr ganz so starke) Flugangst hielt mich davon ab, frueher als unbedingt notwendig Richtung Flugzeug aufzubrechen. Allerdings informieren die Anzeigetafeln nicht immer ueber den aktuellen Status des Fluges und so verpassten wir glatt die Aufforderung zum “Boading”. Zehn Minuten vor dem Start wurden wir dann aufgeregt gesucht und mit einem eigenen Bus zum Flugzeug chauffiert. Alles halb so schlimm, keine 30 Minuten spaeter erhob sich unser Flieger in den Himmel. Zum Abschied blickten wir ein letztes Mal auf die Sieben- und Achttausender, die sich an der Grenze zu Tibet auftuermten. Allerdings konnten wir nicht einmal von hier oben einen Blick in das fuer uns “verbotene” Land erhaschen – der Himmel war wolkenverhangen, nur die hoechsten Gipfel streckten ihre Spitzen durch die Wolken.
Als wir in Hong Kong aufsetzten, hatte eine satte Zeitverschiebung 3:15 Stunden “vertilgt”. Das Wiederorganisieren der Raeder war recht unproblematisch – tatsaechlich rollten zwei Flughafenangestellte unsere beiden Drahtesel zu uns. Sie mussten kein Laufband erdulden und irgendwie machten sie auch den Eindruck, als wenn sie nicht durch die Gegend geworfen wurden. Wir konnten zumindest keine Schaeden feststellen. Wir entfernten das Pappkostuem, was sofort von einer Putzfrau entsorgt wurde, und betraten Hong Konger Boden.
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| In der leuchtenden Stadt. |
Es war dunkel, also beschlossen wir die oeffentlichen Verkehrsmittel in Anspruch zu nehmen, um in die Innenstadt zu gelangen. Unsere Wahl fiel auf den Bus, weil dieser zum einen guenstiger war, zum anderen meinte man zu uns, wir muessten das Vorderrad ausbauen, wenn wir den Zug benutzen wollten (was ich in diesem Moment noch fuer einen Uebersetzungsfehler hielt – doch dazu spaeter). Aber auch die Busfahrer waren von der Idee, uns, unsere Raeder und dann auch noch unser Riesengepaeck zu transportieren, nicht sonderlich begeistert. Unser erster Versuch, den Bus zu betreten, endete mit einem simplen “NO”, einer ablehnenden Handgeste und sich schnell schliessenden Bustueren. Der zweite Busfahrer war dann weniger erfolgreich darin, uns loszuwerden:
Wir standen vorn in der Reihe – er musste die Tueren oeffnen, weil hinter uns noch andere Fahrgaeste auf Einlass warteten. Er warf uns ebenfalls ein zaghaftes “No” entgegen, als wir aber Unverstaendnis zeigten und zudem den Eingang blockierten, sah er ein, dass es am simpelsten ist, uns einfach durchzulassen
.
Nach einer Stunde Fahrt standen wir in Hong Kong City, genauer in Kowloon und machten uns auf Zimmersuche. Dies war allerdings ziemlich ernuechternd. Wir waren nicht bereit, fuer eine Nacht 30 EUR zu bezahlen und trotz unzaehliger Gasthaeuser im Chungking Mansions und benachbarten Gebaeuden fanden wir niemanden, der bereit war uns fuer weniger Geld ein Zimmer zu vermieten. In diesen Hochhauskomplexen mit knapp 20 Etagen gab es in jedem Stockwerk etliche Wohnungen, die sich nun “Hotel”, “Hostel” oder “Guest House” nannten.
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| Nachts im Park. |
Immer stand man vor dem Problem, den “Manager” aufzutreiben und dann musste man den Preis verhandeln. Das die Uhr nun schon Mitternacht zeigte, staerkte unsere Verhandlungsposition nicht gerade. Irgendwann gaben wir entnervt auf und beschlossen uns einen ruhigen Park zu suchen und dort zu naechtigen.
Unsere Wahl fiel auf den “King George Memorial Park”, er war zwar weder gross, noch ruhig – aber schien die beste Alternative, die uns zur Verfuegung stand. Eigentlich waere es auch recht bequem gewesen, wenn wir nicht bei der ganzen Hektik des Entladens unsere Isomatten im Bus haetten liegen lassen. Bloedes Timing
. So kuschelten wir uns auf die Betonbaenke, versuchten die Muecken zu ignorieren und schliefen unsere erste Nacht in Hong Kong, also auf fast chinesischem Boden.
Am Morgen starteten wir einen neuen Versuch eine guenstige Unterkunft zu finden: Nach diversen Versuchen in verschiedenen Hochhaeusern und Jugendherbergen landeten wir am Ende dann doch in den Mirador Mansions. Im gleichen Haus, wo wir gestern schon mitten in der Nacht gesucht hatten: Ein Zimmer in der 13. Etage gehoehrte nun fuer 2 Tage uns. Wir schliefen uns ersteinmal aus. Danach schlenderten wir durch die Stadt, besser durch unseren Stadtteil. Gestern Abend wurden wir von Leuchtreklamen begruesst, die ihr grelles Licht von den hohen Hochhaesern auf uns warfen.
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| Mirador Mansions. |
Jetzt am Tage wirkte alles ein wenig grauer. Zu meiner Ueberraschung gab es aber auch viel Gruen zwischen den einzelnen Strassenzuegen, die erholsame Nischen zwischen die Wolkenkratzer schlugen. Es gab Baeume, kleine Rasenflaechen und Fusgaengerzonen, die fast ein Gefuehl von zu Hause aufkommen liessen. Den ersten Teil der Nacht sassen wir am Pier und bewunderten die Skyline von Hong-Kong-Island, die erst farbenfroh leuchtete und spaet in der Nacht und in der sich absenkenden Wolkendecke verschwand. Ein leichter Nieselregen beherrschte das Wetter waehrend unseres Aufenthaltes in der Stadt. Nichts Schlimmes, es war schliesslich auch nicht kalt. Den zweiten Abend in Hong Kong trafen wir uns mit Marcel, einem Deutschen der hier eine Ausbildung zum Gross- und Aussenhandelskaufmann macht. Er erklaerte uns die vielen hoeheren Gebaeude von Hong Kong Island und ueber den Daechern der Stadt genossen wir ein Bier in der lauen Abendluft.
Am Montag gingen wir frueh morgens zu einer Reiseagentur und beantragten das begehrte Chinavisum. Natuerlich waren wir damit nicht die einzigen: Es fanden sich eine ganze Menge Leute ein, die das gleiche Problem hergetrieben hatte. Das Ausfuellen des Formulars war recht simpel: Nur Name, Geburtsdatum, Anschrift und Arbeitsstelle (wobei Judith lustigerweise “Hausfrau” sein durfte; ich allerdings eine Adresse meines Arbeitgebers angeben musste
) fuellten wir aus. Reiseziel und -zeit setzte die Agentur passend zu den Flugtickets und Hotelbuchungen (die nach der Visaerteilung gleich wieder storniert wurden – wir erfuhren nie, wohin wir eigentlich fahren sollten) ein. Dann dauerte alles einen Tag und gut 24 Stunden spaeter hielten wir unsere Chinavisa in den Haenden.
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| Hier geht man zu Fuss. |
Wir haetten uns zwar eine laengere Aufenthaltsdauer gewuenscht, aber im Grunde sind wir froh, dass es ueberhaupt geklappt hat: Wir duerfen nun zwei mal fuer dreissig Tage in China bleiben. Genauer heisst das, dass wir nach 30 Tagen das Land wieder verlassen und neu einreisen muessen. Jedoch sind wir ganz optimistisch, dass eine Verlaengerung im Land (zumindest bis zum 01. Juli) noch moeglich ist. Falls nicht, muessen wir eben der Riesenmetropole Hong Kong in einem Monat einen zweiten Besuch abstatten. Aber darueber denken wir genauer nach, wenn es soweit ist.
Unser frischen Visa in der Tasche bestiegen wir umgehend unsere Raeder und brachen nach China auf. Wir wollten bis Guanzhou radeln um wenigstens ein paar Kilometer in und in der Naehe von Hong Kong gefahren zu sein und um einen ersten Eindruck dieser Gegend mit nach Hause zu nehmen. Als wir auf den grossen Strassen den Stadtteil Kowloon so langsam hinter uns liessen, bogen wir bald in die “Twisk Route” ab. Zu meiner Ueberraschung waren wir nun auf einer kleinen, kaum befahrenen Strasse und durchquerten Waelder(!). Wir waren wieder zurueck in der Natur und trotzdem immer noch in der Millionenmetropole Hong Kong. Was fuer eine Freude. Es ging bergauf, doch bald schon bogen wir auf einen kleinen Seitenpfad ab und suchten uns ein Nachtlager ueber den Daechern dieser Riesenstadt. Wir spannten lediglich das Moskitonetz ueber unsere Raeder. Falls das den Wettergott zu sehr provozieren sollte, gab es neben uns noch einen kleinen Pavillion unter den wir im Notfall vor einen Regen fluechten konnten. Bis spaet in die Nacht sassen wir mit einer Tasse (leider kaltem) Kaffee in der Hand und genossen den Blick auf die beleuchtete Stadt. Bis hier oben hoehrte man das Rumoren des Verkehrs, der Klimaanlagen, kurz den ganzen Stadtlaerm.
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| Hong Kong bei Nacht. |
Wir jedoch waren nun ausserhalb und nur stille Beobachter. Morgen sollte es nach China gehen, dem eigentlichen Zielland unser Reise. Wir schauten auf die letzten zehn Monate zurueck, dachten an die Reisezeiten, in denen wir zu dritt mit Hannes oder sogar manchmal zu fuenft mit Fabian und Simon auf dem Rad sassen. In ein paar Tagen wuerde unser Zweier-Paarchen-Urlaub enden und wiedereinmal ein neuer Abschnitt der Reise beginnen.
Fuer uns beide wuerde nun gefueht die Rueckfahrt beginnen und wir freuten uns darueber, diese gemeinsam mit Hannes antreten zu koennen. Erst spaet legten wir uns zur Nachtruhe auf unsere neuen Isomatten, die wir am Morgen noch schnell in Hong Kong gekauft hatten.
Als wir mittags am folgenden Tage nur noch zehn Kilometer vor der Grenze standen, trafen wir das erste (und hoffentlich auch letzte Mal) auf eine “Restricted Area” (“gesperrtes Gebiet”). Man brauchte eine Erlaubnis um den Weg auf der Strasse fortsetzen zu koennen. Als ich dem Polizisten erklaerte, dass ich im Besitz eines gueltigen Chinavisums sei und ich finde, dass mich dies berechtigte, die Grenze zu ueberschreiten, erntete ich leichten Spott. Natuerlich braucht man noch eine Spezialerlaubnis um die Grenze hier passieren zu duerfen. Natuerlich, wie dumm von mir. Egal, wir fuegten uns, fuhren zur letzten Metrostation zurueck um dann mit dem Zug nach China zu reisen.
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| Wieder im Gruenen: Ueber der Stadt. |
An der Metrostation waren auch alle feundlich und, als ich hilflos vor der Gebuehrenordnung stand, nahm mich ein Polizist an die Hand und zeigte mir den Eingang fuer das Sperrgepaeck, die Aufzuege und verwies uns an die Damen, welche das Sperrgepaeckticket ausstellen. “Alles kein Problem, nur noch schnell das Vorderrad ausbauen und wir koennten in den Zug einsteigen”, erklaerte man uns. “Das Vorderrad ausbauen?”, ich fragte voellig verdutzt nach.
“Ja”, das ware die Vorschrift, da war man sich sicher. Nachdem wir dies nun zum zweiten Mal hoehrten, glaubte ich nicht mehr an einen Uebersetzungsfehler, aber den Grund fuer diese Regelung verstand ich nicht. Auch nach intensivem Nachdenken kam ich auf keine sinnvolle Begruendung … Wie auch immer, wir waren nicht gewillt diese Regel zu befolgen und unsere Raeder irgendwie halb tragend, halb rollend in den Zug zu transportieren. Also taten wir, was bis jetzt fast immer geholfen hatte: Wir standen freundlich dreinblickend in der Gegend rum und warteten. Schon bald fasste sich jemand mit etwas mehr Streifen auf der Schulter ein Herz, wies uns an zu folgen, setzte uns am Gleis ab und wuenschte uns eine gute Reise. Wir blickten uns schulterzuckend an und betraten den Zug Richtung China. Fuenf Minuten spaeter in Lo Wu angekommen, stolperte man direkt zu den Grenzkontrollen. Unterwegs gaben wir noch unsere letzten Hong Kong Dollar im “Duty Free Shop” aus und schon standen wir im naechsten Land.
30.4. – 2.5. Vierzehn Spuren nach KunMing
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| Auf riesigen Strassen nach GuangZhou und trotzdem nicht allein. |
Auf den ersten Blick sah Shenzen (der chinesische Grenzort) auch nicht anders aus, als Hong Kong. Grosse Strassen ueber die maessig starker Verkehr walzte und riesige Hochhaeuser am Strassenrand. Wir wollten die Satdt heute noch schnell hinter uns lassen um dann ein ruhiges Plaetzchen fuer unsere erste Nachtruhe zu finden. Das war nun allerdings gar nicht so einfach, wie wir uns das vorstellten. Die Stadt wollte nicht enden: Wir fuhren mal auf 14-spurigen, dann mal wieder auf kleineren nur 8-spurigen Strassen. Staendig zogen sich Haeuser am Strassenrand enmtlang und die Bebauung machte keine Anstalten zu enden. Das einzige Gruen war der Mittelstreifen, auf dem sich die Bevoelkerung manchmal zum Picknick niederliess. Als sich die Sonne langsam in Richtung Horizont bewegte, gaben wir unsere Hoffnungen auf und checkten in ein kleines Hotel ein. Auch die naechsten hundert Kilometer fuhren wir durch ein einziges, riesiges, bebautes Gebiet weiter. Zwischen den Stadtzentren, wo die Haueser etwas hoeher waren, fand man auch die Uebergangszonen, wo “nur” fuenf- bis zehngeschossige Bauwerke in den Himmel ragten. Hier zu radeln war echt nicht schoen.
Wir waren froh, als wir nach zwei Tagen Radfahrt Guanzhou erreichten. Wir freuten uns in den Zug steigen zu duerfen und dann bald ab Kunming mit Hannes durch weniger bevoelkerte Gebiete fahren zu koennen.
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| Im Zug. |
Spaet abends am 01.05. erreichten wir den Bahnhof, wo wir Tickets fuer den naechsten Tag erwarben. Unser Zug wuerde um 14:00 Uhr abfahren, unsere Raeder koennten wir als Gepaeck aufgeben, alles gar kein Problem. Die guenstigen “Hardsleeper” waren fuer diesen Zug leider schon ausgebucht und so kauften wir uns in die “Luxusklasse” ein. Wir brachten die 26 Stunden Zugfahrt im gemuetlichen vierer Abteil zu, die meiste Zeit schliefen wir. Zwischendurch schrieben wir Tagebuch, lasen oder genossen den Blick aus dem Fenster, der nun anstatt Hochhaeusern, gruene Waelder und Reisfelder zeigte. Ueberpuenktlich trudelten wir in Kunming ein. Hannes hatten wir vorher leider nicht mehr erreicht und waren froh zu erfahren, dass er bereits gestern angekommen war und fuer uns drei auch schon eine Unterkunft ueber “hospitalityclub.org” besorgt hatte. Er freute sich also genauso wie wir, als er von uns am Telefon hoerte, und 30 Minuten spaeter stand er vor uns.
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