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| Tausend Haende in Dazu. |
(S) In den letzten zwei Wochen stoppten wir dreimal: Erst ging es zum uebergrossen Buddha nach Leshan, dann weiter Richtung Osten zu den Felsskulpturen von Dazu und schließlich in die alte chinesische Stadt Langzhong. Wir trafen überraschend wenig Touristen, genauer wirkten selbst die Touristenorte verschlafen und ausgestorben. So hatten wir in den diversen Sehenswürdigkeiten mehr Platz und es blieb Raum für Entdeckertum.
24. – 27.05.: Leshan
(S) Voller Hoffnung erreichten wir, nach gut 100 km Fahrt am 24.05. Leshan. Judiths und mein Visum wuerden in vier Tagen ihre Gueltigkeit verlieren – hier, so hatten wir gehoehrt, sollte eine Verlaengerung recht unproblematisch sein. Ausserdem wollten wir noch einen Blick auf den riesigen Buddha werfen, von dem behauptet wird, er sei der groesste ueberhaupt. Na, wenn das nichts ist
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| Stadtrand einer namenlosen Stadt. |
Bei der Einfahrt praesentierte sich Leshan, wie alle Grossstaedte hier im Sueden: Ein paar Kilometer vor der Stadt erweitert sich die Strasse. Auf sechs Spuren fahren kaum Autos, daneben gibt es noch auf jeder Seite eine kleine Nebenstrasse, wo sich Fahrraeder, Mopeds und Rikshas entlangschieben koennen. Ist man allerdings noch einige Kilometer vom Zentrum entfernt, so wirkt hier in den Vorstaedten die Atmosphaere haeufig geisterhaft. Ueberall wird gebaut, Hochhaueser aller Groessenklassen wachsen in die Hoehe. Leere Einkaufszentren warten auf Ladenbesitzer und Kunden, sind aber noch im Dornroeschenschlaf versunken. Man erahnt, dass in wenigen Monaten oder Jahren hier Leben toben wird. Man kann sich hupende Busse, kreischende Kinder und plauschende Passanten vorstellen – aber zur Zeit ist hier alles noch ausgestorben. Alles wartet, das bedrueckt ein wenig. Wir fahren ueber menschenleere Kreuzungen, fuer deren Ueberquerung wir fast eine Minute brauchen. Hilflos und unbeachtet zeigen Ampeln im immer wieder kehrenden Rhythmus ihre Farben.
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| Schulkinder in Leshan. |
Passend zur Atmosphaere versank der Horizont in einem diesigen Grau. Der Nebel packte alles in einen weisslichen Schleier, die Luft war schwuel, uns lief der Schweiss. Wir waren waren froh als wir uns dem Zentrum naeherten: Schnell ein Hotelzimmer gesucht und ab unter die Dusche … so der Plan. Die Umsetzung war mal wieder etwas komplizierter. Schliesslich waren wir in einer Stadt, die eine
„National Cultural Relic Protection Zone, World Cultural and Heritage Site, National Scenic Spot, National Class 4A Tourist destination“
(„geschuetzte Nationale Kulturstaette, Weltkulturerbe (der UNESCO), nationale Naturschoenheit, nationale Klasse AAAA Touristenattraktion“)
beherbergt. Hotels taten sich entweder schwer damit, uns als „Laowei“ (je nach Woerterbuch „Weissling“ oder „auslaendischer Teufel“) ein Zimmer zu vermieten oder wollten unverschaemt viel Geld dafuer. Allerdings gaben sich die Chinesen auf der Strasse alle Muehe uns weiterzuhelfen. Mal wurde ein Rikshafahrer beauftragt und bezahlt uns zu einem guenstigeren Hotel zu fuehren oder das Wachpersonal fragte ueber „Walkie-Talkie“ die Preise der Hotels in Funkreichweite bei seinen Kollegen ab … Schliesslich landeten wir in einem kleinen Kellerloch.
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| Leshan im Nebel. |
Es gab zwar ein Fenster, doch dieses zeigte nur auf den stickigen Kellergang. Immerhin gab es einen Ventilator an der Decke, welcher die Luft in Bewegung versetzen konnte und uns so ein wenig abkuehlte – zusammen mit dreimal Duschen pro Tag war das schon ertraeglich.
Wir sind mittlerweile nun schon seit ueber zehn Monaten unterwegs, da spielen Zeit und vor allem Wochentage fuer uns nicht mehr eine so grosse Rolle. Dummerweise fuer den Rest der Gesellschaft schon. Wir stellten fest: Es ist Wochenende. Nunja, muss die Visaverlaengerung wohl noch ein wenig warten.
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| Der Riesen Buddha. |
Also nahmen wir erstmal Projekt Nummer Zwei in Angriff: „The giant Buddha“. Wegen des Erdbebens war der Weg am Fusse des grossen Kolosses gesperrt. Um einen Blick auf ihn als Ganzes werfen zu koennen, haette man also ein Boot besteigen und sich langsam entlang des Flusses schippern lassen muessen. Aber auch hier: Fehlanzeige. Es waren zu wenige Touristen unterwegs um die Boote zu fuellen, diese legten noch nicht einmal ab. Wir vermuten, dass das Erdbeben viele potentielle Besucher verschreckt hat und es deswegen in der „Klasse AAAA-Touristenattraktion“ kaum Besucher gab. Als wir das Gelaende betraten, waren wir also fast unter uns. Macht ja nix …
Der weltgroesste Buddha wurde vor ueber 1200 Jahren aus dem Stein gehauen. Gestartet hat die Arbeit der Moench Haitong um durch die monstroese Statue goettlichen Beistand zur Beruhigung des gefaehrlichen Flusses Dadu zu erflehen. Er selbst hat das fertige Werk (jedenfalls in seinem Dasein als Haitong) nie gesehen. Nach seinem Tod wurde der Bau von seinen Schuelern fortgesetzt.
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| Unterwegs in der „Giant Buddha Scenic Area“. |
Und tatsaechlich, nach neunzig Jahren Arbeit schaute ein Riesenbuddha auf einen ruhigen Flusslauf. Ob man der Theorie anhaengt, dass der Gott die Fluten in ruhigere Bahnen lenkt oder dass es einfach am Bauschutt, der den Flusslauf veraendert hat, liegt, sei jedem selbst ueberlasen … Wir verbrachten in der Umgebung, wo es neben der Statue auch diverse Tempel und alte Wohnhoehlen, Graeber, kleine Pagoden und restaurierte Wohnhaeuser gibt, einen gemuetlichen Tag. Wir hatten mit wilden Touristenmassen gerechnet, fanden aber sehr viel Ruhe, als wir dem Buddha ueber die Schulter schauten. Das ging sogar soweit, dass abseits der Hauptattraktion selbst die Laden- und Restaurantbesitzer aufgegeben hatten. Als wir durch das „Fishing Village Catering Area“ (die „Essmeile im alten Fischerdorf“) kamen, wurde nur noch Mahjongg oder Karten gespielt. Als wir vorbei tapsten, blickte man kurz auf fragte halbherzig: „Lunch?!“ … spielte dann aber sofort wieder weiter. Andere schliefen bereits in den Gaststaetten – keiner glaubte, irgendwas verkaufen zu koennen.
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| Pause! |
Vielleicht freuten sich wenigstens die Schildkroeten und Fische, die am Wegesrand auf ihre Zubereitung in mit Wasser gefuellten Plastikschuesseln warteten, ueber ihre unerwartete Lebensverlaengerung.
Wir schlenderten, erkundeten auch die abgelegenen Winkel, picknickten und genossen die Ruhe. Am Ende erklommen wir noch den auf einem Huegel gelegenen Wuyou Tempel. Dort gibt es neben drei aus vergoldeten Holz geschnitzten Buddhastatuen, hunderte von „Arhats“. Diese „Vollendeten“, haben es geschafft alle Fesseln des Daseins, wie „Persoenlichkeitsglaube, Zweifel, das Haengen an Regeln und Riten, Begehren der Sinne, Uebelwollen, Begehren nach feinkoerperlicher Existenz, Begehren nach unkoerperlicher Existenz, Duenkel, Aufgeregtheit und Unwissenheit … “ abzustreifen (wikipedia). Irgendwann gewann wieder die drueckende Hitze und wir kehrten zu einer kalten Dusche in unser Kellerloch zurueck und liessen uns vom Ventilator trocken …
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| Ein paar Arhats. |
Doch zurueck zu Projekt Nummer eins: Neues Visum fuer Judith und mich. Sowas wird hier vom Public Security Bureau (PSB) erledigt … wir hatten dank unseres Reisefuehrers eine grobe Ahnung, wo sich dieses befindet. Aeehhh, befand – irgendwann fanden wir heraus, dass unsere Suche so erfolglos war, weil die Behoerde umgezogen ist. Macht nix, wir wurden bei der naechstgelgenen Polizeistation in ein Polizeiauto (uebrigens ein VW) gesetzt und direkt zum PSB gefahren. Nett, oder?
Dort waren auch alle freundlich, wir fuellten die Formulare aus, gaben sie laechelnd ab und -piep-. Was nun ?! „We didn’t find your registration in the computer.“ („Wir finden Ihre Hotelregistrierung nicht im Computer.“). „Wasn hier los?“, dachten wir. „Where do you sleep?“ („Wo schlafen Sie?“). Da daemmerte es uns: Wir muessen uns eigentlich jede Nacht bei der Polizei registrieren. Normalerweise uebernimmt das das Hotel, zumindest sollten die dies tun. Meistens (in den Billigen sowieso) laesst man die Registrierung unter den Tisch fallen. Natuerlich auch in unserem Kellerloch.
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| Pagodendach am Wuyou – Tempel. |
„We can’t accept your application without registration.“ („Wir koennen ihren Antrag ohne eine Registrierung nicht annehmen.“) Suuuuper! Wieder was gelernt!
Also trotteten wir zu unserem Kellerloch und versuchten dem Typen klar zu machen, dass wir irgendwie in den Computer muessen. In meinen Augen, nicht zuletzt wegen der Sprachbarriere, die hier eine handfeste Betonmauer war, ein aussichtsloses Unternehmen. Judith hatte etwas mehr Vertrauen und Geduld als ich. Immer wieder erklaerte sie unser Problem, immer wieder. „Aussichtslos!“, meine Einschaetzung. Erstmal passierte lange nix, wir warteten und dachten ueber Alternativen nach. Ploetzlich schien man im benachbarten Kellerloch einen Rechner aufgetrieben zu haben. Ich war verdutzt, dass dort auch noch die noetige Software installiert war – Respekt! Leider zog es sich immer noch in die Laenge, weil der einzige, welcher in der Lage war, den Rechner zu bedienen (und den Eingabemodus auf von englisch auf chinesisch umstellen konnte) gerade Suppe essen war. Am Ende klappte aber fast alles, fast, weil die Internetleitung nicht funzte. Die Typen versprachen aber, das zu beheben und die Daten ins System zu uebertragen.
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| Skat und Tee am Flussufer. |
Ich gratulierte Judith zu ihrer Ruhe und Ausdauer und wir steuerten erneut das PSB an. Mittagspause, „Return one o’clock“ („Kommt um 13:00 wieder“), sagte man uns. Na gut, dann gabs fuer uns auch erstmal Suppe und Eis. Um 13:00 schaute man zwar immer noch grummelig, als wir erklaerten, dass wir zwar noch nicht, aber bald im Computer auftauchen wuerden. Man telefonierte mit unserem Kellerloch und um 16:00 hielten wir zwei Paesse mit verlaengerten Visa, die uns nun erlauben bis Ende Juni in der Volksrepublik zu weilen, in der Hand.
Also alles halb so schlimm, ab zum Flussufer: „Dreimal gruenen Tee, bitte!“, bestellten wir an der Promenade. Dazu gabs eine grosse Thermoskanne, man konnte sein Glas immer wieder aufgiessen. Karten auf den Tisch und wir beendeten den Tag, wie unzaehlige Chinesen auch: Spielen!
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| Alles ist gruen. |
28. – 31.05.: Von Leshan bis Dazu
(J) Der Wecker klingelte mit ruecksichtsloser Hartnaeckigkeit. Als ich meine Augen oeffnete, war es in unserem fensterlosen Hotelzimmerchen noch finstere Nacht. Ich fragte mich verschlafen, wie lange ich nun noch ungestraft weiterdoesen koennte, denn der gestrige Abend war spaet geworden und ich hatte in der schwuelen Hitze schlecht geschlafen. Aber selbst Hannes, der es liebt, Tag fuer Tag frueh aufzustehen, legte sich heute noch einmal hin. So begann der Tag schleppend und bis wir unsere Raeder bepackt hatten und aus der Stadt fuhren, verging Zeit. Doch nachts hatte es geregnet und es wurde ein angenehmes, weniger feuchtheisses Fahrwetter. Nach ein, zwei Stunden hielten wir fuer eine Nudelsuppe am Strassenrand. Niedrige Tische standen vor der Kueche. Bevor wir uns auf die Kinderstuehlchen setzten, gaben wir aber unsere Bestellung auf. Das laeuft meist mehr oder weniger problemlos ab, heute jedoch gab es Schwierigkeiten, denn jeder wollte etwas anderes. Wir zeigten auf das Chilli, die Nudeln und Teigtaschen, warfen chinesische Wortbrocken in den Raum, nickten und verneinten andere Nachfragen und alles durcheinander. Die Koechin versuchte verwirrt zu entschluesseln, was ihr die zahlreichen Finger mitteilen wollten und schliesslich bekam Sven ein wirklich scharfes Essen serviert.
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| Hier werden Bambus- matten gefertigt. |
Er, dessen dringendes Anliegen es gewesen war, das Chilli abzubestellen. Nun sammelten sich die Schweissperlen auf seiner Stirn, waehrend ich versuchte, meine sehr faden, glibbrigen Nudeln schmackhaft nachzuwuerzen. So laeuft es auch manchmal…
Am spaeten Nachmittag hielten wir muede am Stadtrand von Rong Xian. Zweifelnd begutachteten wir das erste Hotel am Strassenrand, das wir finden konnten. „Viel zu teuer“, schoss es mir durch den Kopf und dennoch begannen wir zu verhandeln. Wir hatten gelernt, dass in China nicht alles teuer ist, was teuer aussieht. Fuer fuenf Euro hatten wir bereits Verhandlungen gefuehrt, die sich um ein winziges Zimmer ohne eigenes Bad drehten, genauso wie um einen Raum mit breiten, weissbezogenen Betten, eigener Klimaanlage und Badewanne.
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| In der Hoehle der Erkenntnis. |
Dennoch war es eine Ueberraschung, als der Preis auch hier schliesslich mit unserem Budget zu vereinbaren war. Ganz konnten wir dem Frieden bis zum Schluss nicht trauen, doch wir luden unsere Fahrraeder ab und bezogen nun eine der seltsamsten Unterkuenfte unserer Reise. Vielleicht haette uns alles nicht so sehr gewundert, wenn man mehr als 50 Yuan (etwa fuenf Euro) fuer die Nacht verlangt haette. Nun aber laechelten uns zahlreiche Koeche unter ihren hohen, weissen Kochmuetzen zu. Zwei Empfangsdamen am Eingang in teuren, chinesischen Kleidern begruessten uns und zwei Angestellte beeilten sich unsere vielen schweren Taschen ins Zimmer zu tragen. Bis zur dritten Etage, in der unser Zimmer lag, oeffneten sich immer wieder Tueren und verschiedene Angestellte gingen an uns vorueber und nickten uns freundlich zu. Die vielen Menschen, die hier arbeiteten, wurden uns beinahe unheimlich, denn ausser ihnen schien das grosse Gebaeude leer. Kein weiterer Gast liess sich blicken. Man brachte uns heisses Teewasser und frische Handtuecher, fragte ob alles in Ordnung sei und zog sich wieder zurueck. Bevor wir zum Essen ausgingen – denn hier zu essen, war bestimmt zu teuer – liessen wir uns fuer einige Momente auf der ledernen Sofagarnitur vor unserem Zimmer nieder und man brachte uns sofort drei kleine Flaschen Wasser.
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| Die Felsenskulpturen von Dazu. |
Als wir abends auf der Dachterrasse Karten spielten, entschuldigte sich eine Angestellte, dass sie nicht augenblicklich eine Thermosflasche mit heissem Teewasser bereitstellen konnte.
Am naechsten Morgen ging es auf schlechter Strasse aus der Stadt. 15 Kilometer lang blieb uns manchmal nichts anderes uebrig als abzusteigen und zu schieben. Ueber die Betonplatten, die folgten, waren wir richtig erleichtert, doch es blieb ein anstrengender Tag, der im anhaltenden Nieselregen endete. Dagegen fuhr sich der folgende Tag leichter und schon gegen 17:00 Uhr erreichten wir Dazu: Eine kleinere Stadt umschlossen von gruenen Berghaengen.
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| Noch eine Skulptur |
Hier wollten wir auch den naechsten Tag verbringen, denn in 15 Kilometern Entfernung liegen die zwischen 1179 und 1249 entstandenen religioesen Felsskulpturen von Dazu, die 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurden. Es wurde ein heisser Tag, doch die Atmosphaere in der gruenen Schlucht war kuehl und ein wenig verwunschen. Hunderte bunt bemalter Steinskulpturen wurden einst im Halbkreis in diese Schlucht gemeisselt. Steinwege fuehrten an den Figuren vorbei, die seit Jahrhunderten hier ihre stummen Zusammenkunft abhalten. In goldenen, leuchtend tuerkisen, blauen und roten Farben erzaehlen sie lebensgross – oft auch viel groesser – aus alten buddhistischen, konfuzianischen und daoistischen Geschichten. Die Vielfalt der Figuren, die Intensitaet ihrer Emotionen und Ausdruckskraft war beeindruckend. Sehr zufrieden verliessen wir dieses Gelaende.
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| „Chinesische Mob-Kultur“. |
01. – 05.06.: Langzhong
(H) Nun, am 1. Juni, ging es von Dazu aus wieder Richtung Norden. Sanft fuehrte die Strasse bergab und es rollte sich leicht und locker. So hatten wir schon ordentlich Kilometer geschrubbt, als wir uns zur Mittagspause in einem Restaurant nieder liessen. Wir so oft versuchten wir Nudelsuppe fuer Judith und mich und Bratreis mit Ei fuer Sven zu bestellen. Diesmal ging die Sache leider etwas in die Hose und wir bekamen Nudelsuppe und versalzten Eierreis zu gesalzenen Preisen fuer jeden von uns. Es schmeckte nicht und erschien uns zudem zu teuer, doch da wir vorher nicht exakt genug nach dem Preis gefragt hatten, blieb uns irgendwann nichts anderes uebrig als zu zahlen, was v.a. Sven auf die Laune schlug. Gluecklicherweise liess sich das mit einer spaeteren gemeinsamen Eispause wieder reparieren. Auch wurde es heute ein scheinbar endloser Tag, denn wir fanden lange Zeit kein Guesthouse zum Unterkommen und die Landschaft war wie immer zu besiedelt, um zelten zu koennen.
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| Chinese am Strassenrand. |
Um so schoener wurde uns der Abend, als wir nach 137km (incl. 12km Verfahren) in der Daemmerung in Wanzhan ankamen und sofort eine nette Bleibe fanden, deren Besitzer uns auch zu Abendessen und Fruehstueck einlud. Bei unser Ankunft produzierten wir, wie so haeufig in letzter Zeit, einen riesigen Menschenauflauf, von uns immer scherzhaft „Der Mob“ genannt. Diesmal machte er auch nicht vor den Hoteltueren halt. So sassen wir zu dritt am Tisch und verspeisten unser koestliches Abendmahl und ca. 30 – 40 Menschen umstanden uns enggedraengt und liessen ihre Fotohandys heisslaufen. Mittlerweile haben wir uns so an die Anwesenheit einer Menschentraube gewoehnt, dass sie oft gar nicht mehr stoerend wirkt. Zusaetzlich am Tisch sassen ein Englischlehrer, der uns ein wenig nach dem Woher und Wohin fragte, und Mr. Yang, der Herbergsvater, mit dem wir des oefteren mit dem spendierten Bier anstiessen. Normalerweise wird hier das Bier aus superkleinen Glaesern (ca. 100ml) getrunken, was wir boykottierten und zur Flasche griffen. Mr. Yang wollte uns nachtun und wie gewohnt auf Ex austrinken, was aber in diesem Fall mit einer bekleckerten Brust und dem Gelaechter des Mobs endete.
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| Es wird heiss: Loesung Strohhut. |
Die folgenden beiden Tage war es heiss, heiss und huegelig. Wir strampelten weiter nach Norden und freuten uns immer auf die Dusche am Abend. Unser Zelt wird wohl noch fuer eine ganze Weile kein Tageslicht mehr sehen, denn jeder Quadratmeter ist hier genutztes Ackerland. Zusaetzlich zum Reis wird nun auch verstaerkt Zuckerrohr angebaut.
Unser Ziel hiess Langzhong, eine Stadt, die fuer ihre historische Altstadt geruehmt wird. Um so groesser war unsere Ueberraschung, als wir am Nachmittag des 3. Junis uns von den Verkehrsschildern in diese lotsen liessen und nur eine auf alt gemachte Partymeile vorfanden. Irritiert wetterten wir auf unseren Reisefuehrer und kurvten durch das winzige Arreal. Diesmal aber hatten wir allen Reiseautoren und chinesischen Stadtplanern Unrecht getan. Tatsaechlich befand sich die gesuchte Altstadt auf der anderen Seite einer grossen Bruecke, so dass wir sie zuerst nicht gesehen hatten. Versoehnt begannen wir mit der Hotelsuche. Diese stellte sich als eine der schwierigsten der bisherigen Reise heraus. Manchmal ohne, manchmal mit Unterstuetzung englischsprechender Einheimischer waren wir schon dreimal mit dem Hotel handelseinig geworden und jedesmal scheiterte es noch in dem Moment, als wir begannen die Anmeldung auszufuellen.
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| Klassische Architektur. |
So unvorstellbar es fuer uns klingen mag, scheint es doch so zu sein, dass die meisten Leute annehmen, wir haetten eine chinesische Identitaet (Name, Adresse, Passnr.). Erst mit der Hilfe einer Englischlehrerin (mittlerweile der dritte Helfer an diesem Abend) gelang es uns, einzuchecken. Eine weitere fuer uns extrem nervige Sache ist dabei das chinesische Beduerfnis, das Gesicht zu waren. So wird dann nicht einfach gesagt, dass keine Nichtchinesen erwuenscht sind, sondern erst einmal in eine lange Diskussion auf Chinesisch verfallen, wie man uns denn am besten loswerden koenne. Dann werden mit einem mal die Preise erhoeht oder es ist ungebuehrlich zu dritt ein einem Dreibettzimmer zu schlafen, wir werden gestenreich zu einem anderen Hotel gelotst oder es wird panisch vor moeglich Nachbeben gewarnt (als wenn das im Nachbarhotel anders waere).
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| In den Strassen der Altstadt. |
Tatsaechlich sehen wir hier noch viele Unterkuenfte auf den Strassen, die groesstenteils aus Planen zurechtgezimmert sind. Wir sind nicht ganz sicher, ob dort Erdbebenfluechtlnge naechtigen oder Anwohner, die aus Angst vor Nachbeben draussen schlafen. WIr vermuten eine Mischung aus beiden. Wie stark die Gefahr von Nachbeben nun wirklich ist, laesst sich natuerlich schwer einschaetzen, aber hier ist quasi nichts zerstort worden und das letzte staerkere Beben ist ja nun auch schon eine Weile her. Wir fuehlen uns jedenfalls sicher.
Gestern, am 4. Juni, erkundeten wir nun die vielgeruehmte Altstadt. Wirklich sehenswert. Historische chinesische Architektur und doch voller normalem Leben. Die Gassen sind mit Felsplatten gepflatert, die Haeuser aus Holz und weiss verputztem Lehm und es gibt viele, viele historisch bedeutsame Gebauede wie Tempel, Tuerme und vieles mehr. Leider blieb die Haelfte davon fuer uns geschlossen. Erdbeben mal wieder. Wir waren auch so ziemlich die einzigen Touristen, die wir gesehen haben. Wie schon in Leshan lag eine gewissen Traegheit in der Luft, was zum einem dem heissen Wetter, zum anderen aber auch sicher dem Ausbleiben der Leute geschuldet ist.
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| Innenhof der Pruefungshalle. |
Irgendwie merken wir, dass an diesen Orten normalerweise viel mehr Menschen unterwegs sein muessten. Durch diese besondere Erdbebensituation erleben wir die Gegend wohl recht untypisch (vermuten wir, haben ja keinen Vergleich). Geoeffnet aber war die alte Pruefungshalle. Im alten, feudalen China war es fuer die meisten Menschen sehr erstrebenswert in den Staatsdienst zu treten und Beamter zu werden. Dies war nur durch Bestehen der entsprechenden Pruefungen moeglich. Diese wurden in speziellen Gebaeuden abgehalten, die in den jeweiligen Hauptstaedten der zugehoerigen Verwaltungsgebiete (ganzes Land, Provinz oder kleinerer Distrikt) standen. Das hiesige wurde eine kurze Zeit fuer die imperialen Pruefungen fuer ganz China, danach fuer Provinzialpruefungen benutzt. Wie auch der Rest der Stadt war es gut restauriert (oder sah zumindest fuer unser Laienauge so aus, als waere es gut restauriert worden) und gab eine anschauliche Vorstellung des alten Chinas. Irgendwann am Nachmittag kapitulierten wir allerdings vor der Hitze und fluechteten in unser klimatisiertes Hotelzimmer und zur kalten Dusche.
Den Abend liessen wir bei einem Bierchen und viel Gequatsche ausklingen, so dass wir uns heute in schlaefriger Fruehe entschlossen, nicht wie beabsichtigt weiter zu fahren, sondern noch einen Tag zu bleiben und den Blog zu aktualisieren. Morgen geht’s dann aber wirklich weiter
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