Zum tiefsten See der Welt (01.09. – 19.09.)

Russisches Holzhaus in
Ulan Ude.

Ueber die Grenze nach Russland (01. – 06.09.)

(J) In der Mongolei war es kalt geworden. Nachts bildeten sich auf den Fensterscheiben der Autos bereits duenne Frostschichten. Auf den Holzliegen der Jurte kuschelten wir uns eng in die dicken Schlafsaecke. Regen prasselte von Zeit zu Zeit auf die Stoffplane des runden Zeltdaches. Wuerde uns nun bereits Ende August die ungemuetliche Jahreszeit einholen, der wir im Iran nach nur einer einzigen Woche bei Minusgeraden und Schnee entflohen waren? Kalte Winde peitschten aus sibirischer Richtung ueber uns hinweg und besorgt blickten wir unserem Aufbruch nach Russland entgegen.

Dann aber hatten wir doch Glueck, als wir mit einem angenehmen Rueckenwind aus dem Sueden die mongolische Hauptstadt am 2. September verliessen. Es wurde ein angenehmes Vorankommen auf einer maessig befahrenen Asphaltstrasse. Steppengrass bedeckte die Huegelketten. Die Anzahl der festen Haeuser nahm ab.

Der Winter naht:
Die Schlachtesaison hat begonnen.

In regelmaessigen Abstaenden lebten Nomadenfamilien wieder in ihren Jurten nicht weit entfernt vom Wegesrand. Die Einsamkeit der Gobi war endgueltig vorueber. Dann veraenderte sich auch die Landschaft zunehmend. Erst traten die Nadelbaeume vereinzelt und in kleinen Gruppen auf, bald dehnten sich die Gruppen zu kleinen Waeldern aus und wir begannen einem schmalen Flusslauf zu folgen.
Wir waren noch gar nicht weit gekommen, da erspaehten wir vor uns zwei beladene Radfahrer, die sich energisch dem Gegenwind trotzend uns entgegenkaempften: „Sieh mal an, wir sind also nicht alleine.“ Das hatten auch Erika und Jens bemerkt, als sie sich vor nicht allzu langer Zeit an der russisch-mongolischen Grenze getroffen hatten und seitdem fuer eine Weile gemeinsam reisen. Wir freuten uns ueber die kurze Begegnung mit den beiden, denn, so unterschiedlich wir Radfahrer auch sein koennen – und wir koennen wirklich sehr unterschiedlich sein -, man fuehlt sich immer zueinander hingezogen. So standen wir nun auf einer Huegelkuppe und begutachteten uns neugierig. Einem Redeschwall folgte der naechste und es war nicht so leicht sich wieder voneinander zu loesen.

Plausch am Strassenrand
mit Erika und Jens.

Doch Erika und Jens mussten bald aufbrechen, denn nach Tagen im Zelt freuten sich die beiden auf eine warme Dusche in Ulan Bator. Wann wuerden wir das naechste Mal duschen koennen?

In den naechsten Tagen zelteten wir ungestoert am Strassenrand. Wir kauften in den groesseren Siedlungen ein und assen von Zeit zu Zeit eine warme Mahlzeit in einem Strassenrestaurant. Das Wetter aber aenderte sich abrupt. Bereits am zweiten Tag drehte der Wind und blies uns unerbittlich ins Gesicht. Ab und zu ergoss sich ein Regenschauer auf uns und das unbeschwerte Fahrgefuehl des ersten Tages wandelte sich zu einem unablaessigen Kampf zwischen wuetendem Frust und ergebener Fahrmonotonie. Treten – treten – treten – … . Wie ein hartnaeckiger Taktgeber begann das Mantra in meinem Kopf widerzuhallen und die Welt geriet fuer eine Weile in Vergessenheit. Sie trat erst wieder in den Vordergrund, wenn wir fuer eine kurze Atempuse am Stassenrand hielten.

Bereits beim morgendlichen Aufbruch
drueckt der Wind.

In einer dieser Pausen passierte etwas Erstaunliches. Etwas, was die Welt mit einem Mal noch kleiner erscheinen laesst, als sie fuer uns bereits geworden ist. Dabei ist die Begegnung mit einem weiteren entgegenkommenden Radfahrer auf dieser Streck an sich noch nicht verwunderlich, denn immerhin befanden wir uns zur Zeit auf der Hauptverbindungsstrecke zwischen Russland und China. Doch nach dem ersten Wortwechsel stutzte Hannes bereits. „Sind wir uns nicht schon einmal begegnet?“, fragte er seinen Gegenueber noch etwas unsicher. Es stellte sich tatsaechlich heraus, dass die beiden sich bereits in Bangkok kennen gelernt und fluechtig unterhalten hatten. Und nun sahen sie sich zum zweiten Mal, ohne Absprache, ein paar tausend Kilometer vom ersten Treffpunkt entfernt. Nur die Haare waren um ein paar Zentimeter laenger geworden und die Radhosen wiesen groessere Loecher auf.

Yak? Bison? Auf jeden Fall haarig.

An dem Tag an dem wir die Grenze erreichen sollten, begannen sich die Nadelwaelder auszudehnen und gegen Mittag breiteten wir unser Picknick auf weichem Erdboden aus. Die Baeume nahmen dem Wind die Staerke und den schwachen Strahlen der Sonne gelang es wieder uns zu waermen. Es roch nach Borke, feuchten Nadeln und ab und zu auch nach Haschisch. Am Wegesrand bluehten tausende von Hanfpflanzen. Hannes Bangkokbekanntschaft hatte uns bereits mit leuchtenden Augen davon berichtet und uns das gummieartige, stark riechende Ergebnis seiner Ernte mit Begeisterung vorgefuehrt. Die Neugier der Ahnungslosen war geweckt. „Ganz einfach“, hatte man uns erklaert, die Pflanzen erkenne man schon, dann ernte man Teile und reibe diese minuten-, wenn nicht stundenlang zwischen den Handflaechen. So entstehe gutes Haschisch. „Alles klar“, dachte Sven und steuerte zielsicher das naechste Brennnesselfeld an :-) . Das mit dem Haschisch wurde aber auch spaeter nichts. Vielleicht hatten wir zu wenig Enthusiasmus, vielleicht war es zu feucht vom Regen, doch bestimmt hatten wir keine Ahnung davon, welche Pflanzenteile man denn nun tatsaechlich zerreiben sollte.

„Auf Wiedersehen, Mongolei.“

Das Forschungsprojekt, so mussten wir bald erkennen, war fehlgeschlagen. Am Abend erreichten wir den Grenzort in dem wir ein Hotel nahmen, essen gingen und mit dem Gefuehl einschliefen, dass am naechsten Morgen einen neuer Abschnitt der Reise beginnen wuerde.

Die ersten Tage in Russland (06. – 10.09.)

„Do you have weapons? … “ – „Habt ihr Waffen bei euch, Psychopharmaka, kulturelle Wertgegenstaende oder Drogen?“, fragte eine kleine zierliche Zollbeamtin. Wir standen auf russischer Seite an der Grenze und erwarteten, im naechsten Augenblick alles auspacken zu muessen, was in unseren Taschen steckte. „No, nothing.“, antworteten wir. Sie nickte, blickte ihren Kollegen an, der ausdruckslos auf unsere Raeder starrte.

Holzhaus.

Er wendete sich uns zu und winkte. Wir durften die Grenze passieren. Man hatte uns an den wartenden Autos vorbeigewunken, uns noch einmal gestoppt, eine Dolmetscherin herangeholt, die uns vier Fragen stellte und dann weitergeschickt. Viel schneller kann man gar nicht ueber eine bewachte Grenze kommen. Nun waren wir tatsaechlich in Russland und sofort begannen sich riesige, herbstlich gelbe Birkenwaelder ueber die Berghaenge zu erstrecken. Keine einzige Jurte war mehr zu finden, kleine Holzhaeuser mit bunter, stellenweise abblaetternder Farbe dominierten das typische Stadtbild. Ihre Daecher schmueckten verpielte Schnitzereien. In den Fenstern hingen weisse Spizengardinen. Blumen reckten ihre Haelse dahinter zum Licht. Geranien bluehten in den Tonkruegen der Vorgaerten. Rostige Eisen- und alte Holzzaeune umrahmten die zahlreichen Gemuesegaerten. Man fand Supermaerkte und Wasserpumpen. Von einem auf den anderen Augenblick hatte sich alles geaendert. Doch mit dem Zelten wuerde es auch hier keine Probleme geben, denn Zelten war erlaubt, ebenso ein kleines Lagerfeuer. Das freute uns besonders, weil die Naechte nun feuchter und kaelter wurden.

Beiwagen.

Wir durchfuhren einige verschlafene Ortschaften, in denen junge, blondierte Frauen auf Pfennigabsaetzen Kinderwaegen vor sich her schoben. Einen Tag spaeter hielten wir in einer groesseren Stadt um unsere erschoepften Vorraete aufzufuellen. Der Laden war klein, doch es gab tatsaechlich Kaese, Joghurt, Milch und Gemuese. All die Dinge, die wir seit Monaten schon nicht mehr gegessen hatten. Wir stuerzten uns begierig auf diese Dinge. Es war zu verlockend.

Am dritten Tag nach Grenzuebertritt erreichten wir Ulan Ude. Die erste Grossstadt in Russland in der wir uns, wie es fuer Reisende in Russland Pflicht ist, registrieren lassen wollten. Der Lonely Planet, unser Reisefuehrer, gab einige Unterkuenfte an, die diese Registrierung fuer uns vornehmen koennten. Nur einen Haken gab es bei der ganzen Geschichte: Hotels in Russland sind sehr teuer. Preislisten verkuendeten: 200 Euro, 100 Euro, mindestens 45 Euro. „Wir suchen nach einem sehr guenstigen Zimmer“, sagten wir der Empfangsdame im dritten Hotel. Sie war noch sehr jung und sprach gutes Englisch.

Loderndes Feuer.

Sie merkte bald, dass wir in ihrem Hotel nicht bleiben wuerden und ueberlegte. Dann meinte sie:“ Wir haben noch ein billigeres Hotel in einem anderen Stadtteil, vielleicht koennt ihr dort unterkommen.“ Sie rief an und tatsaechlich gab es einige freie Betten. Fuer Unterkunft und Registrierung sollten wir 25 Euro bezahlen. Das war OK und wir fuhren sofort hin.
Die Empfangsdame in den mittleren Jahren war gross gewachsen und trug ueber ihrer breiten Lesebrille eine rote Dauerwelle. Rouge lag weich auf ihren Wangen, ueber ihren Schultern lag eine beige Strickjacke. Sie blickte uns hinter ihrem Glasfenster fragend an, erklaerte geduldig den Preis und schickte uns dann zwei Stockwerke nach oben. Das Treppenhaus war karg. Ein Metallgelaender ragte aus den grauen Steinstufen. Im zweiten Stock erwartete uns eine mollige Frau mit einem Schluesselbund in der Hand. Sie strahlte Waerme und Ruhe aus und fuehrte uns durch den rosaglasierten Gang, zeigte uns verschiedene Zimmer, die separate Dusche und Toilette. Es war eine einfache Unterkunft ohne Teppichboden, mit einfachen Betten. Doch als ich mich auf eine der Matrazen setzte, musste ich erschrocken Luft holen. Ich versank foermlich bis zur Nasenspitze darin. So weiche Matratzen hatte ich noch nie erlebt.

Typisch Russland: Mahnmal.

(S) Genaugenommen kommentierte Judith die Inbesitznahme der Matratzen lachend mit: „Oh nein, oh nein, oh nein!“ Dabei sprang sie wie ein Flummi auf den federnden auf und ab.

Wir nahmen ein Dreierzimmer und gingen nacheinander duschen. Der Duschraum war klein, doch das Wasser stroehmte heiss aus der Leitung. Nach den Tagen mit Wind und Regen und dem kalten Wasserhahn des Hotels im mongolischen Grenzort war das eine riesige Wohltat. Ich musste an zu Hause denken, wo das Duschen schnell zur kleinen Selbstverstaendlichkeit werden wuerde.
Weil es noch sehr frueh war, verliessen wir unser Hotelzimmer bald wieder und schlenderten ueber die Fussgaengerzone, die sich bis auf die kyrillischen Buchstaben nicht wesentlich von unseren Fussgaengerzonen unterscheidet, zum Bahnhof.

Der groesste Leninkopf der Welt (hinten).

Wir hatten immer ein wenig Angst gehabt, dass der Kauf der Transsib-Karten von Irkutsk nach Moskau sehr aufwendig wuerde, doch das stellte sich als unbegruendet heraus. Nur eine Stunde spaeter stand unsere Weiterreise nach Europa schwarz auf weiss fest. Wir hielten drei unscheinbare mit Zahlen und kyrillischen Buchstaben verzierte Stuecke Papier in der Hand mit deren Hilfe wir bald in Moskau ankommen sollten.

Der Baikalsee (11. – 15.09.)

(S) Wir waren immer noch mitten in Asien, tausende Kilometer von zu Hause entfernt. Doch etwas hatte sich geandert: Wir besassen Tickets nach Europa! Ein komisches Gefuehl, der Heimat auf einmal mit dem Kauf von ein paar kleinen Papierscheinchen so nahe zu sein wie seit fast einem Jahr nicht mehr. Doch noch lag die Zugreise ueber eine Woche in der Zukunft …

Picknick.

Wir verliessen das laute, laermende Ulan Ude. Uebrigens steht hier der groesste Leninkopf der Welt und wacht mit einem leichten Silberblick ueber den Marktplatz. Hinter ihm kaempfen auf Werbeplakaten „Coca Cola“ und „Pepsi“ um die Gunst der Kunden und zu seinen Fuessen ueben Jugendliche sich auf Skateboard und Rollerblades. Wir bogen auf die Hauptstrasse ein, folgten den Schildern, verfuhren uns umgehend (weil es keine weiteren Schilder gab), fanden die etwas befahrene (aber leider einzige) Strasse wieder und strampelten. Noch etwas ueber hundert Kilometer trennten uns vom tiefsten See der Erde mit seinem eiskalten, blauen Wasser. Wir folgten dem Fluss Selenga, rechts und links umgaben uns herbstliche Waelder. Alles schimmerte gruen, rot und gelb, die Luft war frisch, eine nicht mehr so brennende Nachmittagssonne tauchte alles in goldenes Licht – deutlich merkte man, dass hier der Sommer nun endgueltig vorbei war.

Herbstliche Abendstimmung
am Waldrand.

Aus irgendwelchen Gruenden hatte ich mir Sibirien immer als grosse, nicht enden wollende Ebene vorgestellt. Keine Ahnung, warum ich mir nie die Frage gestellt habe: „Wieso liegt der tiefste See der Welt eigentlich mitten in einer Ebene und nicht eingeschlossen von Bergen?“. Auch als ich im Reisefuehrer von „Skigebieten“ gelesen habe, bin ich noch nicht stutzig geworden. Nun hatte ich, vor allem beim langsamen Bergauffahren viel Gelegenheit mein Bild von der Landschaft nocheinmal zu ueberdenken. Hier war es huegelig, teilweise bergig – passt natuerlich auch viel besser zu tiefen Seen und langen Skipisten :) .

Wir passierten kleine Doerfer: Es gab Holzhaeuser in den ausgefallensten Farben, Kirchen in unterschiedlichsten Groessen, ausserdem immer haeufiger Dorfbrunnen. Die Einwohner gruessten freundlich oder versuchten im Gespraech herauszufinden, woher wir denn kaemen und was wir hier tun. Immer wieder wiesen uns klaeffende Hunde darauf hin, dass sie hier das Sagen haben – zumindest solange wir unsere Verhandlungsposition nicht durch das Aufsammeln von Steinen verbesserten. Ein Blick auf das GPS verriet: Der See ist nicht mehr fern.

Durch kleine Doerfer.

Am spaeten Nachmittag lag er dann vor uns. Der riesige, sagenhafte Baikalsee – der erste Blick auf ihn war … eine Enttaeuschung. Das hiesige Ufer war sumpfig, das andere Ufer wirkte gar nicht so fern und wegen des zunehmend schlechten Wetters war das Wasser auch alles andere als blau. Schoener Mist! Das sollte nun also unsere letzte Station, der Begin der Rueckreise sein? Ich war etwas geknickt, bekam aber nicht viel Zeit darueber nachzudenken. Die Wolken wurden dunkler und dunkler, ein zuenftiges Gewitter kuendigte sich an. Wir fanden nach kurzer Suche einen hoelzernen Unterstand, neben dem wir unser Zelt aufschlugen. Der See war zwar nicht fern, aufgrund des sumpfigen Ufers aber unerreichbar. Dafuer erreichten uns die Muecken, die ziemlich ausgehungert daher kamen. Ein kleines, rauchiges Feuer rettete dann den Abend schliesslich doch noch, bevor wir spaeter mit Regengeprassel einschliefen.

Angekommen: der Baikalsee.

Am naechsten Morgen fluechteten wir schnellstmoeglich. Die kleinen, summenden Viecher standen naemlich zeitgleich mit uns auf und fingen an (uns) zu fruehstuecken … also rasante Flucht nach vorne und zurueck auf die Strasse. Bereits im naechsten Ort hatten wir sie abgehaengt. Auch der Sumpf war verschwunden. Wir erreichten einen Strand. Zwar hingen immer noch dunkle Wolken ueber uns und faerbten das Wasser grau-schwarz, aber wir konnten ein erstes Mal mit unseren Fuessen testen, wie kalt das Wasser war. Und tatsaechlich: Eiskalt! :)

Noch ein paar Regentropfen und dann kaempfte sich die Sonne ihren Weg frei. Es wurde immer waermer, unsere Kleiderschichten wanderten vom Koerper wieder in die Packtaschen und langsam stellte sich doch noch die Atmosphaere ein, welche ich mir hier erhofft hatte. Wir bogen ab, durchquerten ein kleines Fluesschen, folgten einem kleinen Waldweg, wichen ein paar trocknenden Pfuetzen aus und landeten am Ufer. Hier gab es eine kleine Wiese, dahinter einen steinigen Strand. Es war bereits eine Feuerstelle angelegt, ein paar grosse Baumstaemme luden zum Sitzen ein.

Wir gehen baden …

Keine surrenden Moskitos, nur rauschende Wellen, leise hoehrte man ab und zu einen Zug auf den nicht allzuweit entfernten Schienen dahindonnern, jedoch stoerte das kaum. Die Sonne strahlte inzwischen vom wolkenlosen Himmel und faerbte das Wasser tiefblau. Nun gab es auch fuer uns keine Ausrede mehr: Wir gingen baden. Unter lautem Kriegsgeschrei, beziehungsweise verzweifelten „Oh nein, oh nein, oh nein“ – Rufen, stellten wir uns den Fluten. Wir hielten es eine knappe Minute im Wasser aus, bevor wir wieder ans sonnenbeheizte Ufer fluechteten … brrhhhh DAS war kalt. Am Feuer waermten wir uns auf, stiessen mit Kaffee, Tee und Bier aus (2.5-Liter) grossen Plastikflaschen auf das nun erreichte Ziel unser Reise an. Hier stimmte alles, die gestrige Enttaeuschung war vergessen.

Auch am naechsten Tag konnten wir uns nicht losreissen. Es war zu schoen hier und Irkutsk war nicht soweit entfernt, dass wir unter Zeitdruck gestanden haetten. Wir vertrieben uns den Tag mit Lesen oder Kartenspielen, manchmal trainierten wir unsere armseligen Zielwurfkuenste, indem wir kleine Steine auf etwas groessere warfen. Wir sammelten Holz fuers Feuer und vertilgten die ein oder andere Mahlzeit.

Unser Pausenplatz.

Auf nach Irkutsk (15. – 19.09.)

Dann hiess es Abschied nehmen, auf nach Irkutsk: Wir folgten weiter der Kuestenlinie und beim Blick nach links auf die Berge gab es eine Ueberraschung. Die Theorie des platten Sibiriens hatten wir ja schon lange verworfen und uns an den Anblick der Huegel und Berge gewoehnt, doch jetzt bekam das ganze aber eine neue Qualitaet: Die Gipfel waren weiss, schneebedeckt. Nett anzuschauen, allerdings wurden wir nun daran erinnert, dass nicht nur der Sommer vorbei war, sondern auch der Winter vor der Tuer stand. Mit leichtem Froesteln dachten wir an die kommenden Monate an der Ostsee, aber vielleicht kann sich dort der Herbst ja doch noch ein Weilchen gegen die kommende Kaelte behaupten.

An der Suedwestspitze fuehrte unser Weg nach Norden, in langen Serpentinen ging es aufwaerts. Der Baikalsee verbschiedete uns so, wie er uns begruesst hatte: Mit Nebel und Regen. Wir warfen einen letzten Blick zurueck und begannen unsere Heimfahrt. Durch dichten Wald ging es auf und ab und auf und ab.

Wieder in Nepal?
Nein, immer noch am Baikal.

Je naeher wir Irkutsk kamen, umso mehr Autos brausten an uns vorbei. Immer noch nicht zu viele, aber wir sind in dieser Beziehung von der Mongolei ja recht verwoehnt. Ueberraschenderweise trugen die meisten der Autos lediglich ein Transitkennzeichen. Als wir auf einem Rastplatz einen der Fahrer interviewten, lueftete er das Geheimnis: Die Autos kommen aus Japan oder Korea und werden nach der Ankunft in Vladiwostok einmal durch ganz Russland bis nach Moskau gefahren. Die etliche tausend Kilometer lange Fahrt dauert acht Tage und scheinbar ist der Transport auf diese Weise guenstiger als per Bahn. Komische Vorstellung, dass hunderte oder mehr Menschen davon leben, unablaessig Autos durch einen ganzen Kontinent zu fahren …

Sonnenuntergang.

Einen Tag bevor wir Irkutsk erreichten, geschah es: Bisher blieben wir von Zusammenstoessen mit den tierischen Waldbewohnern verschont, nun aber kam es zu einem blutigen Zwischenfall. Alles fing ganz harmlos an. Nachts raschelte es im Vorzelt, vielleicht eine Maus, eine Ratte, ein Igel? Wir versuchten das Ganze zu ignorieren, jedoch wurde es lauter und lauter. Genervt pellten wir uns aus unseren Schlafsaecken und schauten ins Vorzelt: Tatsaechlich eine Maus und diese hatte unsere Vorraete gefunden. Na toll! Immerhin gelang es uns, sie in einer leeren Tasche, in die sie sich panisch verirrt hatte, zu fangen – und wir setzten sie ein paar Meter weiter wieder auf freien Fuss. Unser Essen holten wir sicherheitshalber ins Zelt. Wir schliefen wieder ein, bis es erneut raschelte: diesmal im Zelt. Die daemliche Maus hatte sich durch das Innenzelt hereingefressen und machte sich nun erneut an unseren Vorraeten zu schaffen. Ein zweites Mal gingen wir auf Maeusejagd, diesmal mit einem Kochtopf. Etwas unbeholfen stolperten wir herum, bis sich der Kochtopf gandenlos ueber die Maus senkte. Geschafft!

(Trink-)Wasserpumpe.

Fast! Nur noch den Deckel drauf setzen. Auch das war eine Sache von weniger als einer Sekunde, diese jedoch war tragisch. Beim Drehen und Raufschieben des Deckels verklemmte sich der Schwanz und *ratsch* war die Maus entstellt. Zuerst merkten wir ja gar nichts, erst als wir am naechsten Morgen einen verwaisten Maeuseschwanz im Zelt fanden und beim Freilassen unser Geisel – wir hatten sie ueber Nacht im Topf gelassen um Ruhe zu haben – Blut im Kochtopf entdeckten, stellte es sich heraus: Judith hatte mit gnadenloser Grausamkeit der Maus ihren Schwanz genommen.

Grinsend witzelten wir noch die folgenden Wochen bei jeder Gelegenheit ueber die Kaltbluetigkeit dieser Tat. Auf jeden Fall soll das all den kleinen Maeusen, die vielleicht einen habgierigen Blick auf unsere Kekse werfen, eine Warnung sein …

Zum Abschied: Regen und Fisch.

Ohne weitere Zwischenfaelle erreichten wir Irkutsk. Am Ortseingang riss ein Bowdenzug und fuehrte zu einer kurzen Verzoegerung. Unsere Raeder werden nun langsam anfaelliger: In den letzten zwei Monaten hatten wir neben dem gerissenen Schaltzug, noch eine gebrochene Schraube am Gepaecktraeger, eine gebrochene Metallstange am Sattel, einen kaputten Lowrider (das sind die lustigen Dinger an denen unsere Vorderradtaschen haengen), zwei Speichenbrueche, eine verschlissene Hinterradnabe und einen sich fast aufloesenden Vorderradmantel zu beklagen. Nicht nur wir, auch unsere Raeder werden offensichtlich aelter und freuen sich auf zu Hause :) .

Was die Unterkunft in Irkutsk angeht, waehlten wir diesmal den schnellen, dafuer etwas teureren Weg: Wir steuerten gezielt ein Hostel an, welches in unserem Reisefuehrer empfohlen wurde. Es war eine gemuetliche 3-Raum-Wohnung, die mittels vieler Doppelstockbetten in eine kleine Herberge fuer bis zu 15 Pesonen umgewandelt worden war. Witzigerweise waren wir nicht die einzigen Radfahrer hier, auch Jessica und Carsten waren hier abgestiegen.

Ueberall: Datschen und Gemuesegaerten.

Die beiden sind seit neun Monaten in Neuseeland, Thailand, Laos, China und der Mongolei unterwegs, wie wir auf dem Rueckweg und werden auch dieses Jahr noch im „heimischen Sachsenland“ eintrudeln.

Wir spannten den folgenden Tag aus und stellten uns auf die vor uns liegenden drei Tage im Zug ein. Wir kauften riesige Mengen Brot, Butter, Honig, Kaese, Wurst, Instantnudeln, Bier und Wasser, dazu Schokolade und ein bisschen anderen Naschkram fuer zwischendurch. Am 19. September standen wir nachmittags am Bahnhof und warteten auf unseren Zug, der uns zurueck nach Europa befoerdern sollte. Ein wenig nervoes beobachteten wir die Anzeigetafel, die irgendwann unser Gleis anzeigen sollte. Leider ist es ueblich, dies erst kurz vor der Ankunft des Zuges bekannt zu geben, so dass wir keine Gelegenheit hatten unsere schweren Metallroesser, mit denen wir uns das Abteil teilen wollten, schon mal auf das richtige Gleis zu befoerdern. Zunaechst zeigte die Tafel noch eine kleine Verspaetung an, schliesslich wies sie uns aber auch den Weg zum richtigen Bahnsteig.

Abends im Hostel mit Jessica und Carsten.

Durch die Unterfuehrung und zum Zug, Taschen abladen, Raeder herausnehmen und alles in den Wagon laden. Zunaechst hatten wir den kompletten Gang zugestellt, dann verstauten wir alles nach und nach im Abteil. Erst die Rahmen, fuer die hatten wir ein extra Bett hinzugekauft, dann die Taschen, Flaschen und Tueten. Irgendwann war der Gang leer, das Abteil voll und wir schweissgebadet. Der Zug ruckte an, wir begannen uns haeuslich einzurichten und warfen einen Blick aus dem Fenster. In den naechsten Tagen sollte dort Sibirien an uns vorbeiziehen …

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