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| Ein Blick zurueck. |
Drei Tage in der „Transsib“ (19. – 22.09.)
(S) Kein Pfiff, nur ein lautes Klappen der Tueren ertoente, dann ein Ruck und der Zug fuhr an. Unser Abteil war winzig, aber nicht zu klein. Rechts zwei Betten, links ebenso zwei. Judith und Hannes belegten die unteren, Yasmine, Louis, Kruemel und ich teilten uns die oberen Betten. Wir hatten die Vorder- und Hinterraeder demontiert und die Rahmen mit Spanngurten auf das vierte Bett gebunden. Alles schoen festgekeilt – nur manchmal, wenn sich die Gurte ein paar Millimeter gelockert hatten und das taten sie am liebsten nachts, knarrte die ganze Konstruktion ein wenig nervig. Unsere 19 (!) kleinen und grossen Taschen fanden unter den Liegen bzw. im Mittelgang Platz. Die Laufraeder verstauten wir gepolstert im Fach ueber dem Gang …
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| Unser Abteil von innen … . |
Wir waren im einzigen russischen Wagon im ganzen Zug. Dieser wurde in Nauschkin (der erste russische Ort hinter der mongolischen Grenze) angehanegt, alle anderen hatten schon eine lange Reise aus Peking hinter sich. Auf dem Gang herrschte vorerst noch Ruhe, alle Passagiere (vorrangig Maenner) richteten sich gerade ein und begruesten ihre Nachbarn fuer die naechsten Tage. Am Ende des Ganges stand ein Samowar, welcher mit Kohle angefeuert wurde und staendig heisses Wasser fuer Kaffee, Tee und Instantnudeln bereitstellte. An beiden Enden unseres Wagens gab es eine kleine Toilette (, die aber etwas groesser als in gewoehnlichen Zuegen). Zudem war in der Mitte der Kabine auch ein Abfluss im Boden. Somit war diese nicht nur Toilette, sondern auch Waschraum. Mit einer Tasse bewaffnet (mit deren Hilfe wir uns immer wieder mit Wasser ueberschuetteten, so wie wir es in Indien gelernt hatten) konnte man dort sogar „duschen“.
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| … und von aussen. |
Wir machten einen ersten Rundgang: Wir warfen einen Blick in die anderen Abteile, einen nach hinten aus dem Fenster (schliesslich bildeten wir das Schlusslicht des Zuges), besichtigten das Zugrestaurant (wo wir tatsaechlich in 3 Tagen keine Zeit fanden dort mal einen Kaffee zu trinken) und kaempften uns in die chinesischen Wagen vor. Ein Unterscheid, wie Tag und Nacht. Bei uns gab es Teppiche und Gardinen, welche den Gang mit Hilfe des einfallenden Sonnenlichtes in ein warmes Gelb tauchten. Dort war der Boden weiss, die Waende weiss, die Tueren mintgruen. Es war steril und erinnerte an ein Krankenhaus, nur der mit Kohle befeuerte Samowar verstroemte einen leichten Rauchgeruch und wirkte etwas deplaziert. Der „Wagenbevollmaechtigte“ (keine Ahnung, wie sein offizieller Titel lautete) trug eine saubere, akkurate Uniform, beaeugte uns misstraurisch und warf uns ein paar chinesische Wortfetzen zu. Bei uns hatte eine etwa 40 – 50 Jahre alte Frau den gleichen Job. Sie trug je nach Tageszeit: eine blaue Uniform, einen rosa Kittel oder grauen Mantel. Typisch russisch stark geschminkt, hatte sie die blondierten Haare als eine Arte Turban nach oben gebunden. Sie laechelte viel und sprach sogar deutsch ….
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| Ruhiger Gang. |
Ihre Aufgabe war es, den Samowar am Laufen zu halten, ein paar mal am Tag Flur und Zimmer zu saugen, fuer Ordnung zu sorgen, an den Bahnsteigen zusteigende Gaeste zu kontrollieren – kurz das Leben an Bord zu regeln.
Unser Leben an Bord sah folgendermassen aus: Essen, Kartenspielen, Lesen, Essen, Wuerfeln, Essen, Schlafen … an den Bahnhoefen sprinteten wir haeufig nach draussen um frische Luft zu schnappen, uns die Beine zu vertreten, Brot und Bier oder was sonst noch benoetigt wurde nachzukaufen. Immer wieder hofften wir auf die Grillhaehnchen am Bahnsteig, welche unser Reisefuehrer so grossspurig angekuendigt hatte – allerdings wurden wir immer enttaeuscht. Judith war nicht ganz so begierig, wie Hannes und ich die Bahnsteige und Bahnhofsvorplaetze zu erkunden, nur ein einziges Mal legte sie ihren Schlafanzug ab um mit uns an die frische Luft zu kommen.
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| Ankunft in Moskau. |
Wir erhaschten einen Blick auf Staedte wie Krasnoyarsk, Novosibirsk, Omsk und Tjumen, bevor wir kurz nach Yekaterinenburg den Ural ueberquerten. Nun waren wir wieder in Europa. Dieser Kontinentwechsel wurde weder durch ein Schild, einen Halt oder wenigsten grosse Berge und Paesse gewuerdigt – nur auf dem GPS konnten wir sehen, dass wir nun wieder auf dem heimatlichen Erdteil waren. Fast genau vor einem Jahr hatten wir diesen am Bosporus verlassen. Nun kehrten wir mit vielen Eindruecken, Erfahrungen und auch Vorfreude auf zu Hause zurueck …
Kein Pfiff, nur ein Rucken, der Gang war voll mit Taschen und Passagieren, ein Blick aus dem Fenster verriet: Moskau. Wir begannen all unsere Sachen auf dem Bahnsteig zu stapeln. Wir waren wegen der Menge an Gepaeck die letzten, die den Waggon verliessen. Noch ein Mal winkte unsere Fahrtbetreuerin uns zu, bevor der Zug sich langsam vom Gleis schob. Bald wuerde dieser wieder nach Asien zurueckrollen und anderen Menschen um die halbe Welt tragen. Wir kuemmerten uns nun um unsere Raeder und machten uns auf in die russische Hauptstadt.
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| Unser Nachtquartier. |
Moskau (22. – 25.09.)
(H) Nach einer Fahrt ueber 5000 km und durch fuenf Zeitzonen kamen wir am Nachmittag des 22. Septembers auf einem der vielen Moskauer Bahnhoefe an. (Dort gibt es naemlich fuer jede grosse Ausfahrtrichtung einen.) Praktischerweise war der Bahnhof, der fuer die Zuege nach St. Petersburg zustaendig ist, gleich nebenan. So konnten wir uns schon mal versuchen einige Informationen bezueglich unser Weiterreise – insbesondere dem Fahrradtransport – zu bekommen.
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| Zwiebeltuerme im Kreml. |
Tatsaechlich fanden wir die Gepaeckstation, doch leider waren unsere Russischkenntnisse zu begrenzt, um schon jetzt etwas Verbindliches etwas heraus zu bekommen. So hofften wir, dass eventuell unsere russischen Gastgeber uns da weiter helfen koennten.
Diesmal hatten wir wieder eine Unterkunft mittels couchsurfing gefunden. Wir waren gespannt, was uns erwartete, denn bis jetzt wussten wir nur, dass es sich um eine Art Schwesternschaft orthodoxer Christinnen handele. Wir wuerden im Schlafsaal uebernachten koennen und vielleicht etwas von der Lebensweise der Schwestern erfahren. Wir fanden den Weg in den Festivalnypark, in dem sich die Schwesterngemeinde befand, recht leicht. Wir wurden von einer jungen Frau Willkommen geheissen, die zuvor einge Jahre in den Niederlanden Musik studiert und sich nun fuer ein Leben in dieser Gemeinschaft entschieden hatte. So ganz schlau wurden wir zugegebenermassen nicht um was es sich hier nun eigentlich fuer eine Einrichtung handelte. Ein Kloster jedenfalls war es nach eigenen Angaben jedenfalls nicht. Die Gemeinschaft besitzt fuenf Standorte (u.a. die Kirche in dem Park, wo wir uebernachteten) und finanziert sich hauptsaechlich ueber eine Druckerei und kleinen Verlag, sowie einen Bauernhof samt Imkerei.
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| Auf dem Kunsthandwerksmarkt. |
Zur Zeit hat sie vom Moskauer Patriarchat den Auftrag bekommen, eine Kirche zu bauen, der mit Begeisterung ausgefuehrt wird. Das Gelaende, in dem wir uns aufhielten, bestand aus einer Kirche, den kleinen Verlagsgebaeuden und dem Wohnhaus der Schwestern. In diesem durfte Judith uebernachten, waehrend Sven und ich in ein Gaestezimmer in einem Seitenfluegel der Kirche einquartiert wurden. Wir bekamen nach unserer Ankunf noch ein kleines Abendbrot und fielen nach einem Abendspaziergang aber schon ins Bett, denn der Tag war lang geworden.
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| Der rote Platz mit Leninmausoleum (links). |
Die naechsten Tage erkundeten wir Moskau: eine grosse Tour durch den Kreml, mit all seinen Kirchen, ueber den roten Platz samt Leninmausoleum und der beruehmten Besileuskathedrale, deren verrueckte Farbenpracht in keinem Moskaubildband fehlt. Sven und ich entdeckten oefter mal etwas Bekanntes, denn wir waren vor sechs Jahren schon einmal hier gewesen. Die Kirchen des Kremls glaenzten zwar schoen mit ihren goldenen Kuppeln, doch war das Innere sehr ueberlaufen und jegliche besinnliche Atmosphaere dahin. (War aber auch nicht so ueberlaufen wie die Dresdener Frauenkirche, die wir vor ueber einem Jahr besucht hatten.) Die Basileuskathedrale beeindruckte mich um so mehr. Mal abgesehen vom faszinierenden Ausseren mit all der Farbenvielfalt, den unglaubliche vielen Eckchen und Kanten, so ist auch das Innere sehr interressant. Es gibt kein eigentliches, zentrales Kirchenschiff, wie man es gewohnt ist, sondern unter jedem der groesseren Tuerme verbirgt sich ein eigener Raum. Dies war das erste Mal, dass ich mich in einer Kirche verlaufen hatte
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| Tuermchen der Basileuskathedrale. |
Anschliessend streiften wir durch die umliegende Innenstadt. Mir fiel auf, wie viele teuer wirkende Modegeschaefte sich aneinander reihten. Zudem schien die durchschnittliche Schuhabsatzhoehe der Moskauerinnen fast ueber meinem Knie zu liegen. Aber auch ohne Stelzen unter den Sohlen waren wir nicht mehr die Riesen, die wir die Monate in Asien gewesen waren.
Wir bewegten uns wieder unter Europaeern und hoben uns nur noch durch unsere verschlissene Kleidung und relativ ungepflegten Maehnen von unseren Mitmenschen ab. Manchmal wurden wir auch ausgelacht, weil wir so abgerissen aussahen.
Die Abende verbrachten wir kartenspielend oder in einer Kneipe. Einmal gingen wir sogar ins Kino, was wir schon ewig nicht mehr getan hatten. Ansonsten strolchten wir durch die Strassen und hatten es vor allem auf alte Kirchen abgesehen, von denen Moskau unglaublich viele aufzuweisen hat. Am besten gefielen mir die, die noch in Benutzung waren.
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| Sightseeing mach muede |
Anders als bei uns ist es dort niemals leer. Staendig kommen Leute um vor den Ikonen und Heiligenbildern zu beten und um einige Kerzen zu entzuenden. Ein weiter Unterschied ist der kleine Laden, der sich in jeder Kirche befindet. Dort bekommt man scheinbar alles, was man fuers religioese Leben braucht: kleine Kerzen, Ketten mit Kreuzen, Heiligensammelbildchen und vieles mehr. Existenssorgen oder Geldnoete scheint es hier ob der steigenden Anzahl der spendenbereiten Mitglieder nicht zu geben. Wir sahen viele neue prunkvolle Kirchen im Bau und alte in der Restauration.
Einen Vormittag nahmen wir uns Zeit, um ein wenig in unserem zeitweiligen zu Hause zu helfen. Dabei machte Judith leider das schlechtere Geschaeft. Ganz traditionell wurde sie naemlich zum Abwaschen verdonnert. Da auf dem Gelaende neben den Schwestern auch alle weiteren Angestellten versorgt werden, bedeutet dies immerwaehrendes Spuelen. Sven und ich hingegen durften Honig abfuellen, was eigentlich recht unterhaltsam war.
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| Honigabfuellungsmanufaktur. |
Wir erlebten aber auch, wie leicht es zu Missverstaendnissen kommen kann, wenn man in verschiedenen Umfeldern lebt. So wollte ich eines Abends bei uns zu Hause nach einem Telefon fragen. Ich lief suchend etwas hin und her und fragte nach Schwester Galina, denn diese konnte Englisch. Dann wartete ich und lehnte mich an einen Tuerrahmen, denn ich war hundemuede. Zusammen mit meinen etwas geroeteten Augen (wegen der Muedigkeit) dachte ein junger Priesteranwaerter, dass ich wohl betrunken sei, was hier selbstredend strengstens untersagt ist. Da immer noch kein Dolmetscher aufzutreiben war, wurde ich kurzerhand ins Bett geschickt und gebeten am folgenden Morgen abzureisen. Zuerst konnte ich gar nicht glauben, was hier passierte. Ich fuehlte mich angegriffen und tief beleidigt, doch mir waren die Haende gebunden. Erst am naechsten Morgen konnte ich per Dolmetscher die Situation erklaeren. So schieden wir doch im Guten von unseren Gastgebern, als wir uns in der Nacht vom 25. zum 26.9. auf den Weg zum Bahnhof machten.
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| Eingetuetetes Rad, bereit zum Transport. |
Die Raeder hatten wir schon einen Tag vorher ohne Probleme aufgeben koennen. Eine Bekannte von couchsurfing hatte in der Gepaeckabteilung angerufen und sich nach den Details erkundigt, so dass alle Unklarheiten beseitigt worden waren. Diesmal fuhren wir „platskart„, d.h. nicht mehr in einem geschlossenen Vierer- wie auf der Fahrt nach Moskau, sondern in einem Grossraumabteil. Ist zwar nicht so heimelig, dafuer aber billiger und fuer eine Nacht vollkommen ausreichend. Einige Stunden verbrachten wir noch wartend am Bahnhof, denn der Zug fuhr erst zwei Uhr am Morgen. Doch schliesslich lief auch er vom Gleis und wir schon halb schlafend mit ihm.
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