In den baltischen Staaten (11.10. – 22.10.)

Tallinns Stadtmauer.

Tallinn (11. – 14.10.)

(H) Nach zwei Stunden auf der Faehre von Helsinki erreichten wir das estnische Ufer. Obwohl die Fahrt nur ueber eine kleine Bucht der Ostsee fuhr, schaukelte das riesige Schiff maechtig und leichte Uebelkeit schlich sich heran. So waren wir froh, als wir am fruehen Abend des 11. Oktobers ohne Probleme mit unseren Raedern aus dem Faehrterminal rollten. Wir hatten uns mit Hedi, unserer estnischen Gastgeberin, an einem Einkaufszentrum in der Naehe verabredet. Tatsaechlich fanden wir dieses leicht und nach ein paar Minuten Warten tauchte auch Hedi auf. Aufgeregt winkte sie mit den Haenden und hiess uns Willkommen. Sie staunte nicht schlecht ueber unsere bepackten Raeder. Da sie nicht direkt in Tallinn wohnte, sondern in Raasiku, einem kleinen Ort 30 Kilometer oestlich der Hauptstadt, beschrieb sie uns mit Hilfe einiger schnell gezeichneter Skizzen den Weg aus der Stadt und zu sich nach Hause.

Ein kraeftiger Wind bliess in oestliche Richtung, wir hatten Rueckenwind. So rollten wir unbeschwert und zuegig ueber die abendlichen Landstrassen. Trotzdem kamen wir erst in tiefer Dunkelheit an: Ein einzelnes, grosses Haus, umgeben von ein paar Baeumen und neben einer kleinen, etwas baufaelligen Scheune. Zusammen mit Hedi kochten wir am ersten Abend ein superleckeres Pastagericht, wir hatten zuvor in Tallinn zusammen dafuer eingekauft.

Tallinns Altstadt.

Unsere Gastgeberin war ein wahres Energiebuendel. Sie ist Mitte 40 und lebt allein in dem grossen Haus, da ihre erwachsenen Soehne mittlerweile nach Tallin um- und ausgezogen sind. Um Gesellschaft ist sie allerdings nicht verlegen, da sie staendig Couchsurfer zu Gast hat ueber die sie auch einiges an Geschichten zu erzaehlen hatte und, wie viele Gaeste vor ihr, kamen auch wir am naechsten Tag in den Genuss der „Hedi-Tour“:

Sie fuehrte uns durch die mehr als sehenswerte Altstadt. Enge Gassen schlaengelten sich am Fusse des Domhuegels. Kopfsteinpflaster, gemuetliche Cafes und leckere Pfannkuchen mit pikanter Fuellung luden zum Geniessen ein. Von dem Stadthuegel selbst gibt es einige sehr schoene Ausblicke auf die Stadt. Hedi erzaehlte uns dazu Interessantes ueber die estnische Geschichte. Die Unabhaengigkeit und Befreiung aus der Sowjetherrschaft, so Hedi, bedeutet ihr und vielen Esten sehr viel. Noch heute gebe es Probleme mit der russischen Minderheit in Estland und Hedi wurde manchmal regelrecht wuetend, wenn sie von Leuten berichtete, die sich hier immer noch wie Herren aufspielten, aber nicht einmal die Landessprache beherrschten. Doch das tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Den Abend liessen wir mit einem Saunabesuch ausklingen, denn im Haus unserer Gastgeberin gab es eine richtige Holzofensauna. Immer wieder mussten einige grosse Scheite nachgeschoben werden.

Coole Huete.

Auch den naechsten Tag verbrachten wir mit einem gemuetlichem Hin- und Herschlendern, mit Souveniersbesorgen und entspannten Kaffeepausen. Die einzige grosse Frage aber, die uns beschaeftigte, war die Weiterreise. Judiths Knie war immer noch angeschlagen und so kamen wir auf jeden Fall ueberein, dass sie mit dem Bus nach Riga vorausfahren sollte. Sven und ich wuerden mit dem Rad nachkommen. Wir hofften anfangs, dass sich das Knie bessern wuerde. Doch nach langem Ueberlegen kamen wir darin ueberein, dass eine Weiterreise wohl keinen Zweck mehr haette. Alles deutete auf eine Sehnenreizung hin und die wuerde nicht in fuenf Tagen auskuriert sein und so beschlossen wir die Reise ein wenig abzukuerzen. Von Riga aus wuerden wir die Faehre nach Deutschland nehmen und so vier Wochen frueher als geplant zu Hause ankommen. Ist ja auch nicht schlecht :-) . Um Judiths Fahrrad nach Riga zu schaffen, mussten wir noch ein wenig durch die Gegend rennen. Merkwuerdigerweise gibt es keine direkte Zugverbindung von Tallinn zur Lettischen Hauptstadt und auch in den ueblichen Reisebussen findet sich kein Platz fuer ein Fahrrad. Letztendlich fanden wir eine Cargobusgesellschaft, die Kruemel transportieren wuerde. Noch ein letztes Mal verpackten wir ein Rad in Packfolie und gaben es auf. Judith folgte am 14. Oktober. An diesem Morgen nahm Hedi sie mit in die Stadt zum Busbahnhof.

Unterwegs auf kleinen Strassen.

Sven und ich bepackten unsere Raeder und sagten Judith fuer die naechsten fuenf Tage Lebewohl.

Getrennter Wege nach Lettland (15. – 19.10.)

(S) Draussen war es noch dunkel, aber die Sonne begann die Wolken zu vertreiben. „Ready? Ready to go? We will leave in 15 Minutes“, hallte es von unten. Hedi war auf dem Weg in die Stadt und das bedeutete auch: Judith wuerde nun – das erste Mal auf der Tour – ohne uns weiterreisen.

Komisches Gefuehl, sie winkend davonfahren zu sehen, aber auf der anderen Seite auch nur halb so schlimm: In fuenf Tagen wuerden wir sie schliesslich in der Hauptstadt des Nachbarlandes wiedersehen. Als Hannes und ich das Haus fuer uns hatten, assen wir noch ein paar weitere Kaesebrote und bepackten dann so langsam unsere Drahtesel. Inzwischen war es hell, die Sonne hatte die Wolken vertrieben und wir machten uns auf dem Weg. Estland ueberraschte uns im Folgenden mit erstaunlich guten Strassen. Wir fuhren auf kleinen Wegen nach Sueden, verliessen oefter den Asphalt, aber auch auf Schotter liess es sich hier gut vorwaerts kommen.

Frisch gewaschen.

Kaum Verkehr, herbstliche Waelder, gruene Wiesen und Weiden. Hier stehen die Kuehe und Pferde wieder hinter Zaeunen, ein elektrischer Draht schuetzt sie vor uns und uns vor ihnen. Wir hielten trotzdem und neugierig kamen die Pferde naeher. Wir streichelten ihre Koepfe und erzaehlten ihnen von ihren kleinwuechsigen Verwandten, die frei in der mongolischen Steppe umherliefen. Sie schienen gespannt zu lauschen, aber wahrscheinlich verstanden sie kein Wort. Als wir dann wieder auf unsere Raeder stiegen, galoppierten sie erschreckt davon … .

Schon kurze Zeit spaeter rollten wir unsere gruene Plane aus und machten Mittag: Wieder einmal gab es Kaesebrote mit Marmelade. Eigentlich hatten wir vorgehabt – da wir starken Maenner ja nun alleine unterwegs waren - alle bereits dagewesenen Rekorde zu brechen und (mindestens) hunderte Kilometer pro Tag zurueckzulegen. Aber irgendwie wurde daraus nichts. Statt dessen rollten wir langsam vorwaerts, ohne Eile, dachten voller gemischter Gefuehle oft an zu Hause (das ja gar nicht mehr fern war), redeten viel ueber die letzten Monate, die Erlebnisse und Erfahrungen. Es ist ein komisches Gefuehl, wenn man sich in dieser baltischen Landschaft umschaut. Alles ist irgendwie schon wieder heimatlich:

Stuermische (Ost)See.

Es gibt Asphalt auf den Strassen, gemaehten Rasen vor den Haeusern, die Einwohner unterscheiden sich von uns nur durch ihre kuerzeren Baerte und gepflegteren Sachen. Fliessend Wasser ist wieder Standard und das Leitungswasser ist sogar unbehandelt trinkbar. Klopapier ist kein optionales Extra wie in so vielen Laendern, die un hinter uns liegen, und tausend Sachen mehr sind nun wieder so, wie wir es kennen.

Immer wieder erinnern wir uns besonders auch zurueck an das exotische Indien, voellig uberbevoelkert, nervenaufreibend, aber auch bunt und irgendwie faszinierend. In Gedanken fliegt der graue Iran mit seinen schwarz, weiss gekleideten, eingesperrten Menschen vorbei. Eine Welt und Kultur, die unser so fern liegt. Wir reisen zurueck nach Ezerum in die Tuerkei und wieder und wieder denken wir schmunzelnd an die Diskussionen ueber Evolution, Gott und die angebliche Weltverschwoerung tausender Juden. Dann tauchen die majestaetischen Berge in Nepal, die aufreibenden Hotelsuchen in China, die ueberschminkten Frauen in Moskau in der Erinnerung auf.  Je mehr wir ueber die Reise reden, je mehr Geschichten aus unserem Gedaechtnis gekramt werden, umso mehr merken wir auch, dass es nun Zeit ist, nach Hause zu fahren. Irgendwie sind wir bis zum Ueberlaufen voll von bunten Erfahrungen und Eindruecken!

Grenzuebergang nach Lettland.

In den folgenden Tagen zeigte uns der Herbst, dass er mehr zu bieten hatte als bunte Waelder. Wir bekamen: Wind, staerkeren Wind und noch staerkeren Wind – natuerlich waren wir nun auf dem Weg nach (Sued-) Westen - unguenstig in einer Westwindzone. Aber das war noch nicht alles. Herbst hiess auch: Nieselregen, staerkerer Nieselregen und noch staerkerer Nieselregen. Doch dieser wurde manchmal unterbrochen von zuenftigen Schauern, dazu tiefhaengende Wolken und Nebel … auf einmal verwandelten sich die bunten Waelder in ziemlich graue. Sie verschwanden im Dunst. Abwechselnd wurden wir durchnaesst und wieder trockengepustet. Mal schaute die Sonne kurz nach dem Rechten, verzog sich dann aber schnell wieder. Auf einmal empfanden wir es auch nur noch als halb so schlimm, dass wir von Riga aus das Schiff nach Hause nehmen wuerden. (Erst spaeter fiel uns auf, dass wir den Herbststuermen auch dort noch ausgesetzt sein wuerden …)

Nichts destotrotz hat es Spass gemacht: An der Ostsee angekommen stellten wir uns provokant in den Wind, suchten uns dann hinter kleinen Bueschen ein wenig Schutz und entkorkten diverse Biere. Wenn es allzu kalt wurde, fluechteten wir in unser (nun unglaublich geraeumiges) Zelt und beendeten dort die Abende lesend.

Hier ist jung und alt unterwegs :) .

Morgens krochen wir aus unseren klammen Schlafsaecken und verpackten grimmig unser nasses Zelt erneut. Auch wenn wir ab und zu nochmal einen Rekordversuch in Erwaegung zogen, kamen wir doch recht langsam voran. Manchmal waermten wir uns bei Soljanka und Kaffee oder heisser Schokolade in kleinen Restaurants am Strassenrand auf und dann war es soweit: Wir kamen an unsere letzte Grenze, die wir per Rad ueberschreiten wuerden. Auf Wiedersehen Estland, willkommen Lettland.

Auch hier in Lettland bemerkten wir, dass Europas Laender stark zusammenwachsen. Waere nicht auf dem GPS eine Grenze zu sehen gewesen, wir waeren wahrscheinlich einfach so drueber gerollt. Nur, wenn man genauer hinschaute, sah man zwei Fahnen im Winde wehen. Etwas weiter entfernt stand ein zerfallener Wachturm. Wir machten schulterzuckend ein Foto und fuhren nun auf lettischem Staatsgebiet weiter Richtung Riga.

In einem Reisefuehrer hiess es: „Im Jahr ziehen ueber Lettland 120 – 140 Tiefdruckgebiete, dies hat ein sehr feuchtes Klima zur Folge …“. Nun, das koennen wir empirisch bestaetigen :-) . Allerdings hatte der Wettergott mit uns zum Schluss doch noch ein Erbarmen und fuer den allerletzten Zeltabend dieser Tour schickte er noch einmal die Sonne vorbei. Wir waren nur 50 Kilometer vor Riga in einem kleinen Nadelwald direkt am Ostseestrand.

Unser letzter Zeltplatz.

Wir setzten uns in die Abendsonne, die allerdings wegen dem starken Wind nicht sonderlich waermte. Stuermisch peitschte dieser ueber das blaue Meer und Schaum bildete sich auf den Wellen. Ich dachte an Judith und freute mich darauf sie morgen wieder zu sehen. Auf unserem Handy blinkte eine SMS und verkuendete, dass es ihr genauso erging. Natuerlich gab es in der letzten Nacht wieder Regen, morgens war das Zelt klatschnass. Machte ja nix: In Riga wartete eine riesige Wohnung auf uns, wo wir sicherlich auch Platz fuer ein Zelt finden wuerden … zumindest hatte Evren das versprochen.

Alleine mit dem Bus nach Riga (15. – 19.10.)

(J) Zum ersten Mal auf dieser Reise war ich nun fuer einige Tage alleine unterwegs. Das liess sich leider nicht vermeiden, nachdem mein Knie die hartnaeckige Entscheidung getroffen hatte, eine Phobie gegen meinen bepackten Kruemel (mein Fahrrad) zu entwickeln. Es zog und gnubbelte protestierend bei jedem Tritt. So gaben wir mein Rad mit einem Cargobus nach Riga auf und riefen Evren, unseren Gastgeber in Riga an, der mich gerne auch schon eine Woche frueher bei sich aufnahm.

Unser Riga Heim

von aussen.

Am Mittwoch morgen winkte ich den beiden Jungs aus Hedis Autofenster zum Abschied. Hedi fuhr mich netterweise zum Busbahnhof nach Tallin.

Als ich dem Busfahrer meine fuenf Radtaschen zum Verstauen in die Hand drueckte, zog er verwundert die Augenbrauen hoch. Dann aber lud er die ungewoehnlichen Reisegepaeckstuecke ohne weiteren Kommentar in den geraeumigen Kofferraum. Ich stieg ein, suchte meinen Fensterpatz und die folgende Fahrt verlief vollkommen ereignislos. Nicht einmal die Grenzueberquerung nach Lettland bekam ich mit und vier Stunden nach unserem Aufbruch in Estland hielt ich bereits am Busbahnhof in Riga.

Nun begann der spanendere Teil meiner Reise, denn wo und wie wuerde ich mein Fahrrad zurueck bekommen, das per Cargobuss nach Riga gefahren worden war? Dazu war es unmoeglich, die fuenf Taschen mehr als einige hundert Meter zu schleppen. Doch ich kam erst gar nicht in die Verlegenheit, den Weg zu Fuss zu suchen, denn bereits mein Busfahrer, hatte eine bessere Idee: Durch einen grossen Zufall stand ganz in der Naehe unseres Busses ein Kleintransporter mit der Aufschrift „CargoBus“. Dort setzte er mich hinein und in Windeseile hatte ich Strassen gequert, bin mehrmals abgebogen und wurde direkt dort abgesetzt, wo ich hinwollte.

Die Kueche.

Wie war ich froh. Zu Fuss haette ich eine kleine Ewigkeit benoetigt. Sofort hatte ich mein Fahrrad wieder und 10 Minuten spaeter stand ich vor Evrens Haustuer in der Albertastrasse. Fuer Touristen ist diese Strasse ein kleiner Hoehepunkt des Stadtbesuches. Die Fassaden der herrschaftlichen Altbauten sind ueberwaeltigend. Die meisten der Gebaeude stehen unter Denkmalschutz. Fuer mich wuerde eines von ihnen fuer eineinhalb Wochen zu einem kleinen Zuhause werden.

Als ich ankam war es bereits daemmrig. Ich konnte gerade noch erkennen, dass die Altbauten links und rechts des Weges heute nicht mehr ganz so glaenzend, einstmals aber in herrschaftlicher Groesse und Ueppigkeit das Strassenbild dominiert haben mussten. Nun befanden sich unter den aufwendig restaurierten Gebauden aber auch solche, denen der ergraute Putz von der Fassade broeckelte. Keines der uebrigen Haeuser wirkte aber so verfallen, wie das Haus, vor dem ich nun stand. In grossen Blasen loeste sich schmutzige Farbe von der Hauswand, kein einziges Licht erleuchtete die vielen Fenster, einige Scheiben waren eingeschmissen oder zerbrochen, ein dumpfer Geruch entstroemte dem Gemaeuer. Die Wohnungen wirkten vollkommen unbewohnt. Es kam mir unheimlich vor, als ich in den schwarzen Vorflur trat.

Bei Tageslich sieht

vieles anders aus.

Ehemals reich verziert, ragten nun tote Stromkabel aus den Waenden, es gab keinen Lichtschalter und keine Klingel. Eine nachtraeglich eingezogene Metalltuer versperrte mir bereits nach wenigen Schritten den weiteren Zugang ins Treppenhaus. Evren hatte mich damals in der Mongolei bereits vorgewarnt: „Ihr seid gerne eingeladen, doch das Haus, in dem ich wohne, ist alt und unrenoviert. Die Wohnung ist geraeumig, gross genug um auch ein Zelt aufzustellen, doch leer. Der Wind pfeift durch die Fenster und die hohen Raeume sind unbeheizt. Im Winter frieren die Wasserleitungen ein, es ist sehr kalt.“

Schritte polterten auf der anderen Seite der Tuer das Treppenhaus hinunter. Ich hatte Evren telefonisch erreicht und nun schwang die Metalltuer auf. Mit einem breiten Laecheln begruesste er mich, nahm mir die Taschen ab und schleppte sie die breite Holztreppe hinauf in den ersten Stock. Ich trug mein Fahrrad hinterher, neugierig auf das, was mich erwartete. Das, was ich tatsaechlich vorfand, ueberstieg meine verruecktesten Fantasien. Nach und nach entdeckte ich eine riesige Wohnung mit hohen Raeumen und grossen Fenstern. Lange Risse zogen sich die Waende hinab. Hier und da broeckelte der Putz. Der aufwaendige Stuck an den Decken fiel nach und nach auf das stumpfe Parkett.

Riga hat eine schoene Innenstadt

nicht weit vom Meer.

Dort, wo ehemals Zwischenwaende eingezogen waren, klafften grosse Loecher in Decken, Waenden und Fussboeden. Vereinzelt standen Moebelstuecke aus dem Sperrmuell herum. Ich froestelte, es war kalt und zwielichtig hier drinnen. Evren und seine Mitbewohner hatten das Ihre dazugetan, um der Wohnung etwas Gespenstisches zu verleihen. Ich erschrak, als ich in meinem Zimmer eine alte Arztliege vorfand auf der eine lebensgrosse Puppe drappiert war, die gelangweilt an die Decke starrte. Ueber meinem Bett hing ein Skelett aus Papier. Im Nebenzimmer ging man ueber die Kreideumrisse einer Mordszenerie. Einzelne Tueren waren mit rotweissem Plastikband abgesperrt. Weil Evren kurze Zeit nach meiner Ankunft noch einmal zur Uni musste, setzte ich mich in sein Zimmer. Es war weniger abweisend, sogar ein wenig gemuetlich eingerichtet und frisch verputzt, in einem dunklen weinrot gestrichen. Dort verbrachte ich meine Wartezeit vor dem Computer, abgelenkt von dem, was mich ausserhalb der Zimmertuer umgab. (Videorundgang durch Evrens Wohnung: Teil1, Teil2)

In den naechsten Tagen, war ich froh, das Haus hin und wieder verlassen zu koennen. Selbst bei stroemendem Regen erschien mir Riga willkommener, als das Heim, in dem ich nun mein Schlaflager aufgeschlagen hatte. So schlenderte ich duch die Altstadt mit iren Kirchen im Stile der Backsteingotik, Kopfsteinpflastern, Treppengiebeln und zahllosen Bars, Cafes und Restaunrants. Hin und wieder genoss ich eine heisse Schokolade und bruetete nebenbei ueber die Kriminalfaelle des Sherlock Holmes. Ich wartete auf die Ankunft der Jungs.

Nach vier Tagen hatten sie es endlich geschafft. Am 19.10. am freuhen Nachmittag klingelte endlich mein Handy. Sven und Hannes standen voellig durchnaesst vor der Tuer und wollten hinein. Ich freute mich riesig.

Cafe in der Innenstadt.

Unsere letzte Station (19. – 22.10.)

(S) Wir packten unsere Raeder nicht einmal ab, denn inzwischen haben wir eine Technik entwickelt ein Rad nach dem anderen komplett beladen die Treppe hinaufzuschieben. Evren staunte ueber die Menge unseres Gepaecks und wir, als wir oben angekommen waren, ueber sein Wohnung. Tatsaechlich: Rieessig – 250 (hauptsaechlich ungenutzte) Quadratmeter. Wir konnten verstehen, dass Judith hier alles, insbesondere, wenn man alleine durch die leeren Raeume streift, sehr, sehr unheinmlich anmutete. Nun, zu viert und dadurch etwas belebter, war es einfach nur noch schraeg :) . Wir begruessten den Bierdosenmann (denn Bierdosen formten das Rueckrad der Puppe) auf der Arztliege, inspizierten „Toni’s Territory“ im Bad (Toni ist der Mieter der unteren Wohnung und ein Bereich im Bad ist akut durchbruchgefaehrdet) und zollten den Kreideumrissen von erschossenen Hunden auf dem Flur Respekt. Eben eine Erlebniswohnung.

Wir wuerden eine knappe Woche hier in Riga bleiben. Viel hatten wir uns nicht vorgenommen: Wir buchten die Faehrtickets nach Luebeck, schlenderten ein paar Mal durch die Altstadt und verbrachten auch viel Zeit (sinnvoll und -los) im Internet. Abends kochten wir mit Evren oder sassen gemuetlich bei einem Bier zusammen. Nun sind es noch zwei Tage, bevor wir unsere Raeder auf das Schiff schieben, dass uns nach Travemuende bringen wird. Wenn wir an die vorzeitige Heimkehr denken, fuehlt sich alles richtig an. Sicher, mit ein wenig Wehmut blicken wir zurueck, aber noch gespannter schauen wir nach vorn. Mal sehen, was das naechste Jahr uns bringen, in welche Staedte es uns verschlagen und was alles passieren wird.

<< zurück weiter >>