![]() |
| Verwuestete Mauer. |
(J) Wir sind nun fast in der Mongolei – nur noch 500 Kilometer trennen uns vom naechsten Land unserer Radtour. Inzwischen haben wir die Wueste erreicht, uns diverse Male mit chinesischen Beamten in diversen PSB’s (der Ort, wo man sein Visum verlaengern kann) herumgeaergert und endlich wieder leere Landstriche erreicht, in denen man problemlos das Zelten geniessen kann. Jetzt sind wir in Hohhot, ruhen uns ein wenig aus, bevor es heute Abend mit dem Zug weitergeht. Doch nun erstmal drei Wochen zurueck …
Ein letzter Tag in Xi’an (21.6.)
Auch wenn wir es uns fest vorgenommen hatten, verliessen wir Xian am Samstag, den 21.Juni noch nicht, denn beim Fahrradcheck am Morgen hatte Hannes verwundert festgestellt, dass das Tretlager meines Rades merkwuerdige Geraeusche von sich gab. Es ruckelte und hakte bei jeder Undrehung, als haetten sich die Kugeln des Lagers mit der Zeit abgeschliffen. Besorgt, dass es sich mitten im Nirgendwo festfressen koennte, blieben wir also einen weiteren Tag, liessen ein Neues einbauen und genossen etwas laenger die herzliche und unkomplizierte Gastfreundschaft unserer amerikanischen Gastgeberin Nancy.
![]() |
| Im Gespraech mit Studenten. |
So brachen wir erst am 22. Juni in Richtung Norden auf. Sven und mir blieben nun nur noch acht Tage, dann wuerden unsere chinesischen Visa auslaufen und wir waren uns nicht sicher, ob wir in den PSBs (Public Security Bureaus) auf unserem Weg ueberhaupt eine zweite Verlaengerung erhalten koennten. Eile war also angeraten, auch weil wir nur ungerne auf schnellere Verkehrsmittel wie den Zug oder Bus umsteigen wollten.
Auf dem Weg nach Yan’an (22. – 25.6.)
Es war vielleicht nicht ganz korrekt, doch irgendwie gelangten wir beim Verlassen Xi’ans am Stadtrand unbemerkt an der Maut- und Kontrollstelle vorbei auf die Autobahn Richtung Yan’an. (In Yan’an selbst, so hofften wir, koennte es mit der Visaverlaengerung klappen. Die Stadt lag etwa 350 Kilometer entfernt.) Wir waren mehr oder weniger zufaellig hier gelandet, ergriffen aber die Gelegenheit, denn auf dem Seitenstreifen wuerden wir zuegiger vorankommen als auf der Regionalstrasse, die unermuedlich dem Auf und Ab der Landschaft folgte. Dass auf den Spuren neben uns vergleichsweise wenig Verkehr unterwegs war, nahm zudem den Stress von uns, den breite Schnellstrassen normalerweise fuer Radfahrer mit sich bringen. Bis zum Abend mussten wir die Autobahn allerdings einmal verlassen, als wir gegen Mittag an das Ende eines kilometerlangen Staus gerieten. Die LKWs und wenigen PKWs standen. Auch unser Seitenstreifen war bald blockiert und so kaempften wir uns fast eine halbe Stunde lang durch die verbliebenen schmalen Luecken zwischen den Wagen hindurch, bis wir das Kopfende des Staus erreicht hatten. (Video) Hier mussten nun auch wir halten, weil die Polizei vor uns die komplette Strasse abgeriegelt hatte. Wir warteten fast eine Stunde und zum Schluss passierte endlich das, worauf ich schon laenger gewartet hatte: Als die Autobahn schliesslich wieder freigegeben wurde, verboten man uns Radlern die Weiterfahrt.
![]() |
| Trocknendes Getreide. (Video) |
Uns blieb nichts anderes uebrig, als den Umweg bis zur naechsten Auffahrt in Kauf zu nehmen. Erst hier gelangten wir zurueck auf die Strasse und setzten unsere Fahrt bis zum Abend ungehindert fort. Wir waren heute ein gutes Stueck vorangekommen und hatten sogar einige Kilometer der Regionalstrasse gespart.
In den naechsten Tagen gelang es uns nicht mehr, uns an den Kontrollstellen vorbei auf die Autobahn zu schmuggeln und deshalb blieben wir nun auf der kurven- und steigungsreicheren Regionalstrasse. Das Licht- und Schattenspiel der Landschaft, ihre Duefte und das Leben auf der Strasse rueckten wieder in greifbare Naehe und beschaftigten unsere Gedanken. Wir konnten beobachten, wie die Landbevoelkerung die Getreideernte einholte, wie das Korn auf dem Asphalt getrocknet und die Spreu durch vereinzelte Windboeen entfernt wurde. In die Ebene drumherum hatten sich tiefe Canyons in den sandigen Boden gegraben. Die Luft war trocken, staubig und flirrte ueber dem aufgeheizten Grund. Gelber Staub klebte an unseren Armen und Beinen. Das Land war ausserdem leerer geworden und deshalb schliefen wir nun seltener in Hotels, nur noch dann, wenn wir uns duschen oder im Fernsehen den Ausgang der EM verfolgen wollten.
![]() |
| Canyon. |
Am 25.6., einem Mittwoch, kamen wir bereits am spaeten Vormittag in Yan’an an. Wir wussten: Wenn wir hier keine Visaverlaengerung erhielten, muessten wir es am Donnerstag und Freitag in anderen Staeden erneut veruchen. Wenn man sie uns dort auch verweigerte, wuerde Sven und mir nichts anderes uebrig bleiben, als am Wochenende das Land zu verlassen. Das war der Notfallplan, doch wir hatten Glueck und er musste dank Svens Harnaeckigkeit nicht in die Tat umgesetzt werden. Dennoch lief nicht alles reibungslos ab. Bis zur Mittagspause erklaerte man uns, es sei notwendig, einen Bankbeleg zu beschaffen, der erklaere, dass uns fuer jeden verbliebenen Tag in China 100 Dollar pro Person zur Verfuegung staenden. Dass keine chinesische Bank uns einen solchen Beleg ausstellen konnte, ueberraschte uns nicht und mit wenig Hoffnung reichten wir am Nachmittag schliesslich einen Ausdruck unseres Kontostandes aus dem Internet ein. Aber: Es klappte und auch die im Normalfall unverzichtbare, offizielle Hotelreservierung, in einem der teureren Touristenhotels blieb uns gluecklicherweise erspart, als wir erklaerten, wir sein gerade erst in der Stadt angekommen.
![]() |
| Picknickplatz. |
So hielten Sven und ich ueberraschenderweise bereits am selben Nachmittag (!) die Verlaengerung bis zum 29. Juli in Haenden. (Fuer Radreisende in China ist es vielleicht darueber hinaus interessant zu wissen, dass die Beamten des PSBs in Yan’an um unsere Raeder und die Radreise wussten. Obwohl wir deshalb mit Schwierigkeiten gerechnet hatten, blieben diese hier und heute aus. Hannes dagegen, dessen Visum erst in zweieinhalb Wochen auslaufen wuerde, bekam keine Verlaengerung: Dafuer war es noch zu frueh.) Doch der Tag bereitete uns noch eine weitere Ueberraschung: Nachdem wir ein kleines, billigeres Hotel bezogen hatten, essen gegangen waren und uns auf das EM-Halbfinale in der Nacht freuten, komplimentierte man uns um 22 Uhr aus unserem Zimmer hinaus auf die Strasse. Es sei dem Gasthaus nicht gestattet, Auslaender zu beherbergen. Draussen war es dunkel. Nur die bunten Leuchtreklamen erhellten die Strassen. Wahllos hielten wir immer wieder am Strassenrand vor verschiedenen Hotels, doch ob teuer oder billig, keines wollte uns beherbergen.
![]() |
| Yan’an bei Nacht. |
Nur eine einzige Unterkunft in Yan’an wuerde uns aufnehmen duerfen, hiess es: ein sehr teures Hotel im Stadtzentrum. – Es ist seltsam, wenn ich daran denke, wie gelassen wir diese Nachricht letztendlich aufnahmen. Keine Panik, ein wenig Galgenhumor, etwas Resignation und ein paar boese Worte in den Wind gesprochen. Das war ein Gesicht Chinas, dem wir schon oefters begegnet waren. Wir wuerden die Stadt verlassen und irgendwo unser Zelt aufschlagen. Doch am Stadtrand versuchten wir es ein letztes Mal und diesmal schickte man uns tatsaechlich nicht wieder weg, selbst dann nicht, nachdem man sich unsere auslaendischen Paesse angesehen hatte. Das spezielle Anmeldungsformular fuer Fremde ignorierte man, ob mit Absicht oder nicht, uns war es recht. So kam es, dass wir doch noch in einem Bett schliefen und den Wecker auf drei Uhr morgens stellten um das EM-Halbfinale ansehen zu koennen. (H) Dass dann leider die Bildstoerung in der entscheidenen, torreichen Schlussphase durch drei chinesische Fussballweise ueberbrueckt wurde, trieb mich fast in den Wahnsinn.
![]() |
| Zeltplatzsuche. |
Auf der Lauer nach der Mauer (26. – 29.6.)
In den naechsten Tagen fuhren wir ohne Zeitdruck weiter. Die Landschaft aenderte sich. Langsam wurden die Huegel niedriger, wurde der Boden trockener und die Luft heisser. Wir folgten einem Fluss, dessen Bett teilweise ausgetrocknet neben uns lag. Unterdessen haeuften sich die Reparaturarbeiten. Hannes hatte einen Speichenbruch und mein hinterer Mantel musste geflickt und schliesslich ersetzt werden. Auch die Lager der Vorderradnaben Yasmines und Kruemels hatten sich gelockert. Wir wuerden sie in Hohhot festziehen, wenn wir das richtige Werkzeug auftreiben koennten. Einer von Svens Gurten des Rackpacks riss und ein zwei Loecher in den Schlaeuchen wurden geflickt. Meine Knieprobleme dagegen verfluechtigten sich, nachdem wir den Sattel ein gutes Stueck tiefer gestellt hatten. Am dritten Tag, nachdem wir Yan’an verlassen hatten, verlor der Untergrund schliesslich auch seinen letzten Halt. Kaum eine Wurzel stuetzte ihn mehr, keine Felsen hinderten ihn am Auseianderfallen.
![]() |
| Staub. |
Vor uns ragte ein breites Loch in die Tiefe. Dort wo vorher eine Bruecke ueber das trockene Flussbett fuehrte, war sie den Hang hinunter gerutscht. Uns blieb nichts anderes uebrig, als ihr zu folgen und durch den dicken Staub das Ufer hinunter und wieder hinauf zu waten.
(S) Staub! Kein Sand, megafeiner Staub! Als wir Jingbian erreichten waren wir von grauem Staub bedeckt, Kleidung, Haare, Gesicht: GRAU. Es war soweit: Wir waren am Rand der Wueste. Hier endete einst das chinesische Reich, hier sieht man unter dem spaerlichen Bewuchs nur noch Sand schimmern, feinen gelben Sand. Mich wundert nicht, dass die Steppenvoelker damals gierige Blicke nach Sueden warfen, sich nach fruchtbarem Boden sehnten oder wenigstens nach einem Baum der einen Platz im kuehlenden Schatten gewaehrte.
![]() |
| Wuestengetier. |
Die ersten Anlagen der grossen chinesischen Mauer stammen wahrscheinlich aus dem fuenften Jahrhundert vor Christus. Damals sollte sie noch Chinesen vor Chinesen schuetzen, die untereinander im Streit lagen. Zweihundert Jahre spaeter, nachdem Qin Shihuangdi nach vielen blutigen Kriegen das (erste) chinesische Kaiserreich begruendete, liess er einen grossen Abwehrwall gegen die Voelker im Norden errichten. Dieses Unterfangen kostete tausenden Zwangsarbeitern ihr Leben und erhoehte nicht unbedingt die Popularitaet des ohnehin nicht sonderlich beliebten Despoten. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Mauer immer wieder erweitert und ausgebaut, die heutige Form bekam sie in der letzten Ausbaustufe waehrend der Ming Dynastie.
Danach verlor der Schutzwall seine Bedeutung, vielerorts wurde er dem Verfall ueberlassen. Schlimmer noch: Die Mauersteine wurden entfernt und der Kern – ein verfestigter Lehm/Erdhuegel – seinem Schicksal ueberlassen. Abgesehen von einigen Teilen in der Naehe von Touristenzentren (v.a. in der Umgebung der Hauptstadt Beijing) ist der Zustand „erbaermlich“. So bemerkten wir erstmal gar nicht viel von diesem riesigen Verteidigungswall: Hin und wieder konnten wir erodierte Erdhaufen erkennen, die wohl ein Teil der grossen Mauer gewesen sind.
![]() |
| Sand, Sand und Sand. |
Jedoch zog uns die veraenderte Landschaft viel mehr in ihren Bann: Wir folgten einem schmalen Flusslauf, mal war er zu einem kleinen See angestaut, mal floss er als Rinnsal neben uns, weil die Hauptwassermenge zur Feldbewaesserung genutzt wurde. Ein paar hundert Meter weiter: Sand. Ein wenig Gras versuchte den widrigen Umweltbedingungen zu trotzen, war aber nicht sonderlich erfolgreich mit einer flaechendeckenden Besiedlung. Man konnte den Blick weit schweifen lassen, nur kleine Huegel mit sanften Anstiegen, die an viel zu grosse Sandduenen errinerten, zogen sich bis zum Horizont. Irgendwie waeren wir nicht sonderlich ueberrascht gewesen, wenn weit entfernt ein Meer aufgetaucht waere. Irgendwie liess diese Strandoptik ein grosses unbekanntes Geweasser vermuten. Doch auch wenn wir weiterradelten: die Duenen blieben und wichen keineswegs einer Bademoeglichkeit
.
Yulin (29.6. – 2.7.)
![]() |
| Einfahrtsstrasse nach Yulin. |
29. Juni: Heute ist EM-Finale. Inmitten der Sandwueste tauchte Yulin vor uns auf. Hier checkten wir in ein (etwas besseres) Hotel ein und genossen eine kuehlende Dusche, die den Sand von uns herunterspuehlte. Erfrischt machten wir uns auf die Innenstadt ein wenig zu erkunden. Ziemlich isoliert, am Rande von China, waren wir ueberrascht ein so nettes Stadtbild zu finden. Die alten Stadtmauern mussten nicht modernen Hochhauesern weichen, wie wir es sonst so oft in China beobachten konnten. Wir schlenderten die Fussgaengerzone entlang: Dort gab es alte Wachtuerme, flache Haueser im klassischen (Holzbau)Stil, wie wir sie schon in Langzhong gesehen haben. Hier allerdings war nichts fuer Touristen hergerichtet.
![]() |
| In der Fussgaengerzone. |
Man fand kleine Restaurants neben Kramlaeden fuer Stoff oder wir haetten bei „China Unicom“ einen neuen Handyvertrag abschliessen koennen. Wie ueberall wurde am Strassenrand viel gespielt und alte Maenner, die sich zum Plausch unter schattenspendenden Baeumen niedergelassen hatten, beaeugten uns neugierig. Auch zog sich hier keine Menschenmenge um uns zusammen, nur manchmal wurden wir um ein Foto gebeten … wir relaxten den Nachmittag.
Unser Abendessen war weniger erfolgreich: Wieder waehlten wir die Art der Bestellung, wo wir einfach auf irgendwas zeigen und hoffen, dass dies essbar sei. Nunja, wir hatten oft Glueck, heute eben nicht. Ein Teller war versalzen, einer voellig geschmacksneutral und der dritte schmeckte nach verbranntem Tofu. Kein gutes Omen! Wir bewaffneten uns nun mit ausreichend Bier und zogen uns auf das Hotelzimmer zurueck. Erst spielten wir noch Skat, und warteten auf den Anpfiff des Finales der EM 2008 (nach chinesischer Zeit immerhin 2:45 morgens). Knapp zwei Stunden spaeter stand fest: verdienter Europameister ist Spanien. Schade eigentlich …
![]() |
| Wachturm. |
Unser Aufenthalt in Yulin war dann doch laenger als eigentlich geplant. Wie gesagt: wir fuehlten uns recht wohl hier und irgendwie war uns nach einer kleinen Pause. In der Naehe befand sich ein alter Wachturm, gebaut waehrend der Ming Dynastie. Hier waren damals groessere Verteidigungsarmeen stationiert, welche im Ernstfall Reich und Kaiser schuetzen sollten. Man hatte den Turm wieder aufgebaut, so ragt er auch heute wieder majestaetisch ueber die sandige Ebene hinaus. Auch kann man anhand alter, erodierter Erdwaelle, den Verlauf der Mauer erahnen. Wir kletterten auf Turm und Mauer herum, hielten Ausschau nach mongolischen Reitervoelkern und versuchten uns in vergangene Jahrhunderte zurueckzuversetzen …
Am folgenden Tag: Nichtstun – schliesslich mussten wir die fruehmorgendliche Finalniederlage noch verarbeiten
– und wir sassen wieder auf unseren Drahteseln und steuerten Richtung Wueste.
![]() |
| Schnurgerade Strasse. |
Entlang der Mauer bis zum Huang He (2. – 5.7.)
Diesmal folgten wir einer einsamen, schnurgeraden Strasse. Eigentlich hatten wir keinen besonderen Wert mehr darauf gelegt, dem erodierten alten Erdwall zu folgen. Doch: Wir waren froh, dass wir uns dafuer entschieden hatten. Nicht, dass dieser hier besser erhalten war, jedoch konnte man die Ueberreste der ehemaligen Wachtuerme beobachten, wie sie sich von Huegel zu Huegel zogen. Dazu kam die unglaubliche Stille der Wueste, manchmal stoppten wir und vernahmen nichts, gar nichts. Dazu liessen wir den Blick in die Weite schweifen, der Horizont war fern und ein leichtes Flimmern zeigte an, wie stark sich der Boden hier unter der unbarmherzigen Sonne aufgeheizt hatte …(H) Jaja, stoppen! Wie ein mongolischer Reiter muss man ueber solch eine Steppe fegen und den Wind in der Nase spueren! Stoppen! Also nee!
![]() |
| Durch die Mauer. |
In den folgenden Tagen zogen immer mal wieder dunkle Wolken auf. Es begann zu „winden“ – regnen indes tat es nie. Wir kamen durch kleinere Doerfer, die wirklich kaum die Bezeichnung Dorf verdient hatten. Schon vor Yulin hatte sich der typisch laendliche Baustil gewandelt. Die allgegenwaertigen Erdhuegel wurden in den Hausbau mit einbezogen: Es wurden einfach Erdhoehlen in die sandigen Haenge gegraben und fuer gewoehnlich mit einer steinernen Fassade verkleidet. Manchmal wurde aber auch nur ein Holzfenster vorgesetzt. Die „Daecher“ waren meist mit Gras bewachsen, so dass sich die Wohnhoehlen unscheinbar in die Landschaft einfuegten.
![]() |
| Hoehlenwohnung. |
Wir haben zwar nie eine solche Behausung betreten, aber ich bin mir sicher, dass dort die Temperatur um einige angenehme Grade tiefer ist als in den allgegenwaertigen, weissgekachelten Betonbauten. Alles hier machte ein bisschen den Eindruck einer vergessenen Welt. Wir merkten, dass wir nun das entwickelte, technisierte China hinter uns liessen. Wenn wir nach (Koch-)Wasser fragten, gab es nur im Ausnahmefall noch fliessend Wasser. Das Angebot in den kleinen Laeden wurde immer spaerlicher und die Traktoren mussten auf der Strasse nun zunehmend wieder mit Esel- oder Ochsenkarren konkurrieren.
Touristen waren hier quasi unbekannt. Vielleicht wurden wir deshalb zu unserem „Einjaehrigen“ ueberraschenderweise vom Restaurantbesitzer eingeladen. Am 5. Juli ist es nun genau ein Jahr her, dass wir Luebeck verliessen und uns auf unsere Raeder setzten. Viel ist passiert. Wir beschlossen dies mit einem reichlichen Festessen zu feiern. Suess-saures Fleisch, Pilze in dunkler Sojasosse, die ein wenig an Wildbraten erinnerte, noch ein wenig Salat und Reis. Auf Kosten des Hause servierte man uns auf einmal noch drei Cola und eine Rindfleischplatte.
![]() |
| Der Huang He. |
Wir waren verdutzt, konnten wegen der Sprachbarriere aber leider nicht nach dem Grund fragen. Mehr als „No money“, bekamen wir nicht zu hoehren. Am Ende wollte der Restaurantbesitzer auch fuer den Rest kein Geld mehr haben – es sei eine Einladung, und darauf bestand er. Wir dankten viele Male, machten ein gemeinsames Foto und zogen weiter. Waehrend der folgenden Kilometer fragten wir uns, ob und was in solchen Situationen von uns erwartet wird. Sollten wir Telefonnummern tauschen, dem Spender ein kleines Geschenk dalassen oder die Sache einfach auf sich beruhen lassen? …
Wir erreichten den gelben Fluss, den Huang He. Gemaechlich schiebt sich dieser durch die Landschaft. Das Wasser ist hier truebe, er macht seinem Namen alle Ehre. Wir kreuzten ihn mehrere Male, bevor wir unter starkem Gegenwind wieder ein paar kleinere Huegel erklimmen mussten. Das war anstrengend, zudem war ich ausser Form: Nach einem gar nicht allzu langen Fahrtag stoppten wir in einer der wenigen Staedte an unserem Weg (Dafanpu) und checkten in das erstbeste Hotel ein. Gluecklicherweise scherte sich hier niemand um unsere Nationalitaet, so dass wir einen entspannten Abend hatten.
![]() |
| Glueckseis |
Wir gingen noch kurz essen und goennten uns ein Eis. Das ist hier mitunter ein Gluecksspiel, denn der Inhalt hat bei den einheimischen Eissorten meist recht wenig mit der Verpackung zu tun. Auch wenn „Coffee Icecream“ oder „Chocolate Cream“ irgendwo drauf steht, kann es sich trotzdem um Erdbeereis handeln. Das kennen wir nun schon und eigentlich ist dieses Spiel ja auch lustig
…
Dies war auch unsere erste Nacht in der „Inneren Mongolei“, so heisst diese noerdliche Provinz in China. Hier lebt eine grosse mongolische Minderheit, so sind auch fast alle Schilder neben Chinesisch in Mongolisch (der klassischen Schrift) beschrieben. Mal wieder eine Schriftsprache, die uns nur ratlos mit den Schultern zucken laesst. Am spaeteren Abend, beim Erkunden der Stadt, stolperten wir noch in so etwas wie ein Volksfest. Auf einer Buehne wurde getanzt und gesungen (Video), auf dem grossen Platz konnte man sich die sinnlosesten Gefaehrte (Video) ausleihen und damit durch die Gegend fahren. Wir lauschten kurz und gingen dann in unserem (gluecklicherweise klimatisierten) Zimmer schlafen.
![]() |
| Nicht mehr weit! Aber wohin? |
Hohhot! Hohhot! (06. – 10.07.)
(H) Der Morgen des 6. Julis bescherte Judith eine unliebsame Ueberraschung: Irgend so ein Intelligenzbolzen hatte waehrend der Nacht einen Haufen neben unsere Raeder gesetzt. Judith hatte leider das Pech, direkt hinein zu treten, was ihr maechtig gegen den Strich ging und selbst Sven meinte erstaunt, dass er ein wenig schockiert sei. Nicht einmal in Indien haette er erlebt, dass jemand sich im Hotelinnenhof erleichterte. Aber nun gut, aendern konnten wir auch nichts und so schwangen wir uns auf die Raeder. Nach 30km ueberquerten wir wieder mal den Huang He, den gelben Fluss, der auch wirklich ein wenig gelb schien ob der mitgefuehrten Schlammmassen. Entlang des Flusses zog sich eine scheinbar endlose Aneinanderreihung von LKW-Werkstaetten. Wie schon seit einigen Tagen machten auch sie einen etwas ungepflegten Eindruck, der uns eher an Indien erinnerte, als an das China, was wir bisher erlebten. Es war zu merken, dass wir uns in einer Grenzregion befanden. Auch sprachen nun einige Leute schon Mongolisch und wiesen eher mongolische denn chinesische Gesichtszuege auf. Wir verstehen zwar beide Sprachen nicht, aber der Klang ist doch recht deutlich unterscheidbar.
![]() |
| Freundlicher Ladenbesitzer am Strassenrand. |
Nach dem Fluss wurde es flach. Eine schnurgerade Strasse fuehrte uns in Richtung unseres Ziels. Doch auf einmal eine weitere Ueberraschung: Mitten auf der Strasse sperrte ein grosser Sandhaufen die Fahrbahn. Unmoeglich fuer Vierraeder zu passieren und auch wir konnten uns nur mit Muehe daran vorbeiquetschen. Auch die Seitenwege waren mit Sandbarrieren abgesperrt. Um so merkwuerdiger erschien es uns, dass auf beiden Seiten LKWs warteten, es schien also von beiden Seiten eine Zufahrt vorhanden. Was also sollte hier abgesperrt werden, fragten wir uns? Kopfschuettelnd verweilten wir einen Moment und sahen ploetzlich einen Radlader, scheinbar aus dem Nichts, von vorne kommen. Tatsaechlich schienen die LKW-Fahrer schon darauf gewartet zu haben. Der Radlader raeumte eine Nische in der Barriere frei und die grossen Trucks schoben sich durch diese. Kaum waren alle Fahrzeuge durchgefahren, begann der Radlader die Nische wieder zu verschliessen. Fassungslos sahen wir noch einen PKW auf der anderen Seite stehen, der es nicht geschaft hatte sich rechtzeitig durch die Luecke zu quetschen. Wir fuhren weiter und raetselten die ganze Zeit, was wohl die Ursache fuer diese merkwuerdige Absperrungsmethode gewesen sein koennte. Wir wissen es bis heute nicht, trafen aber noch auf einige weitere Sandbarrieren, die teilweise offen teilweise aber auch fuer uns undurchdringlich waren, so dass wir ueber angrenzende Feldwege ausweichen mussten. Selbst als wir eine Strassenbaustelle passierten, schien uns diese nicht die Ursache fuer das Gesehene sein zu koennen.
![]() |
| Flimmernde Mittagshitze. |
Wir verbrachten die Nacht 50 km vor Hohhot, der Provinzhauptstadt der Inneren Mongolei, in einem Birkenhain. Sehr idyllisch und von Ameisen ueberlaufen, bot es uns die rechte Kulisse fuer einen Skatabend im Zelt.
So erreichten wir am fruehen Vormittag des 7.Julis Hohhot. Wir hatten schon einen Gastgeber via couchsurfing.com gefunden, wollten aber zunaechst bei dem PSB vorbei schauen, denn mein Visum galt nur noch bis zum Sonntag (13.7.). Dadurch, dass wir beladen direkt dorthin fuhren, wollten wir laestige Nachfragen nach Hotelregistrierungen umgehen, wie es auch schon in Yan’an funktioniert hatte. Wie immer war unser Reisefuehrer veraltet, was die Position des PSBs anging. Durch den grossen Bauboom war es bisher in jeder Stadt innerhalb des letzten Jahres umgezogen. So mussten wir uns auch hier unseren Weg erfragen. Er fuehrte uns in die Aussenbezirke dieser Stadt, wo sie im neuen Polizeihauptquatier untergebracht war. Zu unserem Glueck hielt sich dort gerade ein deutscher Unternehmer auf. Er lebt seit 10 Jahren hier und besitzt ein Uebersetzungsfirma, bekommt nun aber kein neues Visum fuer seinen 4-jaehrigen Sohn. Da dieser ja nicht ohne ihn irgendwohin reisen kann, muss er also ebenso das Land verlassen.
![]() |
| Strasse zu… |
Laut seiner Aussage war und ist es zur Zeit unmoeglich in der Inneren Mongolei eine Visumsverlaengerung zu bekommen. Das laege u.a. an dem besonderen Status der Inneren Mongolei, die als autonome Provinz gefuehrt wird. Diesen Status gibt es haeufiger in China, vorzugsweise in Provinzen mit grossen Minderheiten (hier sind z.B. 15% der Bevoelkerung ethnische Mongolen). Er berichtete uns, dass die chinesische Regierung grosse Angst davor habe, dass hier lebende Auslaender Berichte ueber Unruhen (fuer den Fall, dass welche stattfinden, bisher haben wir nichts davon gehoert) in den mit Argusaugen wachenden Westen tragen. Dass de facto nicht nur uns, sondern auch fast jedem hier laenger lebenden Auslaender eine Visumsverlaengerung verweigert wird – und er somit gezwungen wird das Land zu verlassen – , zeugt meiner Meinung nach nicht von einem souveraenen Umgang mit der ganzen Thematik. Fast scheint es mir, dass die chinesische Regierung unter allen Umstaenden ihr Gesicht waren moechte, indem sie alle Eventualitaeten einer Blamage (Unruhen, organisatorische Schwierigkeit u.ae.) ausschliessen moechte. Ein Verhalten, dass nach unseren Erfahrungen der letzten Monate unglaublich bestimmend fuer das Leben in diesem Land ist.
![]() |
| …und Strasse auf. |
Jedenfalls waren wir auf der einen Seite natuerlich etwas enttaeuscht, nun nicht mehr genuegend Zeit zu haben, um bis zur Grenze zu fahren, aber auf der anderen Seite geht es dabei auch nur um 5 Tage Radfahren. Es lohnt sich also nicht, dass ich extra nach Hongkong fliege, wo ich durchaus problemslos eine Verlaengerung durch mein double-entry-Visum erhielte. (Damit darf ich zweimal einreisen und jewels 90 Tage im Land bleiben) Wenigstens ist diese Problematik nun geklaert und wir konnten uns den naechsten Fragen zuwenden. Ich brauchte naemlich auch noch ein Mongoleivisum, welches ich im Gegensatz zu Sven und Judith, die ihres in Kathmandu beantragt hatten, noch nicht besass. So gut waren die Ausssichten dafuer auch nicht, denn wir hatten bei der Suche nach dem PSB zwei Niederlaenderinnen getroffen, die mit Ach und Krach ein 10-Tages-Visum erhalten hatten. Weil 10 Tage aber niemals ausreichen wuerden, um von der mongolischen Grenze zur Hauptstadt Ulan Bator zu radeln, wo eine Verlaengerung evt. moeglich ist, waere uns damit wenig geholfen. Nach einiger Diskussion vor dem hiesigen mongolischen Konsulats mussten wir feststellen, dass es trotz gegenteiliger Behauptung des Oeffnungszeitenschilds seine Pforten erst am naechsten Morgen wieder oeffnen wuerde. So riefen wir nun, nachdem wir schon 20 km durch die Stadt gefahren waren, Ianna, unsere Gastgeberin, an. Sie ist Brasilianerin und lebt hier seit 9 Monaten als Englischlehrerin. Im August wird sie wieder nach Hause fliegen. Wir verstehen uns gut mit ihr und haben sogar ein eigenens Zimmer in ihrer Wohnung bekommen. Gleich am ersten Abend schauten wir gemeinsam ein, zwei Filme und kochten dazu, indem jede Partei alle Reste, die zu finden waren, beisteuerte
.
![]() |
| Sven mit neuem Hut. |
Am naechsten Morgen machten sich Sven und Judith auf, um noch diverse grosse und kleine Ausruestungsgegenstaende zu besorgen, waehrend ich mich auf den Weg ins mongolische Konsulat begab. Trotz der negativen Erfahrung der Hollaenderinnen bekam ich erstaunlich problemlos ein 30-Tage-Visum. Zwar wurde mir erst steif und fest versichert, dass es auf keinen Fall moeglich sei ohne Einladung ein laengeres Visum als fuer zwei Wochen zu erhalten. Doch bevor ich ernsthaft protestieren konnte, aenderte eine Beamtin hinterm Schalter ihre Meinung und auf einmal war es kein Problem mehr. Ich musste nur versprechen, gut auf mich aufzupassen. Als man mir riet nur versicherte Autos zu mieten, verschwieg ich wohlweislich mein Fahrrad, aus Sorge die Beamten koennten sich erneut umentschieden. Erleichert, dass dies so einfach lief, gingen wir zusammen Pizza essen. Sven hatte heute (8.7.) schliesslich Geburtstag und so goennten wir uns in einem Restaurant mit westlicher Kueche zwei wunderbare und grosse Pizzen. Der Besitzer, Axel, war ebenfalls Deutscher und erzaehlte uns einiges aus seinem Leben. Er hatte Deutschland schon lange mit seiner mongolischen Fau verlassen und wohnt nun seit 2 Jahren in Hohhot. Davor lebte er 6 Jahre in Ulan Bator und konnte uns schon mal einen Vorgeschmack auf diese Stadt und auch die Mongolei selbst geben. Anschliessend stuerzten wir uns in das unuebersichtliche Gewimmel am Bahnhof, um unsere Tickets zu besorgen. Die Zugfahrt war ja noetig geworden, weil mein Visum nicht verlaengert worden war und wir bis zum Sonntag die Grenze ueberqueren wollen/sollen/muessen.
![]() |
| Strassenverkehr in Hohhot. |
Am Bahnhof war es besonders voll, denn an diesem Tag wurde die olympische Fackel durch die Stadt getragen. Wir hatten durch unsere lange Noch-zu-erledigen-Liste keine Zeit dafuer und so haben wir sie nicht gesehen. (Ausserdem weiss ich im Moment sowieso nicht genau, wie ich zu dieser ganzen China-Olympia-Thematik stehe, wenn ich so sehe, was diese fuer Folgen in diesem Land hat.) Die Tickets zu besorgen lief erfreulich problemlos, da wir Hilfe von einem netten, englischsprachigen Chinesen bekamen, der gerade auf seinen Freund wartete. Am 9.7. verbrachten wir den Grossteil des Tages montiered an unseren Raedern. Diverse Schrauben mussten festgezogen und Maentel geflickt werden und ich ersetzte meinen notduerftig reparierten Schalthebel. Gestern feierte Ianna mit einigen Gaesten ihren Geburtstag. Es wurde ein unterhaltsamer Abend, mit einer bunten Mischung aus Chinesen und Auslaendern. Nun muessen wir nur noch fix Sachen packen und werden uns heute Abend in den Zug schwingen.
| << zurück | weiter >> |
























